Das Studierenden Theater der Universität Zürich (kurz: StuThe) präsentiert seinem Publikum einen Klassiker. Arsen und Spitzenhäubchen von Joseph Kesselring feiert seine Premiere am 11. Oktober im Theatersaal der Universität Irchel.

„Wir haben auch das Recht auf unsere kleinen Geheimnisse“

Als ich den Saal betrete, begegnet mir ein minimalistisches Bühnenbild in schwarz-weiss. Die mit schwarzem Molton verhangenen Wände werden geschmückt von einfachen zusammengezimmerten weissen Sarg-Rahmen, die als Ein- und Ausgänge dienen. In der Mitte steht, ebenfalls in der Form eines Sarges, eine grosse Truhe.

Als das Licht erlischt, wird es ganz still im Saal. Das zuvor vorherrschende Stimmengewirr und Gelächter verstummen. Das Kribbeln der Premiere wird spürbar, die Spannung steigt. Dann, ganz langsam wird es auf der Bühne hell und das Stück beginnt.

Das Schauspiel dreht sich um die beiden Damen Abby (Alexandra Maximova) und Martha Brewster (Janine Schniering). Zwei absolut liebenswerte Tanten, die vermeintlich keiner Fliege was zu Leide tun könnten. Mit im selben Haus wohnen Teddy (Lucia Krones), der sich für Präsident Roosevelt hält und im Keller den Panamakanal aushebt, und Mortimer (Alina Schmidli). Letzterer macht gleich zu Beginn seiner Freundin Elaine (Alexandra Sigrist) einen saloppen Heiratsantrag, den sie überglücklich annimmt und sogleich ihren Vater, von Beruf Pfarrer, beauftragt die Hochzeit zu planen.
Eigentlich möchte sich Mortimer nun bereit machen, da er später mit Elaine ins Theater gehen will, wo er als Theaterkritiker ein neues Bühnenwerk beurteilen soll.
In diesem Moment kippt, ganz aus Versehen, die Truhe auf und zum Vorschein kommt – eine Leiche. Mit dem hat Mortimer definitiv nicht gerechnet. Er schiebt den Mord direkt auf seinen verrückten Bruder Teddy. Seine Tanten berichtigen dies jedoch und gestehen ihm voller Freude, dass sie für diesen Mord und noch elf weitere, verantwortlich sind. Teddy helfe ihnen nur. Er buddle ja sowieso den Panamakanal und die „Gelbfieberleichen“ finden dann unten im Keller ihre letzte Ruhestätte. Verzweifelt versucht Mortimer nun das Gesagte zu verarbeiten und die Leiche los zu werden.
Als dann noch sein verschollener, zwielichtiger Bruder Jonathan (Leandra Willi) zusammen mit einem schrägen Doktor und dessen Gehilfe erscheint und die Polizei auch ständig im Hause Brewster ein und aus geht, geraten Mortimers Pläne immer mehr durcheinander und das Tohuwabohu ist komplett.

Da kann doch jeder mal den Kopf verlieren

Nebst Teddy, der das ganze Haus, inklusive Nachbarschaft, zusammentrötet und definitiv verrückt ist, den beiden Tanten, die ja auch irr sind und Jonathan, der ebenfalls keinen klaren Verstand vorweisen kann, strapazieren sich auch langsam die Nerven von Mortimer. Da kann doch jeder mal den Kopf verlieren, kommentieren die Tanten und meinen nicht etwa ihre Leichen im Keller, sondern die Hochzeitseuphorie.

Doch wie soll dieses Durcheinander nun aufgelöst werden? Und wird Mortimer schlussendlich auch dem Irrsinn verfallen?

Eine Musikeinlage, die einen Schaudern lässt

Die zwölf Darstellerinnen und vier Darsteller zeigen eine solide Schauspielleistung. Dass die Niveaus unterschiedlich sind, stört das Gesamtbild dabei nicht. Herausragend sind die beiden Tanten, die mit Humor, Situationskomik und einem Gespür für Takt überzeugen. Das StuThe arbeitet mit kleinen Effekten, die jedoch grosse Wirkung erzielen, so zum Beispiel eine Grusel-Musikeinlage: Jonathans Auftritt geschieht im Zwielicht. Er kommt nicht etwa von einem Seiteneingang, sondern tritt von hinten durch das Publikum auf. Es läuft kalt den Rücken runter, wenn die groteske Figur zusammen mit seinen Kumpanen durch den Gang schleichen. Untermalt wird das Ganze mit Geräuschen, die die Spielenden im Verborgenen machen. Das Einzige, was auf der Bühne zu sehen ist, sind die Hände, die aus den Sarg-Rahmen kommen und mit einem herkömmlichen Gegenstand (z.B. mit einer Raffel oder Hölzchen) herumhantieren und so Laute von sich geben. Ein Teppich unheimlichen Gesangs begleitet das Ganze. Eine sehr gelungene Szene, mit wenig Aufwand und doch sehr grosser Wirkung. Auch das Schlussbild hat überzeugt. Die liebevollen Tanten wollen auch einem letzten Opfer in den Tod verhelfen.

Für mich war es schön zu sehen, wie trotz weniger Mittel die Liebe zum Detail spürbar wurde. Das beispielsweise im Bühnenbild, aber auch was die Schauspieler*innen anbelangt. So wurden viele Herrenrollen von Frauen übernommen. Das hat mich nochmal genauer hinsehen lassen, wie eine Frau die jeweilige Rolle interpretiert und realisieren lassen, dass type-casting nun wirklich der Vergangenheit angehört – zum Glück. Goutiert wird das zum Schluss mit einem herzhaften, langen Applaus vom Publikum. Eine gelungene Premiere!

Wir haben leider vor Redaktionsschluss kein Bild erhalten, daher hier ein Schnappschuss.
Vorgestellte Produktion:
Arsen und Spitzenhäubchen
Studierenden Theater Zürich
Wahrhaftig, gütiger und hilfsbereiter könnten die Schwestern Martha und Abby Brewster kaum sein. Zusammen mit ihren beiden Neffen Teddy und Mortimer führen sie ein gewöhnliches, frommes Leben im Brook…
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