Im Theaterstück ChaTraum verhandeln die Ü13 des Jugendtheaters Kerzers die Grenzen zwischen Realität und Fiktion gleich auf zwei Ebenen. Zum einen zwischen dem echten Leben und der virtuellen Kommunikation, Existenz oder Vermarktung auf den Sozialen Medien. Zum anderen zwischen der Realität und den eigenen Träumen. Dabei spielen die Traumatisierungen der Figuren eine entscheidende Rolle in Bezug darauf, was für Träume gewünscht und gelebt werden wollen.
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© Flo Brunner

Hässliche schöne Welt

Der Einstieg zeigt gleich die Gegensätzlichkeit zwischen dem weltverbessernden Hippie und dem pessimistischen Chef. Sie debattieren über die Schönheit und Grausamkeit der Welt. Ihre Perspektiven sind eindeutig gegensätzlich. Um seine innere Leere zu füllen, gründet der pessimistische Chef einen Chatraum, damit er am Leben von Benutzer:innen teilhaben kann. Wenn es sein muss auch auf illegale Weise. Der Dialog, in dem Genanntes herauskommt, erinnert gezwungenermassen an die illegal gefilmte Nacktszene aus dem Film Snowden, in der eine Frau über die Kamera ihres Laptops heimlich beim Ausziehen gefilmt wird. Glücklicherweise sprengt dieser Vorfall die Geduld des Assistenten und er geht gekonnt gegen seien Chef vor. Chef und Assistent teilen sich die (Chef-)Etage und befinden sich zuoberst im dreistöckigen Bühnenbild. Sie springen deshalb regelmässig die Leiter hoch und runter, was zu einer gewissen Komik führt.
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© Flo Brunner

Zerrissene Figuren

Im zweiten Geschoss lebt der immer fröhliche Hippie mit seinen Pflänzchen, die er fürsorglich giesst. Übertriebener Optimismus ist sein Hauptanliegen. Selbst als er die Tussi des unteren Stocks, also dem Erdgeschoss datet. Seine Haltung: Man muss nur allen Widerständen zum Trotz durchhalten. Beim gemeinsamen Joggen zieht er davon, während die Tussi fast krepiert. So viel zu seiner Weltverbesserung und Rücksichtnahme. Die Tussi lässt dies zweimal mit ihr geschehen. Beim zweiten Versuch kommt die Selbsterkenntnis: Er mag Joggen selbst nicht. Wie in diesem Beispiel laufen sämtliche Figuren auseinander. Sie sagen das eine und leben das andere. Besonders zum Vorschein tritt dies, wenn andere Darsteller:innen die inneren Stimmen der anderen Figuren sprechen. Die Figuren wirken wie ausgetauscht. Der böse Chef liebt kleine Kätzchen, das normal wirkende Mädchen von nebenan wünscht sich den Tod und der schüchterne Nerd spielt exzentrisch Kriegsspiele auf der Playstation. Das breite Spektrum der Figurenarbeit ist bewundernswert.
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© Flo Brunner

Dystopische Hoffnung

Die einzelnen Begegnungen werden von stummen Gruppenszenen durchbrochen. Sie sind mit Musik unterlegt. Hervorragend ist die Yogaszene im Park, in der alle sechs Figuren in ihrer Eigenheit Yoga machen. Besonders aufgefallen ist das Mädchen von nebenan mit ihren gewollten, aber verfehlten Verführungsversuchen. Bei dieser Szene musste ich lachen. Eine weitere Szene zeigt eindrücklich, wie der Chef seine Puppen tanzen lässt. Insgesamt treibt eine gefährliche unheimliche Musik das Stück immer wieder von neuem an. Als wollte sie das etwas dystopische Ende voraussagen. Denn der Nerd wünscht sich eine Freundin und das Mädchen von nebenan jemanden, der mit ihr in den Tod geht. Aber es kommt anders. In seiner Verzweiflung Liebe zu finden, ist der schüchterne Nerd bereit, seinem Leben auch allein ein Ende zu setzen. Darüber kann selbst die Katze, die der Assistent seinem Chef danach zum Abschied schenkt, nicht hinwegtrösten. ChaTraum interpretiert die Sozialen Medien dystopisch, denn obwohl alle Figuren miteinander verbunden sind, scheinen sie sich allein zu fühlen. Keine Figur wird glücklich, ausser vielleicht der Chef mit seiner Katze. Diese Hoffnung bleibt.
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© Flo Brunner

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