Lichterspiel, 20er Jahre Sound und Isolationsanzüge

Für mich beginnt ein Theater immer schon dann, wenn ich das Gebäude betrete. In der Gessnerallee 11, im Podium der ZHdK, begrüsst mich ein warmes, farbiges Licht, erzeugt von einer Discokugel. Das langsam drehende Lichtspiel, kombiniert mit aufgelegter Musik (von Ashwini Anthony), der 1920er/30er Jahre, stimmt mich schon zu Beginn richtig freudig auf das, was da kommen mag. Da noch etwas Zeit ist, lese ich den Flyer. Die Stimmung im Foyer passt irgendwie nicht so recht zu dem, was ich da lese:

«Jede soziale Bewegung ist eine Minderheitsbewegung am Anfang. Und sie wird verpuffen oder Subkultur bleiben, wenn nicht Angehörige der Mehrheitsgesellschaft diese Anliegen übernehmen.»

© Cedric Christopher Merkli

Ich trinke gerade meinen letzten Schluck Apfelsaft, als plötzlich das Licht erlischt und die Musik abrupt verstummt. Drei Frauen in Isolationsanzügen mit Mundschutz und bewaffnet mit Taschenlampen fordern das Publikum auf, sich zum Sammelpunkt zu begeben. Wir alle erhalten Schutzmasken. Die CO2 Werte seien viel zu hoch und deshalb, so die Aufforderung von Seiten des Bundes, hätten sich nun alle in den Schutzbunker zu begeben.
In Zweierreihe marschieren wir durch dunkle Gänge, müssen den zuvor erhaltenen Stempel vorweisen und werden in einen Raum geführt. Ein seltsam dumpfes Licht taucht den Raum in orange. Esswaren und Getränke werden weggenommen – das diene nun dem Kollektiv und werde rationiert. Wir setzen uns in die in Hufeisenform angeordneten Stuhlreihen. Uns wird mitgeteilt, dass derzeit noch keine weiteren Informationen zum aktuellen Notstand vorliegen würden und wir nun warten müssen.
Stille.
Ein Husten. Räuspern. Wieder Stille. Ein Rascheln. Stille. Wunderschöne Momente, in dem die Zuschauenden ganz ihrer Imagination überlassen werden.
Zwei Kinder stehen auf, gehen ganz langsam die Reihen entlang und blicken die Zuschauer*innen direkt an. Vorwürfe? Angst? Mitleid? Trauer? Es tut sich eine ganze Welt auf in den stillen Minuten, in denen nichts geschieht.
Die Kinder holen hinten ein Eis. Doch es ist zu warm, der Stil rutscht raus, sie müssen ihr Eis auslöffeln. Dann: „Hend ihr zum Spiele abgmacht oder zum at Demo gah?“ „Isch eues Glace au scho so schnell gschmulze?“ „Hend ihr i eusem Alter au scho druf glueged, wieviel Plastik ihr verbruched?“ Stille. „Suscht no Antworte?“ …

© Cedric Christopher Merkli

Die Ratlosigkeit des Klimawandels – oder die Rettung der Erde

Das Stück spielt in einer Zukunft, in der der Klimawandel fortgeschritten ist. Wer ist daran schuld? Sind es die Generationen zuvor, die zu wenig darauf geachtet haben? Geprotzt haben? Sich nicht kümmerten? Wie könnte man die Erde retten? Und braucht die Erde überhaupt jemanden, der sie rettet? Die Inszenierung lebt von Bildern – Bilder, die Fragen aufwerfen:
Ein Mädchen spielt mit einem Minipic. Sie packt es zuerst aus dem Plastik aus, dreht und wendet es, biegt es (– habt ihr schon mal überlegt oder ausprobiert, wie sehr sich ein Minipic biegen lässt? Es ist erstaunlich…) Sie steht auf und bietet das Minipic den Zuschauern an. Nach dem zuvor Gesehenen will es keiner mehr.
Ein junger Mann in einem einfachen Anzug bringt eine Lilie auf die Bühne und merkt an, wie schön sie ist und wie gut sie duftet. Er sei dafür, dass eine Lilien-Bewegung durch die Welt gehen solle. Ein bisschen mehr Schönheit in der Welt.
Grosseltern sitzen mit ihren Enkeln draussen. „Grossmami, was isch Schnee?“ In einer harmonischen, liebevollen und wiederum stillen Szene reissen sie Papierfetzen auseinander und lassen sie fliegen.
Ein in Vollmontur gekleideter Skifahrer (Florian Lampert) kommt in den Raum und fährt Ski. Ohne Schnee. Aber um des Skifahrens-Willen. Schweissgebadet.
In der Schlussszene – die Zuschauer*innen stellen die Stühle so um, sodass ein Kreis entsteht – spielt ein Musiker auf einer Gitarre den Ton der Erde, währenddessen ein Erdball im Kreis herumgegeben wird. Die Zuschauer*innen stellen zusammen die Umlaufbahn der Erde dar. Die Stimme der Exoplanetenforscherin Caroline Dorn erklärt, dass die Sonne sich ausdehnen und die Erde verschlucken werde. Irgendwann werde kein Leben mehr auf der Erde möglich sein, zumindest nicht so, wie wir uns das vorstellen. Es gibt sowieso keine Hoffnung für das Leben auf der Erde. Früher oder später wird es uns Menschen nicht mehr geben.

Eine Abschlussarbeit mit viel Schwung, Elan und ganz viel Herz

Superplanet ist die Abschlussarbeit der ZHdK-Absolventin Noëmi Berger im Bereich Theaterpädagogik. Zusammen mit David Julian Reichel (dem Outside Eye und Teil der künstlerischen Arbeit) hat Noëmi in einer relativ kurzen Probezeit von ca. zwei Monaten mit dem von ihr zusammengestellten Ensemble dieses Stück erarbeitet. Sie hat sehr viel aus den Schauspielern herausgeholt – das Spiel ist stets glaubhaft, authentisch und ernst. Noëmi hat es geschafft, die schwierigen Themen Klimawandel und Zukunftsbewusstsein anschaulich zu beleuchten und auf die Theaterbühne zu bringen. Und das, ohne anzuklagen oder Vorwürfe in den Raum zu stellen. Sehr schön ist, dass sie mit verschiedenen Generationen arbeitet. Trotz Fehlen eines roten Fadens (was allerdings nicht gestört hat) – die erschaffenen Bilder sprechen für sich.

Vorgestellte Produktion:
SUPERPLANET
Zürcher Hochschule der Künste
«Jede soziale Bewegung ist eine Minderheitenbewegung am Anfang. Und sie wird verpuffen oder Subkultur bleiben, wenn nicht Angehörige der Mehrheitsgesellschaft dieses Anliegen übernehmen.» Ein studenti…
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