Mit «Bullestress» zeigt das Schauspielhaus Zürich ein Stück der Extraklasse mit dem Hauptthemenschwerpunkt Rassismus. Man könnte meinen, dass es ein ermüdendes Thema ist, weil omnipräsent und schon viel darüber diskutiert wird. Manch einer glaubt vielleicht sogar, in der Schweiz sei dieses Thema nicht aktuell. Doch das Stück zeigt auf – weit gefehlt! Auch in der Schweiz ist Rassismus brandaktuell. Vielleicht gerade deswegen, weil vieles hinter halb vorgehaltener Hand geschieht und sich das Land mit einer Neutralität brüstet, die es schlicht oft nicht gibt. Umso relevanter ist es sich damit auseinanderzusetzen, darüber zu schreiben und Theater zu machen.
An diesem Abend beweisen die Darsteller:innen echtes schauspielerisches Talent und eine unglaubliche Energie! In 1h 45Min. spielen sie dieses atemberaubende, aus dem Leben gegriffene Stück – ohne Pause durch. Eine echte Meisterleistung.

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© Gina Folly

«Mir sind e Crew!»

In diesem grandiosen Stück, geschrieben von Fatima Moumouni und Laurin Buser, agieren die Bandmitglieder Ella, Mari, Damn, Nabil und Astro. Ellas Bruder wurde Opfer von Polizeigewalt und Racial Profiling, ohne dass er etwas gemacht hat. Natürlich beschäftigt das alle in der Crew. Und jeder hat zum Thema seine eigene Haltung und seine eigene Art damit umzugehen:
Während sich Ella (grossartig gespielt von Pauline Avognon) in den Aktivismus stürzt und sich dadurch beinahe erschöpft, sucht Mari (Samira Graf) den Weg des «White Passing» (möchte nicht als Migrantin erkannt und abgestempelt werden), Nabil (Moubarak Djibril) macht einen auf Kumpel und versucht seinen Schmerz und die Hilflosigkeit mit Sprüchen wegzulachen, Astro (Fayrouz Gabriel) sucht in der Musik einen Neuanfang und will das Thema Rassismus darin verarbeiten, Damn (Flynn Jost) sieht sich als «Ally», also als Verbündeter in der Antirassistischen Bewegung, merkt aber, dass auch diese Position gar nicht so einfach ist und es unglaublich schnell geht und man doch Unterschiede zwischen Menschen macht.

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© Gina Folly

Same same but different

Auf einfühlsame und sehr klare Art und Weise inszeniert Suna Gürler dieses Stück. Mit einem einfach gehaltenen Bühnenbild und geilen Beats, die animieren aufzustehen und mitzutanzen. Sie leitet das Publikum gekonnt von einer Perspektive in die andere, zeigt auf, dass jede Haltung zum Thema ihre Berechtigung hat und es gar nicht so einfach ist sich klar zu positionieren.
Und genau das geschieht auch in der Band: Rassismus zeigt sich oft perfide, fadenscheinig und abstrus. Vor allem dann, wenn keiner da ist, der mitbezeugen kann, was vorgefallen ist, was für verletzende Sätze gesagt und Handgreiflichkeiten angewandt wurden. Die Szenerie spitzt sich zu, die guten Freunde zerstreiten sich, driften immer mehr auseinander und es droht das Aus der Band, weil nicht mal mehr das gemeinsame Musik machen Halt bieten kann. Ein Happy End bleibt aus. Und das ist auch gut so. Denn zu oft gibt es kein Happy End bei rassistischen Situationen, im Alltag wie auf der Bühne. Als Opfer von Rassismus bleibt man im luftleeren Raum. Ohne Hilfe und ohne Antwort.
«Rassismus fangt im Chopf ah. Und Schwizer:inne redet nöd über Sache, wo im eigete Chopf passiered.» Vielleicht ist genau das der Ansatz, der aus der Situation helfen würde. Darüber sprechen. Immer und immer wieder. Jeder Einzelne von uns. Mit Freunden, mit Verwandten, Bekannten, Fremden. Egal wie unangenehm es vielleicht wird, egal wie unterschiedlich die Haltungen sind. Denn nur so – ob schriftlich, mündlich, in Musik oder an einem Theaterabend – nur im Dialog können wir dieses Thema an uns heranlassen und lässt sich vielleicht ein Konsens finden. «Mer muess realistisch si.», sagen Herr und Frau Schweizer, «Debi sind mer am beste Ort zum sich mal öpis getraue.» Das Wagnis scheint es allemal wert.
Die Autor:innen Laurin und Fatima und die Regisseurin Suna bringen mit «Bullestress» ein Stück auf die Bühne, dass es braucht, vielleicht in der aktuellen Weltlage noch mehr denn je. Es braucht Rücksichtnahme und auch den Versuch von Verständnis für die Situation des jeweils anderen. Es braucht die Diskussion und immer wieder die Auseinandersetzung mit diesem Thema.

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