Das Stuthe räumt mit der Menschheit auf oder besser gesagt baut es die Menschheit ab. Der passende Titel des Theaterstücks verweist auf den Inhalt: Abraumhalde. Zwischen Paletten, Plastikfolie und Reclamheften, werden gnadenlos menschliche Werte verhandelt, kritisiert und explizit aufgedeckt.

Zwischen Realität und Fiktion

Das Bühnenbild ist mit einem Stapel Paletten in der Mitte der Bühne, einer Leinwand dahinter und einem Schreibtisch rechts davon ausgestattet. Darum liegen durchsichtige Plastikfolien. Alle Darsteller:innen tragen weisse T-Shirts und dunkel Hosen. Um die Rollen zu verdeutlichen, tragen sie Gegenstände aus Goldfolie. Saladin einen riesigen Turban, Nathan eine Kette und Curd von Stauffen ein Schwert mit Gürtel. Das Bühnenkonzept ist relativ schlicht, dafür anpassungsfähig. Es wird während des Stücks vollständig umgebaut.
Das aufreibende und faszinierende an der Inszenierung ist der Inhalt des Stücks. Auch wenn schwere Kost. Der Fiktionale Text Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing wird mit Josef Fritzl vermengt. Nathans Tochter Recha wird in einem Verliess ähnlich wie Rapunzel gefangen gehalten. Dazwischen Szenen die grundsätzliche menschliche Fragen aufwerfen und verhandeln, aber etwas kontextlos dazwischengeschoben sind. Dafür bleibt die Aufführung voller Spannung. Unzähligen Themen werden angeschnitten, bearbeitet und dann fallen gelassen. Die Fiktion von Nathan der Weise passt sich der Realität von Josef Fritzl an. Zum Beispiel dann, wenn Rechas Bruder Curd von Stauffen erfährt, dass Recha seine Schwester ist und sie darauf hin vergewaltigt. Ästhetisch gut umgesetzt, nichtsdestotrotz heftig mitanzusehen.

Themen Komplex

Zwischen Covid-19 Pandemie, Anspielungen auf den Ukraine Krieg, mögliche Atomkatastrophen und den Werten der Menschheit oszilliert das Stück. Behandelt nichts Konkretes, ausser der Anklage an das Ungenügen der Menschheit. Was für einen Wert hat der Mensch dem Menschen? Es scheint die Antwort sei, dass der Mensch dem Menschen ein Feind ist. Eine der letzten Aussagen im Stück bringt diese Haltung auf den Punkt: «Menschen vergehen, wenn sie sich selbst Verdampfen». Eine Anspielung auf einen Atomkrieg, denn im Kern einer Atombombe sublimiert Lebendiges.
Gnadenlos wird mit der Menschheit abgerechnet, zwar gnadenlos, aber auf eine bereichernde Weise. Die Darstellung ist heftig, aber bewegend. Sie regt zum Nachdenken an. Gegen Ende bekleiden sich alle Darsteller:innen in Laboranzüge und räumen die Bühne um. Sie erstellen eine Sperrzone mit mehreren Absperrbändern, den aufgestellten Paletten und den durchsichtigen Plastikfolien. Die sperren und räumen die Bühne ab. Sie wird sinnbildlich zur Abräumhalde, die sie schon das ganze Stück über war. Endend mit den Worten: … vielleicht später. Vielen Dank.

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Tanja Hoppler

Léonce Aklin

Andra Möckli
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