Freundlichkeit steht über, zwischen, vor und hinter Allem. Oder? «frisch und fründlich» lautet der Titel des Stücks vom Spielclub Baden, das am Jugendtanz- und -theaterfestival fanfaluca zum ersten Mal ausserhalb des Badener Theater im Kornhaus gezeigt wird. Sowie der Titel daherkommt, wird auch im Stück schnell klar, dass hier Platituden demontiert werden; dass das Freundliche, wie man es antrifft im Alltag, stets Abgründe, Lust und Zuneigungen – also das Mönschele – verdeckt.

Frisch_Fruendlich_Fanfaluca
© Bettina Diel
Zu Beginn des Stücks treten die Spielenden aus der Seitengasse auf und reihen sich vor dem Publikum auf. Sie tragen ein Lächeln im Gesicht, das so aufgesetzt wirkt wie ihre pastellfarbenen Anzüge. Der Auftritt in diesen Kostümen kondensiert bereits, was die Umgangsformen der Freundlichkeit mit uns tun: Sie normieren und gewähren gleichzeitig ein Mindestmass an persönlichem Ausdruck. Subtil machen sich die Unterschiede der Figuren bemerkbar. Die eine trägt einen hellblauen Anzug in Übergrösse und weckt Erinnerungen an die schmierigen Gebrauchtwagenverkäufer aus amerikanischen Filmen, während man bei der Figur am anderen Ende der Reihe in ihrem ockerfarbenen Anzug eigentlich gar nicht anders kann, als einen konservativen Politiker zu sehen.
Politik ist dann auch das überleitende Stichwort zu dem, was das Stück dramaturgisch zusammenhalten soll: In einem Polittalk, dessen Ähnlichkeit zur Arena-Sendung des SRF unverkennbar ist, sollen die verschiedenen Positionen und Auffassungen zu Sinn und Zweck von Freundlichkeit verhandelt werden. Die Studioeinrichtung beläuft sich auf Kartonkisten, die zu Rednerpulten getürmt werden. Es wird einem augenblicklich klar, dass diese Kisten wohl übers ganze Stück hinweg immer wieder bemüht werden. Der Moderator der Sendung, der in seinem rotweissgestreiften Anzug wie ein Direktimport aus dem Italopop der 70ger Jahre wirkt, will die Debatte starten. Aber aus lauter Freundlichkeiten kann kein Gespräch entstehen. Die Talkgäste, kaum haben sie das Wort ergriffen, bitten um Entschuldigung, überlassen einander den Vortritt und versuchen in alledem freundlich und frisch zu bleiben. Sie scheitern an ihrer Freundlichkeit.
Der Rahmen des Stücks ist gesetzt. Es folgen einzelne szenische Exkurse, die teilweise wie Fernsehbeiträge an- und abmoderiert werden. Es ist ein etwas zu lockerer dramaturgischer Rahmen, mit dem auch nicht sehr konsequent umgegangen wird.
«frisch und fründlich» weist den Charakter einer Werkschau auf. Aber – und das ist das Schöne an diesem Abend – den Charakter einer sehr guten Werkschau. Der Spielclub Baden brilliert etwa in der Szene, bei der eine junge Frau den aufdringlichen Mann an der Bushaltestelle aus Freundlichkeit nicht zurückweist. Genau in diesem Leerraum lebt dieser Mann seine Perversion aus und begeht Grenzüberschreitung um Grenzüberschreitung. Das ist alles sehr klug erzählt und vor allem wunderbar inszeniert: Den Part des Mannes übernimmt das ganze Dispositiv der Schauspielenden. Alle haben Gesprächsanteil, speien lüstern ihre Repliken, während sie sich einheitlich bewegen und so zu einem grossen und bedrohlichen Körper werden.
Unglaublich zart ist die Begegnung zweier Figuren umgesetzt, die sich über einen Konflikt immer näherkommen. Das Ganze startet mit einer freundlichen Zurückweisung: «Entschuldigen Sie bitte, Sie kommen mir zu nahe.» Worauf die andere Figur genau dasselbe in aggressiverem Ton erwidert. Es entsteht ein Gerangel unter der stetigen Wiederholung dieser Repliken, das zunehmend lieblicher wird, bis sie schlussendlich verliebt aneinander geschmiegt am Boden liegen. Als eine dritte Figur dazukommen will, wird dieser harsch vertrieben mit den Worten: «Entschuldigen Sie bitte, Sie kommen mir zu nahe.»
Witz und Ideenreichtum des Spielclubs machen sich auch bemerkbar, wenn mit den eigenen inszenatorischen Ideen gebrochen wird. Einmal kommt das Polittalk-Setting ohne die Kartonkisten aus. Da mimen kurzerhand die Schauspielenden die Rednerpulte. Sie gehen dazu in die Kerze und die Redner:innen nutzen deren Füsse als Pultablage. Eine der Politiker:innen untermauert ihre Ansichten mit starker Gestikulation, was ihr Pult kitzelt. Es beginnt zu lachen. Lustigerweise mimt jenes Pult zwischendurch auch den konservativen Politiker, und so driftet sein sich ständig wiederholendes Votum «gegen eine Kuschelpolitik» immer tiefer ins Absurde ab. Das Stück wirkt vor allem in den performativen und (teilweise sehr!) witzigen Passagen. Die Spielfreude des Spielclubs Baden ausserordentlich hoch. Sprachlich, szenografisch und dramaturgisch variiert das Stück in seiner Qualität relativ stark. Jedoch sind jene Beobachtungen, Erkenntnisse und Wendungen, die ins Schwarze treffen umso präziser und entlarvender; beispielsweise die Formulierung eines Artikels, der darauf abzielt, die Freundlichkeit in der Verfassung zu verankern: «Trotz ist nicht erlaubt. Ausser man ist aus Trotz freundlich.»

Weiterlesen…

Julius E. O. Fintelmann

Isabel Sulger Büel

Sari Pamer
Kommentare unterstützt von Disqus.