Wie beleuchtet man den Goethe-Klassiker Faust von einer anderen Seite? An dieses Experiment wagt sich das Theaterkollektiv Stugütak mit dem neuen Projekt FAUST unter der Regie von Jonin Herzig und Irvin Hostettler. Fremdtext und Metaebenen, so ihr Motto. Der Theaterabend enthält kaum Goethe, es wird hauptsächlich Fremdtext unter anderem von Deichkind, Sophokles und Jelinek gesprochen. Die Sammlung von verschiedenen Fremdtexten liefert nur bedingt einen roten Faden in der Inszenierung. Egal ob man die Originaltragödie Goethes kennt oder nicht, es bleibt eher beim Zuhören, als beim Verstehen.
© Lara Morgan

Liveprojektion

Auch für ihre neue Produktion dürfen Videoprojektionen (Leo Wittwer) nicht fehlen. Das Problem einer kleinen Bühne wird dadurch gekonnt umgangen und öffnet einen weiteren Spielraum. Schnelle Wechsel zwischen der leeren Bühne im Zuschauerraum und den Livevideoprojektionen sind möglich: Mephisto (Jonin Herzig) soll Doktor Wagner (Felice Stockhammer) bei der Erschaffung des Menschen mit seinen magischen Kräften zur Seite stehen, kaum ist der Deal auf der Bühne ausgehandelt, sind sie per Beamer im Labor des Doktors zu sehen. Es folgt die Erschaffung des Homunculus (Christoph Nötzli) - sein Kostüm versetzt das Publikum in Begeisterung. Nur in Frischhaltefolie eingewickelt kriecht er aus seiner Kiste, diese Szene bleibt in Erinnerung.
© Lara Morgan

Die Gretchenfrage

Das Stück ist zwar alles andere als Goethe, aber dennoch bleiben die meisten Figuren der Tragödie erhalten. Aber auch sie zeigen sich von einer ganz anderen Seite - über drei Stunden hält immer mal wieder eine Figur ihren Monolog. Besonders gelingt der von Margarethe (Mena Taverna). Warum machen immer alle so ein Trara um die Rolle des Gretchens, sie ist doch nur eine Nebenrolle? Bei der Inszenierung von Stugütak wird genau dies in einem Monolog infrage gestellt und Gretchen spricht von ihrem eigenen Tod und dem ihres Kindes. Sie ist weder unschuldig noch arm, sie ist eine Kindsmörderin - niemand kann arm und schuldig sein. Gretchen freute sich über den Tod ihres unschuldigen Kindes, es war gut, die Last los zu sein. Mit den Worten «Hasst mich oder vergesst mich» endet der Monolog und die Geschichte Gretchens.

«Metareferenzieller Scheiss»

Nicht nur Gretchen tritt aus ihrer Rolle und bewegt sich auf einer Metaebene, sondern wenn immer möglich wird eine Referenz auf Metaebene eingebaut. Nach der Pause wird als Videoprojektion ein Interview mit Frank Castorf (Sofia Heuri) und dem Journalisten (Christoph Nötzli) bei den Bayreuther Festspielen in sicherem Berlinerdialekt nachgesprochen - ein geglückter Einstieg in die zweite Hälfte. Jedoch bleibt die Frage, wie sowas auf die Zuschauer*/innen wirkt, die weniger vertraut sind mit dem Theatergeschehen und der Zusammenhang vielleicht unverstanden bleibt. Für sie bleibt es wahrscheinlich einfach, wie vom Ensemble ausgedrückt, «metareferenzieller Scheiss».
Das Stück hat aber auch nicht den Anspruch klar und deutlich zu sein, es geht mehr darum möglichst viele Referenzen zu ziehen anstatt diese zu erläutern. Auf die Schlussfrage «Muss denn alles einen Sinn haben?» liefert das Stück selbst die Antwort: Nein!

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