Das oben gezeigte Gedicht ist nicht irgendein Gedicht, sondern die erste digital erschaffene Poesie, das Autopoem No. 1. Aber was heisst denn das, wenn der Computer alles übernimmt, selbst die Kunst?
In WELT DER WÖRTER am Kinder- und Jugendtheater Zug geht es um genau das. Die zwischen zehn und fünfzehn Jahren alten Jugendlichen, sind sich einig: «Sie hend alles cloud, sie hend eus alles cloud!» Sie haben nicht nur die Literatur geklaut, die Bücher, die wundervollen. Bücher, die einen Geruch haben, wenn man an ihnen riecht, eine raue Oberfläche, wenn man sie berührt, rascheln, wenn man die Seiten umblättert - eigentlich ein ganzes Leben in sich besitzen. Sie haben auch die Musik geklaut, die Platten, Kassetten und CDs. Und die Fotos, die nicht mehr im Fotoalbum kleben, die Erinnerungen, die verblassen, weil sie im digitalen Nirvana untergehen. So vieles ist nicht mehr vorhanden, weil alles seine fortwährende Existenz in der Cloud hat. «Jetzt isch alles cloud.»

© Stefan Koch

Die Cloud – eine Wolke für alles

Das Bühnenbild, ein Bücherregal, wird ausgeräumt und beiseite gestellt. An dessen Stelle kommt dafür ein durchsichtiger Screen auf die Bühne. Das Arbeitsinstrument. Denn «Welt der Wörter – die Bibliothek der Zukunft» spielt in einer Cloud, die die Firma Pineapple verwaltet. Und darin ist einfach alles zu finden. Wie in eine Suchmaschine kann man eingeben, was man wissen, hören, lesen, haben möchte und die Cloud spuckt genau das aus, was man will.
Gleich fällt auf, dass die Mitarbeiter, zwar alle in einem Fachgebiet ausgebildet sind, jedoch selber lieber «googeln» gehen, was denn eigentlich zu tun ist. Die Leute scheinen ihre Kreativität und ihre Inspiration komplett verloren zu haben. Alles wird in der Cloud gesucht und gefunden. Es stimmt also doch: «Es ist alles nur geklaut.»
Auch auf die wohlverdiente Pause zum Durchatmen und neue Kraft tanken muss Siri aufmerksam machen. So kommt der Herr Professor da nicht selber drauf, dass ihm frische Luft und ein Kaffee helfen würden, seine Konzentration zu steigern. Nach zwei Versuchen von Siri, die ihm einfach nicht die Antwort liefert, die er gerne hören möchte, findet auch er ihm würden ein Kaffee und etwas frische Luft gut tun.

Zzzzzzt – Licht aus

Was passiert jedoch, wenn der Strom ausfällt? Wenn die Hightech-Cloud plötzlich ins Dunkle verschwindet? Auf der Bühne ist Stille nach dem zuvor hektischen Treiben. Einige Stühle stehen herum. Kerzenschein erhellt den Raum. Man hat wieder Zeit. Zeit nichts zu tun. Mal nicht auf dem neusten Stand zu sein. Zeit einfach zu sein. Jemand setzt sich auf einen der Stühle, klappt ein Buch auf, beginnt den anderen vorzulesen. Und dann… Licht!
Die Oma, die beim Stromausfall gerade wieder zur Ruhe gekommen ist, kommt wieder ins Schleudern. Für sie bräuchte es die Technik nicht. Sie ist dagegen. Sieht sie als einen Kontrollverlust. Sie ist nicht sicher. Von einen Moment auf den anderen könnte alles weg sein. Keine Erinnerungen mehr. Keine Musik. Keine Bücher. Nichts.
Das Bücherregal wird wieder aufgebaut, der Screen steht noch immer davor. «Hey, voll cool! Die Co-Existänz vo alt und neu.» Die Gruppe versammelt sich vor dem Screen. «Selfie-Time!»
Und der Schlusssatz: «D‘Welt isch so viel meh als Cloud!»

Theater kann Spuren von Spass enthalten

Die Spielenden des Kinder- und Jugendtheater Zug haben eine echte Leistung auf die Bühne gebracht. Die liebevolle Inszenierung von Mirjam Dettwiler und Laura Bucher wurde mit viel Herzblut erarbeitet. Etwas Nervosität war durchaus spürbar, auch an einigen Text-Verhasplern, aber das ist nebensächlich. Sie haben zum Nachdenken über die aktuelle Technik angeregt. Schon als ich in den Raum gekommen bin, wurde ich mit Sätzen wie: «Hinweis für Allergiker: Theater kann Spuren von Spass enthalten!» und «Theater kann die Wahrheit ans Licht bringen!» begrüsst. Und das ist auch angekommen.

© Stefan Koch

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