Eine Frau zu Wort kommen lassen: In ihrem ersten Stück MEDEA von Edith Theateremulsion überzeugt die gleichnamige Protagonistin mit ihrer Geschichte. Sie selbst spricht und das ist ganz fantastisch.
Was trieb Medea (Mélanie Carrel) dazu ihre beiden Kinder zu töten? Hierfür gibt es viele Versionen, aber nur eine Wahrheit: Mutterliebe. Es stand ihr zwar nicht zu über das Leben ihrer Kinder zu entscheiden, der Tod hätte nicht der einzige Ausweg sein dürfen. Es schien ihr der Beste zu sein, um ihre geliebten Söhne zu beschützen. Im Stück unter der Regie von Nora Steiner wird keineswegs versucht, den Mord an ihren eigenen Kindern zu entschuldigen; Medea steht zu ihrer Tat und trägt die Verantwortung dafür. Die Protagonistin handelt also weder aus Wahnsinn noch aus Rache, sondern aus reiner Liebe zu ihren Kindern. Die Szene des Beschriebs über den Tathergang wird mit Musik (Stefano Christen) unterlegt und dadurch etwas zu stark dramatisiert. Die Kritik an Normen und Rollenbildern gelingt deutlich besser. Medea schreit wütend und verzweifelt «es sind auch meine!» und meint damit, dass ihr Ehemann Jason nicht das alleinige Entscheidungsrecht über die gemeinsamen Kinder hat. Spätestens dann wird die Kritik an den Rollenbildern und deren Darstellungen in den unzähligen Medea-Versionen klar. Auch sonst ist genügend Platz, um Medea aus ihrer Opferrolle aus Intrigen und Wahnsinn zu holen und zu zeigen, dass auch Mütter fähig sind rational zu denken und einen Kindsmord zu begehen.

Eigene Version

"In anderen Version habe ich", aber in dieser erzählt sie ihre Lebensgeschichte ganz allein. Medea, bekannt als irrationale oder wahnsinnige Frau, bekannt als die Kindsmörderin. Nora Steiner bricht in ihrem Stück mit den Gewohnheiten und lässt Medea im Ein-Frau-Theater selbst zu Wort kommen. Der Raum ist dunkel, nur das Licht eines Streichholzes beleuchtet Medeas Gesicht, während sie erzählt, was andere über sie sagen. Wer ist verantwortlich für das Verschwinden Jasons neuer Verlobten? Es kann nur Medea gewesen sein, sie muss sie getötet haben. Und dies sicherlich aus Eifersucht! Wenn nicht aus Eifersucht, dann aus Rache, eine andere Möglichkeit gibt es nicht! Versionen der Geschichte Medeas, wie war es aber wirklich? Das Licht geht an und Medea erzählt die Wahrheit - ihre Wahrheit. Ein gekonnter Szenenwechsel nicht nur auf der Handlungsebene (Technik Christoph Kaiser). Weder ihr Ehemann Jason, noch dessen neue Verlobte Glauke interessieren Medea, aber wer würde denn schon über Gleichgültigkeit schreiben – es wäre zu unspektakulär. Nicht so für Edith Theateremulsion, die genau mit den Worten Medeas alles andere als einen unspektakulären Theaterabend erreichen.

Wechsel

Das Bühnenbild bestehend aus verschiedenen Stühlen, ist im ständigen Wechsel. Ein Klappstuhl wird als Fernrohr verwendet oder mehrere Stühle werden zusammengestellt und sind ein Schiff. Wandelbar und immer genau das, was Medea braucht, um ihre Geschichte zu erzählen. Nicht nur das Bühnenbild wird ständig verändert, sondern auch die Rollen im Ein-Frau-Theater. Egal, ob Amme mit französischem Akzent, Möchtegern-Held Jason oder den Katzenliebhaber und König von Korinth – Mélanie Carrel wechselt gekonnt von der einen in die andere Rolle und trägt enorm zu einem gelungenen Theaterabend bei!

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