Im Foyer des Schlachthaustheaters in Bern wartet an diesem Abend ein durchschnittlich ungewöhnlich junges Theaterpublikum auf den Beginn der Vorstellung von mi vida en tránsito.
Beim Betreten des Saals trifft das Publikum auf Savino Caruso und Elvio Avila, die sich auf der Bühne in lockerem Ton darüber unterhalten, dass es in Bern winterlich kalt ist, während die Temperaturen in Argentinien auf über 35 Grad klettern. Aber warum Argentinien? Elvio ist digital anwesend und steht eigentlich gerade in einem Zimmer, durch dessen Fenster die argentinische Sonne hereinfällt. Sein Bild wird im Berner Schlachthaus auf eine von zwei grossflächigen Leinwänden projiziert, die leicht angewinkelt auf der Bühne stehen. Zwischen den beiden Leinwänden spannt sich ein durchsichtiges schwarzes Tuch.

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© Ralph Kuehne

Digitale Körperlichkeit

Die gesamte Vorstellung über sehen wir Elvio digital in einem Videocall, Savino real auf der Bühne. Savino warnt uns zu Beginn vor: «Es kann sein, dass die Verbindung zwischendurch mal abbricht». Eine schwierige technische Herausforderung, so ein Theaterstück, bei dem einer von zwei Darstellern Tausende von Kilometern entfernt ist. Je fortgeschrittener das Stück, desto mehr wachsen die digitale und die reale Welt zusammen. Bis Savino als Schattenspiel in Elvios Videobild hineintritt und die Welten in einer digitalen Umarmung der beiden endgültig verschmelzen. Die langen, detailliert ausgearbeiteten Szenen schaffen Raum für eigene Gedanken. Wenn gesprochen wird, zählt jedes Wort. Oft wird auch überhaupt nicht gesprochen. Trotz der digitalen Elemente hat das Stück eine faszinierende Körperlichkeit. Beispielsweise, wenn Elvio, ein begnadeter Tänzer, einen furiosen Stepptanz auf einer hölzernen Tischplatte aufführt: Nur seine tanzenden Beine sind zu sehen. Auf dem Tisch stehen Blumen in mit Wasser gefüllten Vasen. Elvio steigert Tempo und Intensität, bis die Vasen durch die Erschütterungen umfallen und unter seinen stampfenden Schuhen zerspringen.

Was harte Cowboys mit Depressionen zu tun haben

In mi vida en tránsito erzählen Elvio und Savino Elvios Geschichte: Wie er während der Coronapandemie seine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz verlor, weil er seiner Arbeit als Bühnenkünstler nicht mehr nachgehen konnte. Die Triggerwarnung im Programmheft ist berechtigt: Die Künstler erzählen explizit von den suizidalen Gedanken, mit denen Elvio in dieser Zeit zu kämpfen hatte. Gerade erst aus der Klinik entlassen, musste er seine Sachen packen und innerhalb von zwei Wochen zurück nach Argentinien. Sich von seinen Freund:innen verabschieden und zurück in das Dorf seiner Kindheit, wo er seit fünf Jahren nicht mehr war. Kein Wunder, dass die Depressionen jetzt erst recht zuschlagen. Was die Künstler erzählen, löst Betroffenheit aus. Beide Männer teilen ihre eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Einsamkeit – und was es bedeutet, Männer zu sein in einem System, das ihnen keine Schwäche zugesteht. Als harte Cowboys und Gangster verkleidet führen sie die stereotypische toxische Männlichkeit ad absurdum und lassen sie in einer nicht enden wollenden Heldenszene im Sarkasmus untergehen. Stellen wie diese sind voller Komik, manchen Personen im Publikum entschlüpft ein Lacher.
In mi vida en tránsito kommt eine breite Palette an verschiedenen Medien zu Einsatz: Auf den Leinwänden, auf welche Elvios Video projiziert wird, ist manchmal auch Savino als Live-Video in Nahaufnahme zu sehen. Ausserdem werden die Leinwände von Savino zum Schattenspiel verwendet. Durch elektronische Verzerrung entstehen aus Gesang und Geräuschen surreale Klangwelten. Am Ende werden dann noch alle Geschütze aufgefahren: Die wilde Tanzperformance kurz vor Schluss mit gleissenden Lichtern, lauter Musik und Nebelmaschine steht in krassem Gegensatz zum Rest des Stücks und überdeckt in ihrer Intensität und Lautstärke andere, nachdenklichere Szenen. Beinahe möchte man trocken bemerken: «Da konnten es die Jungs mal wieder nicht lassen, mit der Technik rumzuspielen».
Trotzdem findet das Stück zum Schluss wieder zurück in ruhigere Gewässer. Elvio versichert Savino liebevoll «Ich bin da.» und fragt: «Was passiert, wenn dieses Projekt zu Ende ist?». Savino weiss keine Antwort. Soweit ich mich erinnere, sass ich noch nie in einem Theaterstück, an dessen Ende es so lange dauerte, bis die erste Person anfing zu klatschen wie in dieser letzten Aufführung von mi vida en tránsito.

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