Der Prime Tower liegt in Scherben, die Limmat ist vergiftet und der See hat den Neumarkt, den Helvetiaplatz und den Hauptbahnhof überflutet. Zehn Jahre nach dem Klimakrieg ist das der Status, in dem sich Zürich befindet. Die Stadt wird dominiert von zwei gleicherseits brutalen Gangs, den Machos Branzos und den weiblichen Magierinnen Amazas, die sich selbstverständlich bekriegen.
Das ist das Zürich, das in KIDS OF NO NATION im Neumarkt Theater präsentiert wird. Die Bühne ist von Simeon Meier umfunktioniert in eine weisse Quarterpipe, zur Seite sitzen in zwei Stationen und in anarcho-Kopfbedeckungen gehüllt, ein Musiker und eine Zeichnerin. Inszeniert und konzeptioniert hat diese Dystopie der Regisseur Dominik Locher, der in seinen Arbeiten Geschichten von Aussenseitern und Visionär*innen erzählt.

© Philip Frowein

In dieser Dystopie leben Mika, Vaju und Eli. Eli spricht aus dem Off aus dem Jahr 2042, während die anderen beiden als Zeitreisende im Jahr 2019 auf der Bühne stehen. Mika ist Sohn des Branzo-Chefs und überhaupt kein Feigling. Vaju hat sich aus Enttäuschung über ihre echte Familie bei den Amazas zur Stellvertreterin hochgearbeitet. Die beiden – das sind im echten Leben Alireza Bayram und Nellie Hächler – schildern in den anderthalb Stunden lebhaft und sehr sympathisch, wie sie nach der Katastrophe (einem Dammbruch, welcher den See die Stadt überflutet hat) in den Bandenkrieg hineingezogen werden, sich zuerst gegenseitig bekämpfen und irgendwann anfreunden. Dazu gibt es eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die Kids of No Nation, die hinter den sieben Bergen im Engadin eine neue Gesellschaft ohne Gier und Gewalt aufbauen. Da rein dürfen selbstverständlich keine Erwachsenen.
Vor denen müssen Vaju und Mika erst noch flüchten. Dabei geht es ziemlich gewalttätig zu: Vajus Vater wird ermordet, Mikas Rückzugsorte, seine Hühner, von seinem Vater geschlachtet werden und Vajus Bruder in ein Lager der Amazas gesteckt, wo er sich «Männlichkeit ausschwitzen soll». Und und und.
Gegensätzlich umrandet wird diese Gewalt von wunderschönen live-Wassermalereien von Joana Locher, die immer ein anderes, passendes Setting erschaffen. Dazu kreiert der Filmmusiker und Komponist Matteo Pagamici ebenso wunderbare Klangteppiche mit Einsatz ganz unterschiedlicher Instrumente.

© Philip Frowein

Gegen Ende dürfen alle Kinder im Publikum mit Vaju, Mika und Eli durch ein Portal zu den Kids of No Nation, wo auch sie endlich mal Party machen dürfen. Die Erwachsenen und Eltern müssen zurückbleiben – sie haben schon genug angerichtet. Die Zukunft gehört den jungen Menschen.

Den Erwachsenen die Sicherheit wegnehmen

Merkwürdigerweise scheint diese Botschaft aber nicht deutlich genug gewesen zu sein. Für die Erwachsenen mündet das Stück im Anschluss an die Premiere in ein Gespräch mit einer Aktivistin, die sich damit auseinandersetzt, wie man als einzelner Mensch den ökologischen Fussabdruck reduzieren kann. Schon alleine die Tatsache, dass sie keine wirkliche wissenschaftliche Expertin ist und daher gar keine Zahlen nennen kann, lässt das Gespräch schnell zu einer verzweifelten Selbsthilfegruppe verkommen. Es wirkt, als ob sich die verdatterten Erwachsenen nochmal schnell versichern wollen, dass sie auch wirklich nicht an dieser Krise schuld sind, nachdem ihre Kinder sie nun verlassen haben.
Schade, denn das Stück ist für sich unglaublich stark. Es ist gut, wenn auch den Erwachsenen ihre Privilegien, ihre Sicherheiten weggenommen werden und sie sich so fühlen, wie die Jugend bei den meisten Entscheidungen von Erwachsenen – nicht ernstgenommen.

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Julius E. O. Fintelmann