© Studierenden Theater Zürich
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Das Zuschauerlicht erlischt, beleuchtet wird ein minimalistisches Bühnenbild, ein Baugerüst. Menschen treten in einer schönen Anordnung auf die Bühne. Mein erster Gedanke: Ein Chor? Ein Pulk? Meine Vorahnung wird bestätigt. Erst sprechen einzelne, dann werden Wortfetzen wiederholt, es wird chorischer, bis die geballte Kraft des Chores hervorbricht.
Ein schönes Intro.
Ich werde dann in eine Szenerie geworfen, in der ein Vater sein Kind umgebracht hat. Mit Strychnin. Ein stark wirkendes, tödliches Gift. Kindsmord? So klar scheint das nicht zu sein. Nicht die Tatsache des Mordes, sondern ob es sich wirklich um ein Kind handelt. Denn dieses Kind weist affenähnliche Züge auf. Der Doktor ist sich erst unsicher, ob er den Tod dieses Wesens wirklich feststellen soll und kann. Ist es ein Mensch, ist der Vater zu bestrafen, ist es ein Affe, wäre das Ganze ja nicht so schlimm. Der Vater besteht auf eine Feststellung des Todes. Die Kriminalpolizeit kommt. Eine Anzeige wird erstattet. Und dann befinden wir uns im Gerichtssaal.

Aber was ist es denn?

Dieses, nennen es wir einmal «Ding», ist ein Paranthrop oder kurz ein Tropi. Von denen gibt es mehrere und sie sind das fehlende Glied in der Kette, the missing link. Das Bindeglied zwischen Affe und Mensch. So ist es körperlich zwar dem Affen noch sehr ähnlich, weisst jedoch die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen auf. Doch genau diese Ähnlichkeit führt zu Verwirrung, Uneinigkeit, Streit. Denn wie kann man das denn definieren? Also wie definiert man eigentlich den Menschen; Wie ein Tier? Und was wäre, wenn, wie die Entdecker sagen, diese Spezies, diese Tropis die Stiefgeschwister des Affen und des Menschen sind?
Und schon befinden wir uns in einer hitzigen Diskussion rund um eine riesige unlösbare Definitionsfrage, ein Dilemma, ausgelöst durch einen «simplen» Mord.
Denn entweder gehören die Tropis zur Fauna oder eben zur Bevölkerung. Und was würde das dann für den Menschen bedeuten?

Nein, das muss ich eben nicht!

Dieses vielschichtige Stück lädt zum Nachdenken und Philosophieren ein. Was macht einen Menschen eigentlich genau aus? Wie definieren wir uns? Wie definierst du dich? Wo fangen die Grenzen an, wo hören sie auf? Gibt es überhaupt eine Grenze?

«Sind sie denn nicht im Stande einen Affen von einem Menschen zu unterscheiden?» «Nein, das muss ich eben nicht!»

Und wenn wir nicht mal diese Fragen beantworten können, wie können wir dann andere beurteilen? Verurteilen?

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Je länger je mehr kristallisiert sich heraus, was für Egoisten, Egozentriker, Narzissten und Schubladisierer wir eigentlich sind. Wie wichtig es uns ist zu definieren, zu verstehen, obwohl die Definition im Endeffekt wohl kaum etwas ändert, als uns eine Befriedigung zu geben, eine Erleichterung, ein weiteres Häckchen, dass auf der To-Do / To-Know Liste abgehackt werden kann. Dann können wir ruhig schlafen. Dann sind wir glücklich. Aber wer ist hier wirklich das Monster? Die Tropis, die niemandem was zuleide getan haben. Oder die Menschen.

Wie geht das nochmal?

Aber Moment: Also wir sind glücklich, wenn wir alles definieren können. Vor allem im Aussen. Interessant. Haben wir noch immer nicht gelernt achtsamer mit uns und unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und Mitlebewesen zu sein? Scheinbar nicht.
Das StuThe zeigt ein fassettenreiches, lebendiges Stück und zeigt Mut.
Das unterstützende Gerüst-Bühnenbild lädt zum Klettern ein - tja, eben wie Affen auf einem Baum. Das Ganze dürfte etwas fliessender sein, runder, leichter in den Bewegungen der Schauspieler*\innen.
Auch das Licht leitet einen von Szene zu Szene und zeigt immer klar, wo man sich in der Geschichte gerade befindet. Die Doppelrolle des Richters – gespielt von einer Frau und einem Mann – sticht heraus, ebenso Verteidiger und Staatsanwalt und die Rolle des Angeklagten, der Affen-/Kindsmörder. Und besonderes Lob gebührt dem Bruder der Expeditionsführerin. Während des Stückes war ich irritiert. Er zeigte gewisse textliche Unsicherheiten, die aber auch als Stilmittel für die Rolle hätten sein können. Später erfuhr ich dann, dass er die Rolle erst seit 24 Stunden innehat und den ganzen Text in dieser Zeit gelernt hat. Und ich muss sagen, die Rolle hat er absolut ausgefüllt. Hut ab!
Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Hause. Nicht wegen dem StuThe. Die haben ihre Arbeit super gemacht. Nein, wegen uns Menschen. Weil wir durch unser Denken, unseren Definitionszwang, unser Alles-verstehen-wollen, so unglaublich viel Elend erzeugen. Mitunter diese Haltungen, also alles kategorisieren zu wollen, zu müssen, verursacht unter anderem diese grosse Unruhe auf der ganzen Welt. Und zwar nur, weil wir nicht aushalten können. Nicht aushalten, was es vielleicht nicht zu verstehen gibt, oder dass es eben gar nicht so wichtig oder notwendig ist es zu verstehen.

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