Und zwar über Sex. Über Pornographie und über Jungfrauen & -männer. Über Masturbation und Missbrauch von Machtpositionen. Über buttplugs und Tantra. Und vor allem: Über Lust.
Das Dream-Team bestehend aus der Regisseurin Suna Gürler und dem Autor Lucien Haug liefern mit Frühlings Erwachen ein Spektakel. Das Ensemble, bestehend aus sechs Jugendlichen und jungen Erwachsenen und einem Ensemble-Schauspieler des Schauspielhaus, hat das Stück gleich zweimal einstudiert – im Frühling standen sie kurz vor der Premiere. Der Text, entstanden während des Probenprozesses und das Stück wurden in den letzten Wochen überarbeitet und jetzt mit teilweise neuem Cast im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.

© Zoe Aubry
Die sechs Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Streetwear und Trainingskleidern stürmen auf die weisse Treppe, auf der in den nächsten 90 Minuten gespielt wird und es geht direkt los. Sie stellen auf Schweizerdeutsch, das Stück ist durchgehend auf Dialekt, erstmal einige Dinge klar: Frühlings Erwachen ist cancelled, sie machen was besseres und die eigenen Eltern haben sie zuerst beim Sex und dann bei der Scheidung erwischt. Der Text von Wedekind dient hier höchstens als „Wir haben gesagt, keine Textstellen“-Referenz. Das ist gut so und im Grunde auch egal, deshalb rein ins Stück:
Aylin, gespielt von Sascha Bitterli, beispielsweise erzählt, dass sie in der Schule mal einen Aufsatz verfasst hat. Darin hat sie über ihre Domina-Fantasien, dass sie beispielsweise als das Hoe-He Gericht (hoe, im Internet verbreitete, abwertende Abkürzung von whore) über gefesselte Sexsklaven richtet, geschrieben. Die Schule fand das skandalös und wollte den Text verbieten, da, wenn Aylin in ein paar Jahren dann ja bestimmt straffällig werde, es auf sie zurückfallen würde. Sie lässt es nicht auf sich sitzen, wendet sich über 20 Minuten an die Öffentlichkeit und sagt: «Alle Schulleitungen sind oversexed und underfucked.» Die Schule zieht daraufhin die Freistellung für die Produktion zurück und Aylin muss zweimal in der Woche zum Schulpsychologen.
Oder eine weitere Story: Zwei der Figuren (im echten Leben Matthias Kull und Sascha Bitterli) haben während des Lockdowns gedated, es kam zum Petting und anschliessender Panik: Oh Schreck, bist du/bin ich jetzt schwanger? Schneller Gang zur Apothekerin, die ihnen nicht die Pille danach verkauft, sondern erklärt, dass das mit dem Schwangerwerden nicht so schnell geht.
Der Probenprozess, der das Thema des Stücks ist und nach welchem die Geschichte beginnt, ist erfunden. Es bleibt aber nicht ganz ersichtlich, wieviel des Texts tatsächlich wahr sein könnte. Diese Diffusität ist erstmal ein cleverer Einfall, der die Ebenen von Realität und realistischer Fiktion aufeinander legt und vermischt. Vor allem ermöglicht sie eine schnelle und starke emotionale Verbindung zu den und Glaubwürdigkeit der Figuren. Man nimmt ihnen die Geschichten einfach ab.
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ungefähr im Alter von 13 bis 20 Jahren, halten den später dazukommenden Ensemble-Schauspieler Matthias Neukirch ordentlich in Schach. Die Geschwindigkeit ist hoch, die Anschlüsse direkt und wenn es unangenehm ist, ist der Cringe (Jugendsprache für ein fremdschämendes Moment) gewollt.
Leider kommt wohl kaum ein Stück ohne Verweise auf die aktuelle Gesundheitssituation aus. Irgendwann bringt der junge Helfer-Engel Walther (gespielt von Orell Bergkraut) Desinfektionsmittel für jede*n rein. Es wird zum Regie-Gag, dass sich alle ständig die Hände desinfizieren. Naja, geschenkt.
Es wird ethical porn verhandelt und wie Eltern eben kaum was von den sexuellen Entdeckungen ihrer Kinder mitbekommen können. Was das erste Mal ist, dass es auch das erste Mal Masturbieren sein kann oder das erste Mal Zungenkuss oder das erste Mal Händchen halten. Die Schwierigkeit, die es bedeutet, der Oma zu erzählen, dass man keinen Freund, sondern eben eine Freundin hat.
Spätestens als sich Vincent (Matthias Neukirch) eine Riesen-Vulva überstreift und im Schnelldurchgang das weibliche Geschlechtsorgan und der wichtige Unterschied zwischen Vulva und Vagina erklärt wird, wird klar, dass dieses Stück so einiges besser macht als jeder Aufklärungsunterricht in Schulen. In den Schulbüchern und den Unterrichtsinhalten kommt die Lust und das Geniessen höchstens auf drei Seiten vor. Anstelle gegen das natürliche Sträuben der Schüler*innen anzukämpfen zu versuchen, könnten Lehrer*innen ihre Schüler*innen einfach hierhin schicken. Es lohnt sich.

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