Beatrice und Benedikt, Helena und Hermia, Don Juan und Margarethe. All diese (und noch viel mehr) aus Shakespeares Universum entsprungene Charaktere versammeln sich zum Familienfest im Grundsteinsaal des Goetheanums. Ich war bei dem neuen Stück der Jungen Bühne Dornach, der SHAKESPEARE'S NIGHT.
Die Stückkreation aus EIN SOMMERNACHTSTRAUM, MACBETH, VIEL LÄRM UM NICHTS und ROMEO UND JULIA, geschrieben und inszeniert von Andrea Pfaehler, führt die Plots, Geschichten und Intrigen der Shakespeare-Welt zusammen und setzt sie in neuen Formationen fort. Auch hier tötet Macbeth den König, der wiederum als Gastgeber des Festes fungiert. Allerdings kann er ja nicht sterben, denn «gestorben soll auf der Bühne und nicht im Hof des Königs». Benedikt und Beatrice hacken aufeinander herum, während Don Juan mit Margarethe Claudios Eifersucht zum Kochen bringt. Die Handwerker wollen ihren Auftritt als Laiendarsteller natürlich nicht verpassen, Puck träufelt die Zaubersäfte in die falschen Augen und hat alle Hände voll zu tun, diese Fehler zu korrigieren. Romeo verehrt seine Julia und wird dabei von Don Juan entdeckt und zum Zweikampf aufgefordert.

© Laura Pfaehler

Es wird geheiratet, gegessen, gefechtet und getanzt. Und das können sie. Alle Tänze sind genauestens choreographiert – bei beinahe zwanzig Personen auf der Bühne nicht unbedingt leicht. Es wird laut Programmheft ein grosser Wert auf die Ausbildung dieser eher «technischen» Dinge, wie klassischem Tanz oder Fechten gelegt.
Diese Dinge funktionieren natürlich nur im Zusammenspiel in der Gruppe. Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe scheint sehr stark zu sein. Keine*r, die*der sich in den Vordergrund drängt, niemand stellt sich vor die anderen und vor allem haben alle Spielenden sehr viel Spass am Spiel.
Das überdeckt auch die Diskrepanz zwischen dem Text, den die Spielenden sprechen müssen und den Jugendlichen selbst. Der ist über weite Strecken im Reimvers verfasst, Shakespeares Sprache eben.

"Die Schwalbe, die so gern in Tempeln wohnt, baut jeden Sommer hier ihr Nest, was heisst; wo Schwalben leben, lebt der Friede auch."

Ich würde gerne hören oder viel mehr sehen, was entstehen würde, wenn die Spielenden über den Text selbst bestimmt hätten. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu dem, was sonst im Jugendtheater gemacht wird, wo der kreative Prozess massgeblich von den Jugendlichen selbst geprägt ist. In dieser Hinsicht ist es spannend und anders, ich hoffe nur, dass während der Probenarbeit beides gemacht wird. Aber die Arbeit der Jungen Bühne kommt gut an, es gibt so viele Anmeldungen, dass mittlerweile Castings durchgeführt werden müssen.

Schaut auf das Globe!

Was ich leider nicht unerwähnt werden lassen kann, ist das victorianische Rollenbild, welches sich durch das Stück zieht. Die Amme und die Mädchen bereiten die Feier vor und die Königin wartet auf den König, der von der Jagd zurück kommt. Selbst die paar stärkeren, dominanten weibliche Rollen verlieren sich am Ende an die Männer, beten sie an oder werden wahnsinnig. Natürlich liegt das auch bei Shakespeare, aber kann ein so veraltetes Geschlechterverständnis wie das aus dem 17. Jahrhundert noch reproduziert werden?

© Laura Pfaehler

Wer also immer noch Shakespeare oder alte Texte aufführen will, kann dennoch Wert auf eine reflektierte Sichtweise geben. Im Globe Theatre in London (also das vermutlich historischste Theater auf der Welt) beispielsweise, werden die Rollen nicht nach Geschlecht, sondern nach der*dem passendsten Schauspieler*in verteilt. Im Midsummer Nights Dream wurde der herrische Adlige Egeus beispielsweise von einer dunkelhäutigen Frau dargestellt. Das Geschlecht gerät dadurch in den Hintergrund – die Handlung und erzählte Geschichte treten in den Vordergrund. Das erlaubt einen dennoch Shakespeare-treuen UND gleichzeitig kritischen Umgang mit dem Stoff. Denn etwas historisch darstellen, das wurde auch in der wahnsinnig detailreichen Kostümarbeit klar, kann die Junge Bühne sehr überzeugend.
Aber mei, die zahlreichen tänzerischen, musikalischen und fechterischen Einlagen machen das zwar nicht ganz wett, zeigen aber, wie viel Spielfreude in allen Spielenden steckt und wie stark der Ensemblegeist in dieser Gruppe ist.
Am Schluss fallen Herbstblätter, die Figuren verschwinden wieder auf die Bühnen dieser Welt. Kitschig? Durchaus. Aber das Publikum belohnt die beinahe dreissig Mitwirkenden mit langen, stehenden, verdienten Ovationen.

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Michelle Y. Zumstein