So beginnen die Tagesbucheinträge der Anne Frank. Während zwei Jahren versteckte sich ihre Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam vor der Gestapo, wo sie ihr Tagebuch schrieb, welches heute als eines der erschreckendsten Zeugnisse der NS-Vergangenheit gilt. In der Prinsengracht 263 fanden acht Menschen der Familie Frank, van Pels und der Zahnarzt Fritz Pfeffer auf engem Raum Schutz vor der Judenverfolgung der Nazis.
Hier knüpft IM HINTERHAUS von Hanna Müller im Theater Basel an. Es geht um das Zusammenleben in dem Haus, Annes Erzählungen von der anbahnenden Freundschaft zwischen ihr und Peter (der Sohn von der ebenfalls dort lebenden Familie van Pels) und das Erwachsenwerden in ihrer einzigartigen Situation.
Es bleibt aber nicht nur bei dem Tagebuch der Anne Frank. Es geht generell um Jugendliche und Kinder, die in Kriegen immer die Leidtragendsten sind. Das Stück verbindet das traurig berühmte Tagebuch zum einen mit der Geschichte von Nadia Murad, die während des Genozids an den Jesiden 2014 vom sogenannten Islamischen Staat versklavt, vergewaltigt und missbraucht wurde. Schon früh sprach sie über das Erlebte und erhielt später den Friedensnobelpreis. Zum anderen werden die Geschichten von Ishmael Beah, der als Kind Kindersoldat in Sierra Leone war, eingebaut. Später bis heute schreibt er Bücher über das Erlebte.

© Priska Ketterer
Anfangs stehen die 12 bis 16-jährigen Spielenden auf schiefen Stühlen, welche auf schwarzem Sand stehen. Über ihnen hängen Tagebucheinträge, Bilder und Briefe von der Decke. Die zehn Basler Jugendlichen sorgen bereits am Anfang für einen Gänsehautmoment: Sie singen «Let me fly», bewegen sich in Slow Motion von ihren Stühlen hinunter und schreien ins Publikum, was Juden alles müssen/nicht dürfen.

«Das Lachen haben wir fast verlernt»

Das Stück ist, wie im Programmheft beschrieben, wirklich eine szenische Collage. Einige bemerkenswerte Momente bleiben im Gedächtnis: Eine Spielerin als Anne Frank fragt, ob sie wirklich noch ein Schulmädchen ist, da sie doch bereits Recht und Unrecht unterscheiden könnte. Oder der Moment, als die Befreiung naht und die Spielenden zum D-Day Party machen.
Die Jugendlichen spielen mit einer gebührenden Ernsthaftigkeit, die nicht selbstverständlich ist. Leider entsteht, durch das im ganzen Stück gesprochene Bühnendeutsch, eine gewisse Distanz zum Text, da Hochdeutsch nicht allen Spieler*innen gleich gut bekannt ist. Die wirklich starken Texte statt in Hochdeutsch in Mundart sprechen zu lassen, hätte – anders als von der Regie vermutlich vermutet – die Wirkung nur verstärkt.

© Priska Ketterer
Zum Ende des Stücks ziehen sich die Jugendlichen um. Sie werden zu Kindersoldaten, bereit für den Krieg. Mit Gewehren in den Händen schauen sie direkt ins Publikum – es sind nicht sie, die verantwortlich sind für das Leid, das sie schildern.

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