Junge Menschen konsumieren nicht die gleiche Kultur wie ältere Menschen. Junge Menschen schauen sich keine Ausstellungen in Museen mehr an. Junge Menschen gehen nicht mehr ins Theater. Ziemlich egal, wen man so fragt: Es scheint die gängige Meinung zu sein, dass junge Menschen sich um «traditionelle» Kunstformen nicht scheren und viel lieber «neue Medien» konsumieren. Schon die Eintönigkeit dieser Aussagen legt ein Hinterfragen nahe. Kann es wirklich sein, dass ein solch unmittelbares und politisches Ereignis wie Theater oder Tanz nicht mehr gefragt ist? Falls dem wirklich so sei, was muss den jungen Menschen geboten werden, damit sie mehr ins Theater gehen?

1. Es müssen nicht alle!

Zunächst eine notwendige Erläuterung: Von wem sprechen wir überhaupt? «Die jungen Menschen» gibt es ebenso wenig wie «das Theater». Es müssen sich nicht alle Menschen zwangsläufig für Theater und Kultur interessieren – wie es bei richtiger Unterhaltung wie Sport oder Hollywood auch nicht der Fall ist. Es ist völlig in Ordnung, wenn Jugendliche (oder egal wer as a matter of fact) lieber Youtube-Vlogs anstelle von einstündigen Performances, die vielleicht schwierig zu verstehen sind, schauen.
Allerdings trifft das auf nur sehr wenige zu, denn es stimmt schlicht nicht, dass junge Menschen nicht ins Theater gehen wollen oder würden. Es gibt beispielsweise die Voyeur*innen Schweiz: In sieben Schweizer Städten treffen sich jeden Donnerstag junge Menschen, die zusammen in die Theater ihrer Region gehen und hinterher darüber reden. Erstaunlicherweise sind dort die «Theatergeeks» in der deutlichen Unterzahl. Die Gruppen sind bunt durchmischt, von Kindergärtner*innen bis zu Bauingenieurswesen-Studierenden. In den Voyeur*innen Schweiz sind in den sieben Ortsgruppen knapp hundert junge Menschen organisiert.

2. Es geht nicht um finanzielle Hürden!

Wie das Beispiel oben schon zeigt: Es geht – obwohl oft behauptet – nicht darum, dass junge Menschen wegen finanzieller Hürden nicht ins Theater gehen würden. Mittlerweile gibt es vonseiten beinahe aller Theater Vermittlungsangebote, Angebote für junge Menschen oder weitere Reduktionsmöglichkeiten, die junge Menschen nutzen können. Wo liegt denn dann das Problem?

3. Kommunikation!

Wie es sich vermutlich schon erahnen lässt – vielen ist gar nicht bewusst, wie toll diese Angebote sind. Und nicht nur das, viele wissen nicht, wieviel es zu sehen gibt. Theater ist, sobald man erstmal drin ist, geil. Und genau darum geht es. Während der Release des neuen Star Wars-Films überall bekannt ist, ist die neue Produktion am Stadttheater meistens nur den sowieso schon Interessierten bekannt. Es braucht also mehr Kommunikation – auch mehr multimediale.
Aber macht es wirklich Sinn, diese Kommunikation den Theaterhäusern, die bereits jetzt einen riesigen Aufwand betreiben, zu überlassen? Wäre es nicht besser für den kreativen Prozess, wenn das ständige Sich-Verkaufen-Müssen ausgelagert wäre? Es geht selbstverständlich darum, alle abzuholen und allen die gleichen Möglichkeiten zu geben, Kultur konsumieren zu können. Alle sollten in ihrem Leben zumindest einmal im Theater gewesen sein. Und was ist der einzige Ort, wo alle einmal sind? Genau, Schule.

4. Schule ohne schulisch!

Dieser Ort, die Schule ist zugleich auch Teil des Problems. Zumindest so, wie es im Moment behandelt wird. Wenn in der Schule «Theater» Thema ist, wird das Stück im Vorfeld gelesen, vorbereitet und hinterher nachbereitet. Das sind drei Schritte zu viel. Ein Theaterbesuch darf nicht gleich behandelt werden wie Arithmetik und Integralrechnungen.
Gleichzeitig kann kulturelle Bildung für alle nur in der Schule erfolgen. Das ist die Widersprüchlichkeit, die sich Lehrer*innen und Theaterpädagog*innen bewusstwerden müssen. Beim nächsten Mal «Die Räuber» nicht vorher lesen, analysieren und interpretieren, sondern einfach an einem Abend reinsetzen und sehen, was passiert. Oder selbst spielen!

5. Relevanz!

Allerdings ist auch Schiller keine wirklich gute Wahl. Junge Menschen wollen keinen Schiller sehen. Junge Menschen wollen keinen Faust sehen. Noch viel weniger wollen junge Menschen irgendein Pillepalle sehen, das keine Substanz oder Boden hat.
Nein, junge Menschen wollen relevante Themen behandelt sehen, gerade im Zuge der Politisierung durch Klimastreik und #metoo. Junge Menschen wollen hinterfragen. Junge Menschen wollen in ihren Überzeugungen hinterfragt werden. Theater, zu welchem junge Menschen einen Bezug haben, wird viel eher fesseln als die dreiunfünfzigste Neuinterpretation von Goethes «Götz von Berlichingen». Beispiel junges theater basel: Nach beinahe allen Vorstellungen, in denen auch Schulklassen sitzen, ist hinterher der O-Ton unter eben jenen Jugendlichen, dass es voll schade sei, dass man das vorher nicht kannte. Was macht das jtb richtig? Sie zeigen nicht nur junge Menschen auf der Bühne, sondern behandeln die Themen, die junge Menschen beschäftigen (seien es Gleichberechtigung, Migration oder Lebensschicksale).

6. Lasst die Jungen ran!

Wenn man es wirklich ernst meint mit «Audience Development» braucht es nicht nur junge Menschen im Publikum, nein, es wäre doch am Besten, die jungen Menschen selbst entscheiden zu lassen, was sie sehen wollen. In den zahlreichen dramaturgischen Abteilungen, die das Programm für die nächsten Saisons festlegen, sollten auch Jugendliche sitzen.
Das bedeutet keineswegs, dass der künstlerische Anspruch deswegen sinkt – im Gegenteil, das wäre selbstverständlich fatal. Vielmehr soll es darum gehen, die zahlreichen Vermittlungsangebote und so weiter auf die tatsächliche Jugendtauglichkeit zu überprüfen, Überflüssiges auszusortieren und Anregungen zu geben.
Dadurch darf aber nicht das junge Theater ausgesondert und stiefmütterlich behandelt werden. Es muss – wie es das Schauspielhaus Zürich angekündigt hat (wobei hier erst abgewartet werden muss, wie es letztendlich herauskommt) – Teil des Gesamtbetriebs Theater sein und als solches behandelt und im Spielplan gleichberechtigt behandelt werden.

Fazit

Bisher ging eines vielleicht ein wenig unter: Es steht nicht so schlecht um das junge Publikum wie oft angenommen. Das Interesse an darstellenden Künsten ist durchaus da – sobald es sich einmal herumgesprochen hat. Nun ist es an den Schulen und Institutionen gelegen, dieses Interesse zu stärken.
Vonseiten der Schulen braucht es eine Entakademisierung des Theaterbesuchs – dieser muss frei(williger) passieren und nicht en detail im Unterricht durchgekaut werden. Das bisherige Angebot an den Institutionen reicht schlicht nicht – es braucht Jugendliche überall im Theaterbetrieb, nicht nur einmal im Jahr im Weihnachtsstück und in den Spielclubs. In den Produktionen müssen junge Menschen sich wiederfinden können, durch die Thematik ebenso wie durch die Darstellenden.
Das Klischee, dass junge Menschen nicht ins Theater gehen (wollen) würden ist also nicht richtig. Es braucht aber ein grundsätzliches Überdenken der Rolle, die Jugendlichen im Theaterbetrieb einnehmen können, hin zu mehr Partizipation und echter Öffnung.

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