Hallo Theaterfreund*in,
Wie geht es dir? Hast du die letzten paar Monate einigermassen gut überstanden? Erzähl doch mal, was lief in dieser Pause bei dir so? Ich bin gespannt, was du mir zu erzählen hast! Im Gegenzug will ich dir ein bisschen von meinem Sommer erzählen, denn wir haben schon lange nichts mehr voneinander gehört!
Na ja, wo soll ich denn anfangen? Als der Lockdown (wenn man das in der Schweiz überhaupt so nennen konnte) kam, war das schon bisschen eine Bremse in meinem Leben. Ich habe zu diesem Zeitpunkt sicher fünf bis sechs Abende im Theater verbracht. Sass im Publikum, stand selber auf der Bühne oder versuchte meine eigenen Projekte zu erfüllen. Tagsüber habe ich gearbeitet, mal hier mal da. Dann war auf einmal Schluss. Digitales Theater entstand quasi über Nacht und plötzlich spielte sich mein Leben auf meinem Computerbildschirm ab. Ich gebe zu, ich habe mich anfangs ein bisschen schwergetan damit. Je mehr ich gesehen habe, desto mehr wollte ich meinen Laptop für immer zuklappen. Klingt dramatisch, ich weiss. Dann hat sich jedoch herausgestellt, dass das digitale Theater auch ein bisschen ein Trend war, denn so schnell es gekommen war, war es plötzlich auch wieder weg. Irgendwie. Vielleicht habe ich es auch einfach ignoriert. Ist ja auch egal.
Auf jeden Fall kam dann schnell der Sommer, in dem ich ja eh meistens nur in meinen Gedanken mit Theater beschäftigt bin, da eh nichts läuft. Auch wenn Covid-19 nicht die Weltherrschaft in der Hand hält. Klingt komisch oder? Eine Welt ohne Corona. Kannst du dir das überhaupt noch vorstellen? Für mich ist es irgendwie schon so normal, dass ich nicht mal mehr gross darüber nachdenke. Okay ja, manchmal vergesse ich meine Maske zu Hause. Aber eigentlich auch nur, weil ich mich immer im letzten Moment doch noch für eine andere Tasche entscheide und vergesse, die Maske auch mit umzupacken. Auf jeden Fall finde ich eigentlich gewisse Dinge gar nicht so schlimm. Ich mag zum Beispiel die Plexiglasscheiben vor den Kassen. Die können von mir aus auch bleiben. Ich arbeite momentan im Verkauf, weisst du. Da ist das halt irgendwie schon ganz praktisch. Von mir aus kann auch die Abstandregel beim Einkaufen beibehalten werden, manche Menschen rücken einem schon ganz schön auf die Pelle. Kaum zu glauben, dass ein gelber Strich auf dem Boden die Leute davon abhält, sich vorzudrängen, oder ihre Einkäufe schon mal auf das Band zu laden, während ich eigentlich gar noch nicht fertig bin. Versteh mich nicht falsch, ich leide auch ziemlich unter diesen vielen Massnahmen, aber ich glaube ich versuche die guten Dinge in dieser Situation zu sehen. Alle reden immer nur von den Sachen, die sie stören, darum dachte ich, ich könnte doch einfach mal von zwei Dingen erzählen, die ich gut finde!
Ich bin eigentlich schon wieder völlig abgeschweift. Das ist auch so ein Phänomen, immer wieder im Smalltalk über Corona gefangen zu werden. Geht es dir auch so? Ich habe letztens gelesen, dass Kulturanthropologen die Bezeichnung «Homo sapiens» (der wissende, weise oder verstehende Mensch) zu «Homo narrans» (der erzählende Mensch) umbenennen wollen. Macht für mich irgendwie total viel Sinn. Der Mensch erzählt sich immer Geschichten, über alles mögliche. Die kuriosesten Sachen spinnen sich in Köpfen, nur um eine ganze Reihe von anderen komischen Geschichten loszureissen. Und siehe an, ich rede schon wieder um den heissen Brei rum.
Auf jeden Fall kam eben der Sommer. SOMMER! Irgendwie wartet man immer das ganze Jahr darauf, und wenn er dann da ist, bekommt man es erst mit, wenn er eigentlich schon wieder gegangen ist. Oder? Man schläft kaum, weil man auch komplett nackt und ohne jegliche Bettbezüge schwitzt wie ein Ochse. Man vergisst die Zeit, weil man nachts um elf noch draussen sitzt und denkt es ist sieben Uhr. Die Sonne verursacht ganz eklige Ausschläge und rote Stellen, weil man sich wieder mal vergessen hat einzucremen. Oder ganz einfach zu faul war. Und wenn man dann endlich im Flow ist, sich an den Sommer gewöhnt hat und gecheckt hat, das schwitzen eigentlich ganz geil ist, wenn man sich mit einem Sprung in den kühlen Rhein abkühlen kann, dann fängt es an zu regnen. Und dann ist der September da. Und was ist im September? SAISONSTART!
Zumindest normalerweise. Jetzt ist meine Agenda so leer wie noch nie und ich weiss gar nicht was ich machen soll. Zum Glück war Theaterfestival in Basel. So waren wenigstens zwei Wochen dieser Saison bis zur letzten Minute ausgekostet. Und jetzt? Was läuft denn jetzt? Ich google und frage mich rum, so viel ich nur kann und trotzdem scheine ich nichts zu finden. Macht ja eigentlich auch Sinn. Viele beginnen erst zu proben. Oder eben auch nicht. Roman Hostettler hat es auf den Punkt gebracht. Auf meine Frage, ob er gerade von einer Produktion Bescheid weiss, die bald anläuft, antwortet er mir: «Leider nicht. Ich glaube wir müssen momentan alle ein bisschen Geduld haben, was Theater angeht. Und Musik und das alles». Und damit hat er auch recht, so weh es auch tun mag. Vielleicht tut uns diese leere Agenda auch mal ganz gut, vielleicht entsteht dadurch Inspiration für neue Theaterprojekte. Vielleicht machen aber in einem halben Jahr alle die gleiche Art von Theater und performativer Kunst. Who knows?
Ich klammere mich an die paar Lichtblicke, die ich habe und nütze die Zeit um mir neues auszudenken für INTRIGE. Neue Arten von Beiträgen, neue Wege, mit dir zu kommunizieren. Dir eine Freude zu bereiten und deine Augen zurück zu mir zu lenken. Also, natürlich nicht zu mir, das wäre ein bisschen creepy. Zu INTRIGE. Denn wir waren ein bisschen weg vom Fenster, INTRIGE hat irgendwo am Strand Ferien gemacht, sich gesonnt und ein paar Cocktails geschlürft, während wir in unseren Städten festsassen, die Schweizer Seen und Berge genossen haben und versuchten, nicht ständig über dieses Virus zu reden, das ja anscheinend wie ein Geist, unsichtbar in der Luft schwebt. Und dann hat INTRIGE sogar Geburtstag gefeiert, letzten Montag. Ich sag noch einmal HAPPY BIRTHDAY. Auch dir, liebe*r Theaterfreund*in. Happy Jahrestag, schön bist du immer dabei.
Schreib mir doch, wenn du von jungen Theaterprojekten Bescheid weisst, ich würde mich sehr darüber freuen! Vielleicht können wir ja zusammen gehen, mit Abstand und Maske, aber zusammen. Wäre das nicht schön?
Mach’s gut. Schön, dich wieder dabei zu haben und mit dir zu sprechen. Alles Liebe und bis bald.
Deine Michelle. PS: Ich sitze auf dem Balkon und geniesse, dass der September eigentlich gar noch nicht so schlimm aussieht. Sein Kleid gefällt mir. Aber Schluss jetzt! Tschüss!

© Passt doch zu meinem Brief oder?

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