Es ist der Freitagabend vom 8. November und ich sitze mit der Regisseurin Hanna Müller in der Kantine des Theater Basel. Ich spreche mit ihr über ihr neues Stück IM HINTERHAUS, worin es aber nicht nur um Anne Frank geht, sondern generell um Jugendliche, die Krieg erleben müssen. Es sind noch drei Stunden bis zum Beginn der Premiere.
Wie lebst Du und wie kamst Du zum Theater?
Hanna Müller: Ich lebe in Hamburg. Ich reise dann – wie die meisten Regisseur*innen – hin und her. Ich bin immer für die Produktion am jeweiligen Ort. Wie ich zum Theater kam? Ich in der Theater-AG in der Schule und fand das ganz toll. Ich habe über diese Theatergruppe auch angefangen Theater zu gucken, was als Dorfkind gar nicht so einfach ist, weil man dafür in die nächst grössere Stadt fahren muss. Schon recht früh war dann klar, dass ich ans Theater will.
Wie hast Du dieses Stück – IM HINTERHAUS – mit Jugendlichen erarbeitet? Wie bist Du vorgegangen? Anders tatsächlich als sonst. Ich arbeite viel mit Jugendlichen und es ist bei Jugendclubs oft der Fall, dass man sich nach den Interessen und Stärken der Gruppe richtet. In dieser Produktion war das anders, da das Thema zuerst da war und wir dann Jugendliche gesucht haben, die zu dem Projekt gepasst haben. Uns war bei der Auswahl wichtig, dass die Jugendlichen in dem Alter sind, in dem Anne auch war, als sie das Tagebuch geschrieben hat.
Unser Ausgangspunkt für die Textfassung war Annes Tagebuch und die Frage, was wir daraus erzählen möchten und was für heutige Jugendliche besonders relevant ist. Mit Rouven Genz habe ich gemeinsam eine erste Fassung erarbeitet. Parallel dazu haben wir Jugendliche gecastet und kennengelernt. Dann im Sommer wussten wir ungefähr, was wir vorhaben und wer zu dem Stück passen würde.
Habt Ihr in der Erarbeitung mit den Jugendlichen am Text noch viel geändert? Immer so ein bisschen. Nicht gross anders, wie man das mit professionellen Schauspieler*innen auch machen würde, wenn man mit einem Text in den Probenprozess geht; bestimmte Sachen funktionieren mal mehr und mal weniger gut.
Ich muss auch sagen, dass die Themen, die wir da verhandeln wollen, die Jugendlichen interessiert haben und alle etwas anging. Es hätte natürlich auch sein können, dass wir merken, dass die da gar nichts mit anfangen können. Dann hätte wir das nochmal komplett umschmeissen und alles verändern müssen. Das ist aber nicht passiert, sondern eher im Gegenteil: Allen gingen die Themen nahe.

Hanna Müller © Katrin Ribbe

Das ist auch meine Anschlussfrage: Wie war es für die Jugendlichen, mit diesem doch schweren und schwierigen Thema umzugehen? Das war spannend, denn es gab von den Jugendlichen eine grosse Bereitschaft, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir sprechen ja nicht nur über Anne Frank, es geht ja auch um Nadia Murad, die als sehr junge Frau vom IS versklavt wurde und wir haben auch Texte von Ishmael Beah dabei, der als Kind Kindersoldat in Sierra Leone war.
Das alles ist dramatisch und teils sehr heftig. Wir haben mit den Jugendlichen darüber gesprochen. Sie sind zwischen 12 und 16 und damit in einem Alter, in dem man sich ja schon sehr ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen kann. Und sie fanden das toll, von uns so ernst genommen zu werden. Es ist wichtig, dass junge Menschen diese Geschichten kennen. Es bewegt etwas, sich bewusst zu werden, was für Glück wir haben und wie privilegiert wir leben dürfen. Dass Jugendliche, die vielleicht noch jünger sind als sie selbst, betroffen sind von diesen Grausamkeiten, die wir auf der Bühne schildern.
Welchen Bezug hast Du ganz persönlich zu dem Thema? Ich habe natürlich keinen Krieg erlebt oder so. Ich bin auch sehr behütet in Mitteleuropa aufgewachsen und habe eine Kindheit in Frieden erleben dürfen. Insofern kann ich nicht sagen, dass das direkt was mit mir zu tun hat. Es ist aber ein Thema, was mir sehr am Herzen liegt. Als Deutsche hat man immer einen Bezug zur NS-Vergangenheit und kommt nicht darum herum, sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Dann haben wir über Nadia Murad die Kurdenthematik mit im Stück. Ich habe eine sehr enge jesidische Freundin, mit der ich letztes Jahr im türkischen Kurdistan war. Außerdem beschäftigt das Thema beschäftigt meinen Vater seit vielen Jahren sehr und war oft Thema bei uns in der Familie. Das Buch von Ishmael Beah, was ins Stück eingeflossen ist, habe ich schon vor mehreren Jahren gelesen, als das damals rauskam. Vielleicht würde ich es so formulieren: Es sind alles Thematiken, die mich schon mein Leben lang begleiten haben.
Siehst Du Parallelen von dem Stück und von Anne Frank zu heute? Ich finde das ist immer ganz schwierig, da Vergleiche zu machen. Einmal ist das Schicksal von Anne Frank ein Einzelschicksal und Einzelschicksale sind nicht miteinander vergleichbar. Man kann das Nazi-Regime und den Zweiten Weltkrieg natürlich nicht mit irgendwelchen Systemen vergleichen, die heute auf der Welt herrschen. Das sind immer schiefe Vergleiche. Es geht nicht darum zu vergleichen. Es geht darum, dass es auch heute kriegerische Konflikte gibt und Kinder sind immer die Hauptleidtragenden davon. Dabei sind sie immer diejenigen, die am wenigsten für Krieg können. Das ist in jedem Krieg dieselbe Geschichte. Solange es Krieg gibt, wird es auch diese Geschichten geben. Das ist eine Tragik und es bedeutet, dass wir unserer Verantwortung klar werden müssen und Kinder nicht in diese Situationen bringen dürfen – und falls sie dennoch hineingeraten, sie wieder herausholen.
Was wünscht Du Dir für die Zukunft von jungen Menschen und von den Spielenden? Denen wünsche ich nur das Beste, und dass die genau so tolle Persönlichkeiten bleiben, als welche ich sie jetzt kennengelernt habe. Ansonsten wünsche ich jedem jungen Menschen auf der Welt in Frieden aufwachsen zu können. Das ist eine grosse, utopische Sehnsucht.
Was sind die letzten Schritte, die Du vor einer Premiere machst? Ich muss mich dann nicht mehr vorbereiten, ich bin ja nach der Generalprobe fertig. Bis dahin bin ich in höchster Konzentration. Am Ende der Generalprobe hört meine Arbeit aber auf. Ich kann danach schlafen (endlich!), geh irgendwann ins Theater und schau mir das Stück an. Dazwischen ist es meine Aufgabe loszulassen und denen jetzt eine schöne Premiere zu wünschen. Ich bin jetzt Zuschauerin.
Ebenso wie ich. Vielen Dank für das Gespräch und toitoitoi!

Psst: IM HINTERHAUS läuft bis in den Februar am Theater Basel. Hier geht es zu unserer Kritik.

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