Diesmal die Auseinandersetzung mit einer Erzählung vom Nebeneinanderleben, parallele Welten, vom Gegeneinanderleben, was wisst ihr denn schon, vom Füreinanderleben, hilf mir, sie wahrzumachen, meine Träume, vom Leben im Gestern, vom Leben im Heute, vom Leben im Morgen, zusammen allein, denn wir haben kein Alphabet, das wir beide teilen, wie Peter Fox bereits 2008 sang. Oder doch?

Aufeinandertreffen zweier Generationen

Es beginnt mit einem Clash, zwei Generationen, Fingerzeig, gegenseitige Vorwürfe, chorisch vorgetragen in einer digitalen Choreographie aus Videochat – Panels. In ihrer aktuellen Produktion am Theater Strahl lässt die Regisseurin Uta Plate zwei Arten von Lebenswelten aufeinanderprallen. Getrennt sind sie durch nichts geringeres als … Raum und Zeit. Die Vorhaltungen der Jungen an die Alten und der Alten an die Jungen werden abgelöst von Aufzeichnungen des präpandemischen Probenprozesses, in dem Senior*innen aus Ost und West in den Austausch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus diversen Herkunftsländern und vice versa getreten sind. Thematisiert werden die jeweiligen Lebenswege, Träume, Vorstellungen der Zukunft. Der rote Faden: Zwei Fragenkataloge, von den beiden Gruppen füreinander erstellt, ansprechend, worüber sich sonst nicht ausgetauscht werden kann, werden soll, werden will. Schließlich – der Bruch, der Proberaum bleibt leer, die Kunstschaffenden daheim. Kurze Einblicke in den Alltag der Ensemblemitglieder bis sich die Frage stellt, wer denn jetzt eigentlich für wen in der Quarantäne bleibt und wie sie sich anfühlen, der Selbstschutz, die Solidarität. Schließlich treffen sie hier aufeinander – die Risikogruppe und die potenziell Unbeschwerten, nun in ihrer Unbeschwertheit beschränkt. Schön zu sehen, dass zu Letzteren keinesfalls nur die Jugendlichen zu zählen sind.

(Un)erfüllte Träume und Nähe trotz Distanz

Filmmitte, Frau Gabriela Matthies singt das Ensemble in den Schlaf. Es schließt eine poetische Überleitung in die zweite Hälfte der Produktion an, (unerfüllte) Träume als Leitmotiv. Die Senior*innen versenden persönliche Briefe an ihre jungen Partner*innen, Vorlesen in Tandems und schließlich – unbezähmbare Aktivität meiner Tränendrüse. Der/die Zuschauer*in wird Zeug*in, wie

Shahira Odilia verkörpernd Adriann an Irenes Statt Emil in Rolands Namen Nessrin für Gabriela

dem Leben eine*r Flaneur*in nachgeht einen Reisebus durch die alpinen Serpentinen bugsiert
für eine kommunistische Gesellschaft kämpft die Atmosphäre einer Ostsee – Pension auferleben lässt

Wir sehen, wie Ismail Heidi auf einer üppigen Wiese, Gitarre spielen lässt Katharina für Babette einen Ort der Heimat, des Vertrauens, der Schönheit in ihrem Selbst erschafft Mohammad Manfred ein Denkmal setzt.

Schließlich dürfen sie sich treffen, maskierte Intimität mit 1,5 Metern Abstand. Die Nähe wollten sie sich nicht nehmen lassen, Gummihandschuhe auf Stöcken als Ersatz für Körperkontakt. So skurril das klingt, es gelingt dem Ensemble sichtlich, einander und somit den Zuschauern zu vermitteln, dass sie – allen Widrigkeiten zum Trotz – wichtig geworden sind füreinander. Der Film endet mit einer wohlverdienten musikalischen Würdigung und einem waschechten Premierenritual. An der Stelle tut es dann doch Leid, dass sie sich nach der Blumenüberreichung nicht haben umarmen dürfen.

Fazit

Die Projektteilnehmer*innen präsentieren das wunderbare Ergebnis eines großartigen Experimentes. Der Aufbau des Films spiegelt in einer poetischen Weise den Prozess der Gruppenentwicklung wieder. Zu Beginn einander mit negativen Annahmen, mit Vorwürfen begegnend, tauschen sich die Vertreter*innen der beiden Generationen aus, lernen sich gegenseitig kennen. Sie gelangen schließlich zu einer besonderen Form der Intimität, in der die Träume der Senior*innen durch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf kreative Weise zu ihrer Erfüllung gelangen. Damit werden sowohl die analogen als auch die digitalen Probe – und Begegnungsräume zu Orten der offenen Kommunikation und der Entwicklung gegenseitigen Verständnisses. Der Regisseurin Uta Plate gelingt damit wunderbar, einer der theatralen Hauptfunktionen in einer Weise auf den Leim zu gehen, die neidisch werden lässt, nicht dabei gewesen zu sein.

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