© mashup X / Leonie Rohlfing

„Lass uns doch einfach Videos drehen“ schlägt eine Person aus der Produktion Die Neuen 20er vor. Damit trifft sie den Zeitgeist-Nagel auf den Kopf. Proben gibt es nicht, Aufführungen sowieso nicht, also muss man kreative Wege in der Krise gehen – wie es gerne heißt.

Das UnruhR Festival ist sehr anders als gewöhnliche Theaterfestivals, es gibt keine Wettbewerbe, keine Preise und keine Jury. Stattdessen steht erfrischender Weise Theaterpädagogik im Mittelpunkt. Deswegen bringt UnruhR seit 2002 jährlich junge Theaterschaffende aus dem Ruhrgebiet zusammen und gibt ihnen Raum sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Dieser physische Raum ist in Zeiten einer Pandemie zwar nicht verfügbar, aber das Festival lässt sich trotzdem nicht unterkriegen und baut Brücken zwischen Bildschirmen. Es ist schön anzusehen, dass beim UnruhR Theaterfestival den Teilnehmenden auch wirklich der Raum gegeben wurde kreativ und frei zu sein und mit der Krise künstlerisch umzugehen – davon könnten einige Universitäten viel lernen. Alles ist dabei: Probeaufnahmen, Workshops, Intermediale Collagen, natürlich dürfen auch das homemade Video und die Abschlussfete nicht fehlen. Von zwei sehr unterschiedlichen, aber ebenso bemerkenswerten Produktion möchte ich jetzt genauer berichten.


Die Serie „Käse ist besser als Corona“ besticht durch ihren überzeugenden Namen und erscheint auf Instagram. Better Together heißt die Bande des Jungen Schauspielhauses Bochum, da ist es fast schon tragisch, dass sie jetzt nicht mehr Together arbeiten können. Trotzdem hinkt ihre Webserie dem Kriterium Better um nichts nach. Auf der Website der Bande steht: „Eine Gruppe von jungen Forscher*innen experimentiert rund um die Fragen, was eine Gemeinschaft sein kann und ob sich Gemeinschaft heutzutage eigentlich noch lohnt.“ In ihren kurzen Vorstellungsvideos scheinen sie die Antwort für sich gefunden zu haben. Alle sprechen davon, dass das Beisammensein in den Proben besonders schön für sie war. Ich höre, wie traurig sie sind, dass die letzte Probe nur ohne Körperkontakt stattfinden konnte. Bevor das Stück dann ganz abgesagt wurde, denn „Theater kann man nicht spielen, ohne sich zu berühren“ stellt Better Together fest. Aber obwohl sie sich nicht physisch berühren konnten, hat mich die Webserie trotzdem emotional berührt. Mir wird etwas warm ums Herz, als die Darstellenden ihren Corona-Alltag vorstellen. Sie spielen Darth Vader, basteln Papierflieger und lassen sie fliegen, bringen den Müll raus, kochen und verzweifeln am Pensum der Online-Hausaufgaben – ein Szenario mit dem ich mich auch als Studierender sehr gut identifizieren kann. Aber dann kommt der Cut. In der dritten Folge ändert sich alles, die Welt bricht zusammen: Apokalypse? Zu Horrorfilm Musik erzählen sie von einer Welt im Wandel: Die Natur breitet sich aus, Pflanzen wachsen in Häuser, Meerschweinchen fangen an ihre Besitzerinnen zu beschimpfen, Feen schmeißen Teepartys mit Vampiren und Menschen bekommen Heißhunger auf Blätter. All diese furchterregenden und aufheiternden Ereignissen fasst die Produktion in Worte, die sich auch erstaunlich gut auf die Veränderung der menschlichen Interaktion in der Corona-Krise übertragen lassen: „Die Blicke sind anders, die Menschen sind anders, die Worte sind anders, und alles was dazwischen ist.“


Die Abenteuer der Darstellenden werden auf Handykameras eingefangen, in schlechter Qualität und mit wackelnder Kamera. Aber das stört alles nicht. Wie im Horror cult-classic The Blair Witch Project von 1999 verstärken die unprofessionellen Aufnahmen die Authentizität des Ganzen und verleihen ihm noch viel mehr Charme. Die kurzen Videos über den vermeintlichen Weltuntergang könnten auch Teil einer Instagram-Story sein. Da passt es gut, dass sie auf der Instagram Seite der Bande Better Together veröffentlicht wurden. Aber dort sind nicht nur die Videos zu sehen. Die Darsteller*innen unterfüttern die Serie mit weiteren kleinen kreativen Projekten. Es gibt Kochrezepte, Comics, Poetry Slams, Making-Offs und Verschwörungstheorien. Bei der Auswahl ist wohl für jede*n was dabei! Im fünften und letzten Teil der Serie hat sich die Apokalypse selbstverständlich wieder zum Guten gewendet. Alle erzählen im Konferenz-Call von ihren Abenteuern und ein Mädchen, dass zur Vampirin geworden ist berichtet stolz: „Ich kann jetzt schneller rennen als ein Flugzeug fliegt. Das heißt ich geh jetzt in den Urlaub, trotz Corona.“ Aber ein bisschen Melancholie kommt trotzdem durch, denn an diesem Tag hätte eigentlich die Premiere ihres Stückes „Unsere Dämonen“ stattgefunden. Die muss leider auf September verschoben werden. Aber kein Grund Trübsal zu blasen. „Jetzt wäre unsere Premierenparty gewesen“ sagt jemand, und schon beginnt die Zoom-Party. „Wir sehen uns im September!“ heißt es zum Abschied. Da werde ich mir wohl ein Zugticket nach Bochum kaufen müssen!


In MEDEA MASHUP wirft die theater:faktorei des Theaters Oberhausen aus Sicht heutiger junger Menschen einen neuen Blick auf den Medea-Mythos. Eigentlich sollte das Projekt als Szenencollage vor Live-Publikum stattfinden, aber nun ist sie in den digitalen Raum verlegt worden. Die Aufnahmen sind alle auf der gleichen Bühne entstanden, aber um den Hygieneabstand einzuhalten kann jeweils nur eine Person auf der Bühne sein. Daraus hat sich eine ansprechende Ästhetik ergeben. Die Darstellenden sind auf den Videos entweder einzeln zu sehen, wodurch die ganze Aufmerksamkeit auf eine Person fokussiert wird, oder sie laufen alle parallel ab, sodass die Bilder und Stimmen eine kraftvolle Collage erzeugen. Es ist offensichtlich, dass hier mit professionellem Equipment gearbeitet wurde. Zitate aus Euripides Stück verbinden sich mit Summen, Pop-Musik, Klavierspiel, persönlichen Anekdoten und bilden einen Klangteppich, in den ich mich am liebsten reinlegen würde.


Die Titelfigur der antiken Tragödie Medea des griechischen Dichters Euripides ist vielfältig interpretiert worden: als grausame Kindsmörderin wie auch als Vorreiterin des Feminismus. Mit diesen scheinbaren Widersprüchen jongliert auch die Bild- und Videocollage und beschreibt Medea als: Mutter, Mörderin, Märtyrerin, Mädchen. Die Inszenierung konzentriert sich auf den feministischen / genderproblematisierenden Aspekt Medeas und trifft so wirkungsvolle Aussagen. Die Darstellenden hinterfragen altbackene Genderkonstruktionen: „Bin ich ein Mädchen, nur weil mir jemand sagt, dass ich eins bin?“ Verbinden eigene diskriminierende Erfahrungen mit denen der Medea: „Du rennst wie ein Mädchen. Lächel‘ doch mal!“ Die Darstellenden fragen stellvertretend für Medea: „Wer würde sich an meinen Namen erinnern, wenn er nicht auf dem Cover stände?“ Als Antwort folgt eine Aufzählung von Namen, die ich noch nie in meinem Leben gehört habe: Miranda Frost, Tiffany Case, Pussy Galore und viele mehr. Es sind sogenannte Bond-Girls, vom Stück „forgotten girls“ genannt. Frauen an die sich – fast keiner mehr erinnert, weil ihr Name nicht im Titel steht, weil sie ungerechtfertigt zum weiblichen Sidekick degradiert wurden. Damit das heute nicht mehr passiert, ist es unbedingt sinnvoll sich an Medea zu erinnern. Vielleicht können wir von ihr alle noch etwas über Selbstbestimmung lernen – abgesehen davon, wie man seine eigenen Kinder tötet.

Eine bestimmte Passage hat mich besonders angesprochen. Eine junge Frau möchte grade anfangen zu rappen, als eine computergenerierte Stimme sie unterbricht: „Du willst doch nicht ernsthaft so ´ne Rapnummer abziehen? Findest du nicht, dass das eher so nen Männerding ist?“ Als Antwort erhält die Stimme nur ein müdes „Ernsthaft?“, der Beat setzt wieder ein, sie rappt los: Über die chauvinistische Rapszene., Vorurteile gegenüber Rapperinnen, und sie fragt sich zu Recht: „Wieso sollte ich mich einer [Rap]Szene anpassen, die mich sowieso nicht will?“ MEDEA MASHUP ist das einzige Stück in meiner Erinnerung, dass Rap sinnvoll und gut einsetzt. Viele Regisseur*innen können sich für die Kombination von Rap und Theater gerne ein Beispiel an dieser Passage nehmen. Am Ende von MEDEA MASHUP steht eine kraftvolle Aussage: „Wir nehmen uns das Recht Frau zu sein. Wir nehmen uns das Recht nicht Frau zu sein. Wir nehmen uns das Recht unangepasst zu sein, wie Medea.“


Das UnruhR Festival gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, sich in der Zeit einer Pandemie auszudrücken und ihre Situation kreativ zu nutzen. Es ist egal, ob die Produktionen homemade oder professionell anmuten, in jeder Szene ist die Freiheit und Freude der Teilnehmenden zu spüren. Videos in denen die Absurdität des momentanen Alltags zur Apokalypse gesteigert wird, bereichern mich ebenso, wie neue Interpretationen antiker Mythen. Aber das war nur ein kleiner Einblick in das Programm des Festivals, es gibt noch viel mehr zu entdecken. Ich freue mich schon, wenn UnruhR nächstes Jahr wieder analog und ohne Bildschirm stattfinden kann, aber bis dahin gucke ich gerne noch ein paar Mal die diesjährigen Online-Produktionen.

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