«Hat die liebe Seele Ruhe Und aus Kindern werden Schemen Albern geht die Welt zugrunde Und die Halbwelt lacht dazu Und die Nachwelt lacht euch tot Lacht euch tot»

© Ayse Yavas

Eine leere Bühne, nur ein Tisch und ein junger Soldat in Uniform. Liest Zeitung. Er beginnt betroffen zu singen. «Wehe. Wehe. Schreiend Unrecht. Rechtsbruch. Wehe.» Aus weiter Ferne steigen weitere Stimmen ein; kommen von hinter dem Publikum auf die Bühne. «Ihr Jämmerlichen jammert mich. Schafft endlich diesen Hammer ab. Schafft endlos Euch den Hammer ab.»
Nun stehen die knapp dreissig jungen Männer in Reih und Glied. Alle in bereits abgenutzten Armeekleidern. Sie messen den Abstand zwischen sich aus und beginnen zu marschieren. «Der Erde juckt das bunte Fell. Bald hält sie still.»
Diese fragmentarischen Textfetzen entstammen aus dem Text «Zuginsfeld» des Dichters Otto Nebel. Geschrieben 1918 in Kriegsgefangenschaft, zeugt er mehr als nur von dem Grauen des Krieges. Er zeugt von einer Abscheu einer Sprache, die den Krieg so normal gemacht hat. Diesen Anti-Kriegstext hat der Komponist Till Löffler vertont und Ursina Greuel, künstlerische Leiterin des sogar theater inszeniert. Gemeinsam entstanden mit dem Dirigenten Oliver Rudin und den Männerstimmen der Knabenkantorei Basel ist IM NEBEL, eine «Sprachsalve gegen den Krieg». Nach grossem Erfolg, aber nur sechs Vorstellungen sind diesen November und Dezember wieder sieben angesetzt – eine im Kurtheater Baden und zwei im Gare du Nord Basel fanden bereits statt, diesen Freitag und Samstag spielen sie im Theater im Delphi Berlin und später im Dezember erneut zwei im sogar theater in Zürich.

«Das Gewehr ist die Braut des Soldaten.»

Die jungen Stimmen sind im realen Leben zwischen 13 und 23 Jahren alt. Der jüngste Soldat, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist, war gerade mal ein Jahr älter; Paul Mauk starb im Alter von 14 Jahren während der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern. Otto Nebels Text ist zwar während dem Ersten Weltkrieg entstanden und die Inszenierung bezieht den Text auch nicht auf das Heute – in den Köpfen entwickelt sich das alles viel weiter. Was, wenn diese jungen Männer morgen eingezogen und sich übermorgen auf einem Schlachtfeld, sagen wir in der Ostukraine oder in Nordsyrien wiederfinden würden?
Auch wenn das heute eher unwahrscheinlich erscheint, ist es genau diese Zeitlosigkeit, die das Unfassbare so erschütternd einfahren lässt. Das Unfassbare, dass junge Menschen in einen Krieg ziehen müssen, der anfangs selbst von der Bevölkerung mitgetragen wird. Das Unfassbare, dass eben jene jungen Menschen auch dann noch in den Krieg ziehen müssen, als dieser bereits als verloren gilt. Das Unfassbare, dass sich Menschen gegenseitig umbringen und dass das sogar noch gewollt wird.

© Ayse Yavas

«Wer steigt dem Staat aufs Dach?»

Ein Bild bleibt besonders hängen: Ein Offizier befiehlt den anderen Soldaten sich Formation zu begeben. Mit Notenständern als Gewehren formieren sie sich in einem Halbkreis. Der Offizier geht an ihnen vorbei, überprüft sie. Einer will ausscheren und steckt die anderen an, es machen alle mit. Der «Aufstand» hält nicht lange, der ausscherende Soldat wird zurechtgewiesen und alle begeben sich zurück in Formation.
Als aber dieser Soldat sich kurz darauf erneut verweigert, ist es diesmal nicht der Offizier, der ihn zurechtweist. Nein, dieses Mal wird der Aussätzige von allen anderen Soldaten umringt und bedrängt. «Soldat bin ich. Das ist herrlich.» singen sie. Es ist nicht schwer, Menschen zum Krieg zu begeistern. Es ist allerdings sehr schwer, dagegen die Stimme zu erheben.
An einer Stelle singen sie: «Wer steigt dem Staat aufs Dach?» Alle fallen um.

«Blutrünstige, abrüsten.»

Nun ändert sich die Stimmung. Es wird anklagend, mahnend und betroffen. Die zwei einzigen, die noch stehen, steigen auf den leblos anmutenden Körpern herum und singen abwechselnd in immer weiter steigenden Tonhöhen. «Ich glaube keinem Untier. Ich seh noch keine Menschen. Tieren glaube ich das Sterben.»
An einem Punkt – der Chor steht wieder – stellen sich die dreissig jungen Männer um und im Publikum auf. Sie fixieren einzelne Besucher*innen, weichen nicht zurück. Einer von ihnen beginnt zu sprechen. «Blutrünstige, abrüsten. Rüstig! Hurtig! Höchste Zeit! Abrüstung ist Häutung. Heute kommt die Haut vom Hauen Fleischerei, ihr Hackepeter. Tierelyncher. Menschenschlächter. Fleischer Ihr, Ihr Allesfresser.» Die anderen steigen ein – erst im Flüsterton und irgendwann immer lauter und deutlicher. Mittlerweile im Rufen angekommen, kehren sie in schnellen Schritten zurück auf die Bühne. Dort formieren sie sich zu einem Protest, reissen ihre Fäuste in die Höhe und und schreien mit voller Stimme gegen die Wand. Rotes Militärlicht umkreist sie. Sirenengeheul erklingt und übertönt sie.

«Kein Mensch muss.»

Vier junge Männer lösen sich aus der Gruppe und kommen nach vorne. Die Stimmung wechselt, sie beginnen im Quartett ein Klagelied – so schön, so andächtig, so erschütternd. Der Chor steigt ein und dreht sich mahnend zum Publikum. «Ehre ist Schuld. Kein Mensch muss.»
Nein, es muss wirklich kein Mensch. Und es will auch wirklich niemand, vor allem nicht nach diesem Stück. In den 60 Minuten fällt kein Schuss, es tropft kein Blut. Als Waffen dienen Notenständer und die Technik, die eingesetzt wird, ist minim und immer der Schrecklichkeit des Stoffes untergeordnet. Genau darin liegt die enorme Kraft – das Thema ist zu schlimm, dass eine andere Darstellung als die gewählte subtile Art dem nicht gerecht werden könnte.

© Ayse Yavas
Krieg hört nicht auf. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Nächste ausbricht. «Ticktack» singen sie und begeben sich wieder in Formation. Der Soldat, der anfangs am Tisch sass, setzt sich und nimmt sich erneut die Zeitung. Er blättert einmal.

Vorgestellte Produktion:
Im Nebel
Knabenkantorei Basel
«Wir wollen keinen Krieg!» Sie marschieren, rebellieren, brüllen, sterben, stehen wieder auf und singen einfach wunderschön: Die Männerstimmen der Knabenkantorei Basel verkörpern das unfassbar Entmens…
Kommentare unterstützt von Disqus.