Corona hier, Corona da, unstrittig wichtig, dieses Thema der Stunde, aber … wieso spricht eigentlich niemand mehr über das Gesamtbild, über die drohende APOKALYPSE?!

Moment mal, war die nicht bereits YESTERDAY? Aber vielleicht lassen wir doch einfach die Zukunft sprechen, wie sie da in Jeans und T-Shirt an einer Shisha ziehend in einem Haufen Zierkissen zu entspannen versucht.

„Ein Stück über die Zukunft … oder das Gestern? … oder das Heute?“ - das war das Bestreben des NextGeneration Ensembles aus dem Theater X, das von Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst organisierte Künstlergruppen beherbergt. Statt dieses auf die Bühne zu bringen, schicken sie, von den Umständen angeregt, eine aus vier Folgen bestehende Miniserie in den digitalen Äther.

Im Fokus: Die Zukunft, die selbst die Moderation durch die Auseinandersetzung mit ihren Belangen übernimmt. Ihre ständigen Widersacher: Die Idioten, denen der ganze Kuchen gehört, der Großkapitalist, das System, allesamt veranschaulicht durch eine Altherrenhandpuppe von 1,30 Meter, Anzug und Krawatte, Brille und eisblaue Augen, wie es sich für ein Wesen ihres Standes gehört.

Die Zukunft in der Shishabar

In der ersten Folge lernen wir beide kennen, sie in der titelgebenden Shishabar, die aktuelle Weltlage kommentierend, ihn vor dem Fernseher, durch Nachrichtenkanäle zappend, genüsslich, große Teile des Kuchens, der nun mal ihm gehört, konsumierend. Er lässt sich nicht stören, von den Botschaften an Hiob, die seinem Empfangsgerät entspringen. Schließlich tauchen auf dem Bildschirm sieben Panels auf, jedes ein Zimmer inklusive Ensemblemitglied zeigend. Der/die Zuschauer*in wird Zeuge einer modifizierten Version des Kinderspiels 'Feuer – Wasser – Sturm', das hier als Symbolträger fungiert. Vor dem Wasser wird geflohen, das Feuer wird ausgepustet oder ausgetreten, der Feinstaub verursacht Hustenanfälle, doch dem Erdbeben, dem sind sie alle hilflos ausgesetzt. Die Zimmer wanken, die Spieler*innen verlieren das Gleichgewicht, Hilferufe durchdringen den Äther. „Seht ihr das nicht? Warum tut ihr denn nichts?!“ So der vorwurfsvolle Ausruf, der das Aufzeigen der Missstände in der wankenden Welt begleitet. Die Erde des sich in Sicherheit wähnenden Handpuppenmannes bebt ebenfalls. Sein Verhängnis ereilt ihn jedoch mit dem Ende der Erschütterungen, als die Ensemblemitglieder ihn durch ihre Kameras entdecken und so lange ansehen bis er ... nun … explodiert. Das letzte Wort hat natürlich die Zukunft: „Und da ist sie … die Apokalypse … die Dystopie. Sie war schon immer da … für einige … für viele. Aber die Zukunft, die, die soll’s richten. Ich soll’s richten.“ Ob wir tatsächlich alles auf sie abwälzen können, beabsichtigt sie in der nächsten Folge aufzuzeigen.

Die Wunder der Technik

„Ich bin die Zukunft. Ich bringe Euch alles, was Ihr wollt! Ihr müsst Euch nicht mal selber den Arsch abwischen.“ Mithilfe der die zweite Folge betitelnden Wunder der Technik beabsichtigt die Zukunft, jegliche Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen. Von beim Hinunterfallen kaputtgehenden Iphones, über die von Plastik durchseuchten Meere bis hin zur Alterseinsamkeit - „Die Technik wird es richten“, behauptet sie, in einem ostentativen Anzug aus Rohren, Kabeln und Leiterplatten in die Kamera grinsend. Fade out – und der ältere Anzugträger tritt wieder auf den Plan. Nun ergreift er zum ersten Mal das Wort, bedeutungsschwer, denn sein Konzern, ist nicht nur bestrebt, den Inhalt an Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre zu reduzieren, den Umweltproblemen Abhilfe zu verschaffen, sondern neben Arbeitsplätzen HOHE Gewinne zu generieren. Diesmal tritt das Ensemble in den Panels als eine nahezu perfekt koordinierte menschliche Maschinerie auf, die jedoch schließlich ins Stocken gerät und stehen bleibt. Der Handpuppenmann ist empört, weiß sich jedoch durch Androhung von beständiger Beobachtung und seiner Konnektivität zur Polizei, der Unproduktivität der Einzelnen zur erwehren, denn: „Als anonyme Massen seid Ihr wohl stark, aber allein seid ihr nur mickrige Köter, die für mich Profite erbringen.“ Sein mithilfe einer Nahaufnahme der Schaumstoffaugen inszenierter drohender Blick wird von der Zukunft mit Schweigen und einer hochgezogenen Augenbraue quittiert.

Wunschkonzert

Da! Da ist sie endlich, die schillernde Zukunft! Strasssteine im Gesicht, Perlenkette um den Hals, in Regenbogenfarben reflektierende Jacke empfängt sie uns an einem bunten Weingummistreifen kauend in Folge drei. Sie malt eine Vision von einem unbeschwerten Wohlfühlleben in einer Seifenblase mit viel Glitzer und Luft zum Schweben, in dem es das Wichtigste ist, sich auszudrücken und seine Individualität zu zelebrieren. Anschließend verteilt sie ausgefallene Kleidung an die Ensemblemitglieder, die sie in ihren Zimmern empfangen, sich mit verdeckter Kamera verkleiden, und sich stolz präsentieren, um schließlich in der Panel-Ansicht zum gemeinsamen Sinnieren zusammenkommen. Im Sinne des Folgentitels entsteht ein Wunschkonzert, in dem die individuellen Träume zur Struktur der Welt geäußert werden, harmonisch, frei von Diskussionen, als parallele Zukunftsvisionen geltend gelassen … bis der ältere Marionettenherr einen Wettbewerb für innovative Zukunftsideen ausschreibt. Die Ensemblemitglieder versuchen sich mit ihren Vorstellungen zu überbieten bis sich die Zukunft an ihrem Weingummi verschluckt, ihre schmuckreiche Kopfbeckung ablegt und im Off verschwindet.

Seite an Seite

Folge 4, Staffelfinale. Die Zukunft erscheint im Arbeitsoverall, Tuch um den Kopf, Warnweste, Augenklappe, ein paar Gummistiefel in der linken, ein Regenschirm in der rechten Hand. Sie versetzt sich in Rollen geschichtlicher oder gegenwärtiger Kämpfer auf diversen Ebenen gesellschaftlichen Lebens, sie lässt Krankenschwestern, friedliche Protestanten oder Freiheitskämpfer sprechen. „Diese Zukunft ist linksextremistisch!“ protestiert die Anzug tragende Handpuppe und hält eine Art Wahlkampfrede gegen jede Form von Extremismus. Sie erhebt den Anspruch, sich an die Mitte der Gesellschaft zu wenden, an „alle anständigen und rechtschaffenen Bürger dieses Landes.“ Eine harsche Reaktion folgt: Nacheinander werden die Ensemblemitglieder eingeblendet, in der schillernden Kleidung der vorangegangenen Folge erscheinend. „Der Vergewaltiger bist Du!“ und „Wir sind nicht das Problem, das Problem ist das System!“ lauten die Protestrufe, die direkt in die Kameras, in Richtung des Systemvertreters (sowie des Zuschauers) skandiert werden und zwar bis die resignierte Handpuppenfigur ins Off verfrachtet wird.

Szenenwechsel, Schließung des Kreises, Rückkehr in die Shishabar. Diesmal ist die Zukunft nicht allein – mithilfe der Wunder der heutigen Technik kann sich das gesamte Ensemble dort versammeln. Es ist Wohlfühlzone, safe place, ein Ort der Akzeptanz, der Unbeschwertheit, der Gemeinschaft, ein Ort, an dem es „nach Zuhause riecht“ und diejenigen, die sich außerhalb nicht sicher fühlen, zum Lachen zusammenkommen. All das wird, der Zukunft zufolge, stark bedroht. „Sie bringen uns um.“, sagt sie, konstatiert jedoch: „Aber wir werden nicht aufhören zu lachen. Wir sind hier, um zu kämpfen.“ und unter Einblendung der in die Kamera blickenden Gruppenmitglieder: „Dass es uns gibt, ist Widerstand. Dass es uns gibt, ist Vergangenheit. Dass es uns gibt, ist die Gegenwart. Dass es uns gibt, ist die Zukunft. Wir sind sind die Zukunft.“, lautet ihr letztes Statement.

Ende. Ende? Ende?! Fragt das Ensemble vor den Credits, die im Vordergrund der letzten Aufnahme erscheinen: Die Krümel des Kuchens werden sorgfältig zusammengefegt, die Handpuppe sitzt daneben. Schließlich fällt sie mit dem Gesicht hinein. Lachen im Hintergrund, wahrscheinlich Outtake, aber symbolträchtig.

Das NextGeneration Ensemble beweist erneut, dass Stillstand der Außenwelt keinesfalls mit Stillstand der Innenwelt einhergeht. Das bereits erarbeitete Material in einer Serie zusammenzustellen, ist eine äußerst kreative, sehr gut umgesetzte Idee. Die im Schnitt sechsminütigen Folgen erscheinen wesentlich länger – diesmal im ausschließlich positiven Sinne. Sie sind ausgesprochen inhaltsvoll, symbolträchtig, assoziativ, eine sehr gelungene Collage voller spannender Aussagen, die unabhängig von der politischen Ausrichtung zum Denken anregen.

Es stimmt alles – obwohl jede Folge einen anderen Fokus legt, ist die Atmosphäre sehr stimmig. Beide Protagonist*innen haben einen passenden eigenen Soundtrack und die Nutzung einer Handpuppe, die jeweils durch eines der Ensemblemitglieder gesteuert wird, ist nicht nur im Kontext sehr bedeutungsschwer, sondern auch recht amüsant. Dem Ensemble gelingt es, ernste Botschaften zu vermitteln und ihre Meinung kundzutun ohne den Zuschauer in eine depressive Verstimmung zu stürzen. Ganz im Gegenteil, irgendwie aktivierend wirken sie, die Beteuerungen, dass SIE, dass WIR die Zukunft sind. Wichtig, sich darauf zu besinnen, in einer Flut aus tagespolitischen Meldungen, die die Feststellung einer gestrigen, einer heutigen Apokalypse nicht nur als treffend erscheinen lassen, sondern beständig bestätigen. Definitiv leistet das NextGeneration Ensemble einen Beitrag dazu, eine APOKALYPSE TOMORROW zu verhindern. Und mich, mich haben sie abgeholt.

Besser als Netflix! So wird die Produktion auf den Kanälen des Theater X beworben. Als letzten Kommentar möchte ich die Frage in den Raum stellen, wann es wohl Staffel 2 gibt, damit ich die auch bingewatchen kann?

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