Auf Instagram geht ein Profil viral, dass das Leben eines jüdischen Mädchens im Holocaust 1944 zeigt. Zum Jubiläum des Mauerfalls findet die Aktion #throwback89 statt. Und schliesslich beginnt Greta Thunberg auf Instagram den Schulstreik für das Klima.
Warum damit eingeleitet wird? Diese drei Beispiele zeigen Punkte, die für die Rolle des Theaters im digitalen Raum durchaus von zentraler Bedeutung sind.
Ernste Themen haben Chancen. Es ist keineswegs so, dass im Internet und in den sozialen Medien ernste und allgemeinbildende Themen keinen Platz hätten. Im Gegenteil, es scheint, dass zwischen all dem existierenden noise tiefgehende Themen umso mehr Publikum finden könnten. Die Geschichte von Éva Heyman, dem im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ermordeten Mädchen, haben knapp anderthalb Millionen Menschen verfolgt.
Social Media ist politisch. Durch #FridaysForFuture und #metoo mehr denn je. Menschen nutzen die sozialen Medien nicht mehr nur für Kommunikation mit Bekannten und Selbstpräsentation, sondern als Plattform für Information und Bekanntmachen von gesellschaftlichen Missständen. Und ja: Social Media sorgt für eine zunehmende Fragmentierung des politischen Diskurses und für mehr Plattform für populistische Agitatoren. Dieser digitale Raum benötigt unbedingt künstlerische Beobachtung und also Kommentar.
Davon abgesehen. Social Media im Speziellen eröffnet neue Möglichkeiten, einem langgehegten Traum der Theater näherzukommen: (Auch) die Bevölkerungsgruppen zu erreichen, mit denen man sich sonst so schwer tut. Denn die bewegen sich da sowieso.
Es reicht aber nicht, einfach irgendwas zu machen. Gelungenes Audience Development passt die Inhalte nutzer*innengerecht auf die Plattform an. Es herrschen auf Social Media ganz andere Voraussetzungen, was die Entwicklung dieser Formate sicherlich prägt. Theater kann seine Stärke - die “Liveness” - auf Social Media in anderen Formen ausspielen: Beispielsweise in einem Projekt, welches sich laufend weiterentwickelt und wo der*die Zuschauer*in den Verlauf mitentscheiden kann, weil vorher nichts feststeht.
Gelungenes Audience Development würde aber auch heissen: Endlich jene zu erreichen, die sonst so schwierig zu bekommen sind. Das Theater so ein Stück weit von dem elitären Podest herabholen. Wäre doch schön, wenn statt einer Coca-Cola-Kampagne ein interaktives Stück gefeiert wird, welches eine Geschichte zu erzählen hat. Social Media ist für Theater nicht nur ein Ort der Werbung - sondern eben ein Ort, der künstlerisch bespielt werden kann. Damit würden auch neue Gruppen und andere Kreise erreicht werden können, als analog jemals möglich wäre.
Bisher wird die Chance wenig wahrgenommen; die Rezipierenden bestehen bei den momentanen Angeboten meistens nur aus denen, die sowieso schon theaterinteressiert sind oder selbst produzieren. Und das ist eine vertane Möglichkeit.
Das Publikum für politische, tiefgehende und künstlerische Inhalte ist im Internet und auf Social Media da. Wenn die Formate stimmen, dann kommt es auch. Wieso nicht probieren.

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