Der Ausdruck «digitales Theater» löst bei mir viele Emotionen aus. Bislang bin ich davon ausgegangen, dass es nur negative Emotionen in mir weckt, weil ich grundsätzlich kein grosser Fan davon bin. Mich haben viele der digitalen Formen, die in letzter Zeit entstanden sind, nicht überzeugt, was zu einem inneren Konflikt geführt hat, denn ich möchte grundsätzlich schon, dass mich diese Formen abholen. Was bis jetzt noch nicht passiert. Um jetzt aber nicht den Eindruck zu machen, als wäre ich nur dagegen, habe ich mich hingesetzt und mich mit der digitalen Form meines geliebten Theaters beschäftigt. In der Auseinandersetzung damit merke ich, dass ich trotzdem ein paar Punkte aufzählen kann, die für das digitale Theater sprechen. Ein paar Punkte, die auch ich wertzuschätzen weiss.
Was mich vor allem beeindruckt, ist die Bereitschaft vieler Theaterschaffenden, sich nun mit der – teils gezwungenen – Digitalisierung des Theaters zu befassen und verschiedene Formen und Konzepte zu entwickeln. Vom Live-Stream über IGTV bis hin zu Zoom-Sitzungen - in den letzten paar Wochen habe ich wahrscheinlich viele der Züge, die das Theater in seiner digitalen Form angenommen hat, gesehen und mitverfolgt. Mal mehr, mal weniger begeistert. Diese unglaublich schnelle Kreativität ruft in mir ein warmes Gefühl von Zufriedenheit hervor, denn ich befinde mich momentan im anstrengendsten Stadium meines Theaterentzuges. Die kleinen, digitalen Häppchen, die mir zugeworfen werden, verschlinge ich mit einer Neugier, die mir bis jetzt unbekannt war. Ich bin froh darüber, dass wenigstens online irgendetwas existiert, was mir meinen Anteil an Kultur gibt, den ich für meinen ausgewogenen Alltag brauche.
Jedoch weiss ich nicht, wie befriedigend diese Form von Theater für mich ist. Wenn ich länger und gründlicher darüber nachdenke, macht es mich ein bisschen traurig. Es stört mich, dass nun auch noch das Theater, mein so ziemlich letztes Medium, das ich fast ohne Digitalisierung geniessen konnte, das auch ohne Bildschirm und Tastatur funktionierte, das für mich vollkommen und durchaus körperlich war – nun auch noch in digitalisierter Form in meinem Posteingang erscheint. Auch wenn ich die positiven Argumente für das digitale Theater sehe und zum Teil auch verstehe, weiss ich nicht wie ich damit umgehen soll.
Dass es eine Chance sein könnte, ein anderes Zielpublikum zu erreichen, ein jüngeres und dynamischeres, weniger elitäres, denke auch ich. Aber tut es das wirklich? Findet die Jugend zwischen Netflix, YouTube und Tinder ihr Interesse an Kunst im digitalen Raum? Nehmen sie sich wirklich die Zeit, sich etwas anzuschauen, das sie nicht vorher auf Wikipedia durchlesen können, um schon im Voraus zu wissen, mit was sie es eigentlich zu tun haben? Und was macht die ältere Zielgruppe? Haben die überhaupt einen Computer und wissen, wie man mit solchen Medien und Foren umgeht? Und schadet es der Kultur nicht, dass jeder und jede sich nun alles kostenlos ansehen kann? Verliert oder gewinnt das Theater an Bedeutung und Relevanz? Bekommen wir bald viereckige Augen, wie es unsere Grosseltern vorausgesehen haben? Wissen wir in zehn Jahren noch, wie ein Buch aussieht? Oder eine Bühne? Vielleicht ist das alles irrelevant und naiv, was ich mir da zusammendenke, aber alle diese Fragen häufen sich in meinem Notizbuch und ich scheine keine zufriedenstellenden Antworten darauf zu finden. Ich bin der Meinung, dass das Theater oder andere Kunstformen, die im digitalen Raum stattfinden, eine Diskussion verdient haben. Deswegen schreibe ich auch diesen Text. Verschiedene Meinungen sind für die Entwicklung neuer Ansätze sehr wichtig und der Diskurs gibt dem eine Chance.
Ob meine Fragen beantwortet werden oder ob ich vollkommen daneben liege, wird sich zeigen. Dass ich in einer Welt lebe, die sich ständig erneuert und scheinbar immer einen Weg findet, alles Ermessliche in digitaler Form erscheinen zu lassen, muss ich wohl einfach akzeptieren. Ob mir das nun gefällt oder nicht. Alles was ich, zumindest für mich selbst, dagegen tun kann, ist mich so wenig wie möglich mit dieser Sache zu beschäftigen. Trotzdem noch ins Theater zu gehen – sofern dies wieder möglich sein wird. Bücher mit richtigen Seiten zu lesen, statt sie auf mein iPad zu laden. Mit Menschen einen Kaffee trinken zu gehen, statt über WhatsApp hin und her zu chatten. Ich mag altmodisch klingen, das ist mir bewusst. Oder wie ein Kunstbanause. Aber ich für meinen Teil geniesse Sachen, die nicht nur auf Bildschirmen stattfinden und möchte analog immer noch genauso unterwegs sein können wie digital. Was aber nicht heisst, dass ich nicht offen bin für digitales Theater, sondern bis jetzt überhaupt noch nicht überzeugt wurde. Ich wünsche mir, dass es Formen annimmt, die auch mich begeistern und mir Lust auf mehr geben.

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