Der Titel ist eine Phrase, die ich tatsächlich in vielen schriftlichen und mündlichen Konversationen gebrauche. Ich habe immer das Gefühl, klar verdeutlichen zu müssen, dass ich diesen Ausdruck «digitales Theater» nicht unreflektiert anwende. «Digitales Theater» sagt sich sehr leicht. Wenn alles digital ist, wieso dann nicht auch Theater? Doch das Kombinieren der Worte digital und Theater scheint ein scheinbar paradoxes Unterfangen zu sein, woran sich gern gerieben wird. Theater an sich zeichnet sich vor allem gern dadurch aus, dass Spielende und Zuschauende sich zur gleichen Zeit am gleichen physischen Ort aufhalten, während das Vorgespielte nur dann in diesem Moment stattfindet und nicht wiederholt werden kann. In der Theaterwissenschaft gibt es dafür die Begriffe des Transitorischen [1], des Ephemeren [2] und den Begriff der leiblichen Ko-Präsenz [3]. Wenn man von diesem Grundgedanken ausgeht, dass das also die Essenz des Theaters ist, ist es in der Tat schwierig diese Kunstform zu digitalisieren. Denn das Digitale wiederum zeichnet sich dadurch aus, dass die Dinge «in einer binären, also durch die Zahlen Null und Eins ausdrückbaren Form gespeichert, verarbeitet und weiterkommuniziert werden» [4]. Selbst wenn man ein eher ephemeres digitales Format wählt, beispielsweise einen Livestream, so fällt dennoch der Aspekt der Leiblichen Ko-Präsenz weg und damit eine emotionale Komponente, die offenbar nicht digitalisierbar ist.
Oder?
Dieses «Oder?» ist für mich persönlich Grund genug, an diesem scheinbar paradoxen Unterfangen interessiert zu sein. Theater ist keine unumstössliche Naturwissenschaft. Theater ist ein Produkt aus unserer menschlichen Auseinandersetzung mit der Welt. Und diese Welt ist digitalisiert. Es gibt einen digitalen Raum, in dem wir Zeit verbringen, Geld investieren, in dem wir arbeiten, Beziehungen aufbauen und führen, Dinge erleben. Die Qualität ist sicher eine andere. Nicht unbedingt eine weniger wertige. Einfach eine andere. Kann dort im digitalen Raum dann nicht auch Theater stattfinden? Ein anderes Theater mit einer anderen Qualität. Mit einer anderen Zeitlichkeit, Körperlichkeit, Mechanismen, mit anderen Sehgewohnheiten, Ästhetiken, Erzählungen und Erzählweisen, auf die man sich einlassen kann.
Ich bin keineswegs die erste, die sich diese Fragen stellt oder vor allem das Konzept der leiblichen Ko-Präsenz hinterfragt. Seit einigen Jahren gibt es Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen, die sich dem angenommen haben. Es wurden bemerkenswerte Ereignisse im analogen und digitalen Raum geschaffen und darüber berichtet. Einige von ihnen konnten wir für das INTRIGE Magazin gewinnen. In den kommenden Wochen soll hier auf intrige.ch ein Diskurs geöffnet werden, darüber was «digitales Theater» ist, war und sein kann. Wir wollen diesen Diskurs bewusst auf unserer Jugendtheaterplattform stattfinden lassen, da die jungen Digital Natives und Internet-Affinen, für die das Digitale kein Neuland, sondern Selbstverständlichkeit ist, doch an dem Diskurs teilnehmen müssen. Standpunkte, Perspektiven und Ansätze von professionellen Theatermacher*innen und anderen Expert*innen sollen hier mit der jungen Theaterszene verwoben werden.
Worum geht es? Es geht nicht darum, den Stream zu preisen und dabei zu vernichten. Es geht nicht darum, stumpf zu reproduzieren und Theater in seiner konservativen Existenz und Struktur 1:1 ins Internet zu verlegen. Natürlich geht das nicht. Und das wollen wir auch nicht. Es geht darum, offen zu sein für geäusserte Meinungen, getroffene Entscheidungen, grosse Livestreams und kleine Produktionen auf Instagram. Es geht darum, dass es nicht die eine Lösung gibt (der Stream ist es offensichtlich nicht), sondern viele, die vielleicht nicht für alle, aber genügend funktionieren. Es geht darum, sich die Verhältnisse, Rollen und Ansprüche neu zu vergegenwärtigen. Es geht darum, festgefahrene Konventionen, Konzepte und Methoden für den digitalen Raum neu zu überdenken und anzunehmen, dass dabei aktiv aus der Box heraus gedacht werden muss. Es geht um Kreativität und Spass am Experimentieren und letztlich ernstgemeintes Produzieren.
Der digitale Raum ist, was Theater angeht, noch viel zu unangetastet. Nun durch den Lockdown fällt auf, wie sehr. Zeit für eine Bühnenbegehung. Willkommen im digitalen Theater.
[1] Transitorisch: vorübergehend. [2] Ephemer: flüchtig. Theateraufführungen können in keiner Weise ganzheitlich festgehalten, reproduziert oder raum- und zeitunabhängig zugänglich gemacht werden. [3] Leibliche Ko-Präsenz: Spielende und Zuschauende sind zur gleichen Zeit am gleichen physischen Ort. [4] Philip Specht (2018): Die 50 wichtigsten Themen der Digitalisierung. Redline (München), S. 21.

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