Das Opernhaus Zürich publiziert einen Castingaufruf zu einer Neuproduktion von Glucks Oper IPHIGÉNIE EN TAURIDE. Das Leitungsteam mit Regisseur Andreas Homoki und musikalischen Leiter Gianluca Capuano suchen nach einem jungen Schauspieler (ca. 12 Jahre alt) für den «jungen Orest» und einer jungen Schauspielerin (ca. 14 Jahre alt) für die «junge Iphigénie». Beide dieser Schauspieler*innen sollen ein «europäisches Aussehen» haben.
An genau diesem Kriterium stösst sich nun eine gewisse «HA Leoni». Seit dem 6. Dezember (drei Tage vor Probenbeginn der Produktion) veröffentlicht dieser Account mehrfach täglich auf Instagram und auf Facebook Videos, in denen das Opernhaus Zürich markiert ist. In den Videos fragen verschiedene Menschen, ob sie europäisch aussehen.

Screenshot von dem Instagram-Profil HA__Leoni

Der Aufruf des Opernhaus, so HA Leoni, bietet Gelegenheit, «um verschiedene Fragen nach Repräsentation und Postkolonialismus in den darstellenden Künsten aufzuwerfen und ihnen nachzugehen». Das Opernhaus Zürich sei eine «hochsubventionierte und fest verankterte Institution in der Zürcher Kulturlandschaft und es sei doch die Verantwortung einer solchen Institution für eine breitere und realitätsnahe Abbildung der Gesellschaft zu sorgen».
Das Opernhaus sucht nicht nach konkreten äusserlichen Merkmalen, weshalb HA Leoni vermutet, «dass sich das Leitungsteam hinter der Formulierung eines europäischen Aussehens versteckt, um politisch möglichst korrekt zu wirken». Dabei gab es zur Zeit der «Helden und Mythen noch gar kein Europa, weshalb die Regie sich frei entscheiden kann, in was für einen Kontext sie das Stück thematisch einbetten möchte».

Blick von Aussen auf das Opernhaus Zürich. © Dominic Büttner

Falls das Opernhaus Zürich im Jahr 2019 «Repräsentation nicht kritisch hinterfragt, ist dies ein Zeichen der Betriebsblindheit und des Agierens von, mit und für eine exklusive Bevölkerungsschicht», so HA Leoni.
Auf Nachfrage äusserte sich das Opernhaus Zürich nur, dass sie zwei Statist*innen suchen würden, die den beiden Hauptdarstellenden (der Sopranistin Cecilia Bartoli und dem Bariton Stéphane Degout) ähnlich sehen würden.
HA Leoni ist das aber nicht Erklärung genug. «Hätte man das dann nicht genau so schreiben können? Indem sie «Darstellende mit europäischem Aussehen» schreiben, geht in mir ein grosses Fragezeichen auf.»
Bisher gab es nur eine direkte Reaktion in Form eines Briefes von Intendant Homoki. Er schreibt darin, dass das Opernhaus Zürich «festangestellte Mitarbeiter*innen aus rund 40 Ländern beschäftigt». Die Besetzung von Sänger*innen würden sie aus rein künstlerischen Kriterien vornehmen und sie seien weit davon entfernt, jegliche «Zuweisung etwaiger "Identitäten" oder Herkunften für ein Engagement in Betracht zu ziehen».
Diese Antwort sei zwar schön, jedoch bleibt die zentrale Frage unbeantwortet, so HA Leoni: Was bedeutet europäisches Aussehen? Und wird das Opernhaus mit «solch einer problematischen Begrifflichkeit seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht?» HA Leoni werde deshalb so lange weiterposten, bis diese Frage beantwortet ist.

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