Nellie Hächler ist 17 Jahre alt, Gymnasiastin und spielt in Dominik Lochers Stück KIDS OF NO NATION am Neumarkt eine der beiden Hauptrollen. Ich treffe sie während den Endproben kurz vor dem weltweiten Klimastreik am 29. November im Neumarkt.
Nellie, schön, dass wir eine Zeit gefunden haben zu sprechen. Zuerst eine grundsätzliche Frage: Wie hast Du angefangen, Theater zu spielen?
Nellie Hächler: Das war schon früh. Mit vier Jahren habe ich einen kleinen Theaterkurs besucht und auch oft in Krippenspielen mitgespielt. Irgendwann gab es von der Schule auch zwei kleine Sachen, aber das alles war nie wirklich ernsthaft. Als ich zwölf oder dreizehn war, hatte ich keine Hobbies und wollte was machen mit meinem Leben. Meine Mutter hatte dann gemeint, ich soll doch Theater spielen gehen, denn das würde mir liegen.
Ich bin zuerst ein Jahr in die Rote Fabrik in einen Kurs von Golda Eppstein gegangen. Der war sehr modern und wenig Text und viel Performance. Ich war glaubs noch nicht bereit dafür, denn ich war noch sehr geprägt von dem Bild vom klassischen Theater mit Text lernen, Kostüme, etc., man kennt es ja.
Danach bin ich gewechselt ins Statttheater Stäfa. Mit drei t, richtig. Ich bin mit einigen Freundinnen hingegangen und habe da jedes Jahr verschiedene Stücke bis diesen Sommer gespielt. Dieses Jahr habe ich gedacht, dass ich die Arbeitsweise von dem Regisseur kenne und was Neues brauche. Und dann kam das Neumarkt.
Wie bist Du hier denn reingekommen? Das war verrückt. Eine Freundin meiner Mutter hat mir einen Zettel geschickt, worauf ein öffentliches Casting an der ZHdK ausgeschrieben war. Einzige Angabe: Zwischen 15 und 25 Jahre alt.
Ich war davor nur einmal an einem Theatercasting, sondern vor allem bei Filmcastings. Ich habe gemeint, dass sie mich eh nicht nehmen, schliesslich gibt es mit 25 schon viele ausgebildete Schauspieler*innen.
Ich musste dafür einen Lebenslauf schreiben und ich meine, ich bin im Gymnasium. Da brauchen wir das noch nicht. lacht Ich habe das an eine Freundin geschickt und gemeint, dass wir doch jetzt gemeinsam die Erfahrung machen könnten.
Wir wurden dann beide zum Casting eingeladen. Nach dem Casting hab ich mir nicht viel gedacht. Eine Woche später habe ich dann den Anruf bekommen, dass ich die Rolle bekomme. Ich bin im Zimmer herumgehüpft und konnte es kaum glauben. Das Schwierige war es dann, das meiner Freundin zu sagen. Aber gut, so ist das eben.
Leider muss ich diese Frage stellen: Wie vereinbar ist das mit der Schule? Bisher fliege ich noch nicht raus! lacht
Dass sie es mir erlauben, ist echt super. Ich hätte aber auch die Schule gewechselt, wenn nicht. Sie sagen, dass ich es machen kann, aber jede Prüfung mitschreiben muss und halt selbst schauen soll, wo ich bleibe. Ich bin in der Schule einfach nicht so bei der Sache. Ich sitze so in der Stunde und höre zu, aber es geht hier rein und da raus. Und zwar mehr als normalerweise. lacht
Aber es ist in Ordnung. Die Schule wirft keine Steine in den Weg. Beim Wegräumen helfen sie aber auch nicht.

Nellie Hächler © Flavio Karrer

Um was geht es in KIDS OF NO NATION? Mega meta: Wir wollen den Menschen klar machen, dass sie die Chance haben, heute noch was zu verändern, damit es uns später gleich gut geht.
Konkret: Es geht um die zwei Jugendlichen Vaju und Mikka, die nach einem Klimakrieg im postapokalyptischen Zürich leben. Ausserdem gibt es die Kids of No Nation, eine Gruppe von Kindern die eine neue Gesellschaft aufbauen wollen und im Engadin wohnen. Die zwei Jugendlichen kommen aus dieser dystopischen Zukunft zurück in das 2019-Zürich. Hier wollen sie den Leuten die Message überbringen, dass sie noch was verändern können.
Bist Du selbst aktiv in der Klimabewegung? Streikst Du? Ja. Wann immer es geht streike ich. Ich habe sogar arrangiert, dass wir heute gehen können. In der Klimabewegung selbst bin ich aber nicht aktiv. Ich hab Freund*innen, die das machen. Ich bin wahrscheinlich ein bisschen zu schlecht informiert über das Thema im Vergleich zu denen, die die Streiks organisieren. In meinem Alltag versuche ich möglichst bewusst zu leben: Ich bin seit sechs Jahren nicht mehr geflogen, meine Familie hat kein Auto und ich esse kein Fleisch mehr. Und die erste Demonstration an die ich je gegangen bin, war eine Klimademo. Und sogar der erste Streik im Dezember 2018.

«Ich habe Angst.»

Wie beeinflusst Dich die Klimakrise in Deinem Denken? Ich habe Angst. Ich habe wirklich Angst. Ich wollte eigentlich immer Kinder haben, aber seit das so aktuell ist, habe ich echte Bedenken. Ich will kein Kind mehr so einer Welt aussetzen. Einer Welt, die eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Durch unsere Lebensweise.
Ist das eine Deiner grössen Ängste? Die Klimakrise? überlegt Früher war es sehr zentral. Wenn wir darüber gesprochen haben in der Schule, konnte ich oft schlecht schlafen und hatte Albträume. Mittlerweile kann ich damit umgehen. Ich allein kann es halt nicht richten und irgendwo braucht es leider auch eine Akzeptanz, dass diese Veränderung kommen kann. Auch wenn ich das natürlich nicht hoffe.
Es gibt Momente, da beneide ich die, die gar nicht dran glauben. Wenn man sagt, dass es die ganze Scheisse nicht gibt, braucht man auch keine Angst vor der Zukunft zu haben.
Nochmals zurück zum Stück. Wie war das Arbeiten? Wir sind jetzt seit sieben oder acht Wochen dran und was kann ich anderes sagen, das Arbeiten war selbstverständlich super! lacht
Dominik hat uns en detail an das Stück herangeführt und wir sind tief in die Welt eingetaucht. Er hat beispielweise alles nachgefragt. «Wo warst du denn da, als das passiert ist? Hast du mit jemandem gestritten, als du das sagst?»
Wie war das Arbeiten. Ehrlich jetzt? Physisch und psychisch anstrengend. Wesentlich anstrengender als die körperliche Anstengung (die auch nicht ohne ist) war auf jeden Fall mental. Wir machen viele Übungen, in denen man sehr tief in sich reinguckt. Es gab gerade anfangs in den Proben mehrere Momente, in denen ich den Tränen nahe war. Die Gefühle, die ich da hervorruffen musste, haben mich so eingeengt, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll.
Wir hatten beispielsweise eine Übung (alles geplant), in der ich mich so in etwas hineingesteigert habe, dass ich eine Nervenzusammenbruch hatte. Und ich hab geschrien. Ich hab so krass geschrien. Wenn mal irgendwas ganz schlimmes passiert, schreie ich genau so.
Das laugt natürlich sehr aus. Und es ist schwer, da wieder rauszukommen. Man geht nach den Proben nach Hause, aber die Gefühlswelt ist ja immer noch da. In den ersten Wochen habe ich sehr schlecht geschlafen. Ich war halb Vaju und halb Nellie. Erst mit der Zeit habe ich gelernt das zu trennen.
Noch dazu hatten wir auch einige lange Tage, ja. Und dadurch, dass wir nur zu zweit sind, gibt es sehr wenige Momente, in denen ich nichts zu tun habe und eventuell aus der Rolle gehen kann. Ich bin immer auf der Bühne, muss präsent sein und reagieren auf die andere Person. Das ist nicht so, wie wenn man ein Stück macht mit acht oder zehn Spielenden. Man sitzt nicht mal hinter der Bühne und lernt Text. Vielleicht hast Du man fünf oder zehn Minuten nichts zu tun, maximal. Und das ist halt anstrengend. Aber auch besonders. Würde ich sagen.

Nellie Hächler © Flavio Karrer

Du hast vorhin auch schon Film erwähnt. Ein Film, in dem Du mitgespielt hast, ist THE LINES OF MY HAND, der im Frühjahr 2020 rauskommt. Was kannst Du dazu sagen? Ich wurde dafür gecastet von Glaus Casting, wo ich schon sehr lange in der Kartei bin. Es ist mega schön, mit Leuten zu arbeiten, die mir so viel geben können. Schauspielerisch als auch menschlich. Ich habe am Dreh eine sehr gute Freundin gefunden; Masha, die eine Hauptrolle spielt. Sie ist dreizehn. Wir waren quasi die Kinder am Set.
Als der Dreh zu Ende war, bin ich in ein totales Loch gefallen. Was jetzt? Zurück in die Schule? Katastrophe. Da habe ich gemerkt, dass ich mir nichts anderes als Schauspiel vorstellen kann. Ich lerne mich so sehr kennen durch die Sachen, die ich jetzt mache. Ich lerne so viel über mich selbst. Ich war einfach so unglaublich glücklich während der Zeit. Es ist genau das, was ich machen will. Ich habe zwar schon davor geahnt, dass Schauspiel mehr für mich ist als nur Hobby – nach dem Dreh war es kristallklar für mich.
Wo siehst Du Dich in der Zukunft? Auch nach dem Stück? Ich kann mir vorstellen, dass es so ein Loch wieder geben wird danach. Ich hab panische Angst vor diesem Loch. Ich werde sicher heulen, wochenlang. lacht Mit diesen Leuten hier bin ich seit zwei Monaten viel mehr zusammen als mit meiner Familie zum Beispiel. Aber, die Vorstellungen gibt es ja noch. Bis April dauern die und wenn es gut läuft auch noch länger.
Um jetzt nochmals zu meiner näheren Zukunft zu kommen. Ich schau mal, wo ich weitermache. Ich kann gar nicht nicht auf dem Niveau weitergehen, auf dem ich jetzt bin. Ich meine, ich bin eine Hauptrolle in einem Stadttheater. In Zürich. Ich hab so ein Glück. Das ist unglaublich für mein Alter. Ich will sowieso noch sagen, dass ich unglaublich dankbar bin für die Situation, in der ich jetzt bin und für all die Sachen, die ich mache. Ich kann gar nicht so viel zurückgeben, wie es mir gegeben wird.
Nach der Matur will ich an eine Schauspielschule gehen. Am liebsten nicht in der Schweiz, es gibt einfach eine grössere Bandbreite in Deutschland. Ich hatte eigentlich immer geplant ein Jahr Pause zu machen, aber jetzt denke ich mir, wieso ich so lange warten soll. Je früher ich anfangen und mir etwas aufbauen in diesem doch umkämpften Beruf, desto besser.
Wenn ich nochmal mit Dir spreche in sieben Jahren, wo würdest Du dann gerne sein? Warte mal, wie alt bin ich dann? 24?
Ja, genau. Ich wär gern in einer Lebensituation, in der ich von diesem Beruf leben kann. Das ist mein Wunsch. Ich will mit dieser Arbeit meinen Lebensunterhalt finanzieren, dass ich easy leben kann. Ich muss nicht berühmt sein, ich muss einfach spielen können.
Das ist so Dein Drang. Ja. Ich bin in einem sowieso schon künstlerischen Umfeld aufgewachsen, wo meine beide Eltern das tun, was sie wirklich wollen. Das verstärkt meine Freiheiten und meine Wünsche natürlich. Die Bühne und alles darumherum ist der Ort, wo ich am meisten aufgehe. Wo ich mich am wohlsten fühle. Wo ich sein will.
Was ist Dein Wunsch an die Zukunft der Welt? Ich hoffe, wir können die Klimakrise gemeinsam abwenden. Ich hoffe, dass trotzdem die Entwicklungsländer den Wohlstand erhalten können, den wir jetzt haben. Wir können ja nicht sagen, dass wir jetzt zum Beispiel zu viel Autos benutzt haben, ihr dürft das nicht. Das ist gemein, das ist unfair. Ich hoffe, dass wir schaffen, die Entwicklungsländer auf unseren Stand zu bringen und gleichzeitig die Klimakrise abzuwenden.

Kommentare unterstützt von Disqus.