Viola Cadruvi ist rätoromanische Autorin und hat dieses Jahr im Mentoratsprogramm Double teilgenommen. Im Interview spricht die Doktorandin über die Zeit als Mentee, ihre Zukunft und ihre Promotion zur Rolle der Frau in der rätoromanischen Literatur.
Julius E. O. Fintelmann: Viola, wie waren deine letzten drei Monate?
Viola Cadruvi: Ehrlich, ich bin kein Fan von Home-Office. Als ich vor zwei Wochen wieder ins Büro konnte, habe ich in den fünf Tagen, in denen ich da war, gefühlt mehr gemacht als in der gesamten Zeit seit Mitte März. Aber ich habe nicht gross darunter zu leiden, deshalb kann ich mich eigentlich gar nicht beschweren.
Du schreibst vor allem auf Rätoromanisch, wenn ich das richtig verstanden habe. Schreibst du auch auf Deutsch? Auf Deutsch selten. Ich übersetze eher noch meine rätoromanischen Texte ins Deutsche. Meine Mutter ist ja Rätoromanin, ich bin jedoch im Unterland aufgewachsen, weshalb das vielleicht auch ein bisschen feige ist. Die meisten meiner Bekannten sprechen deutsch und können meine Texte nicht lesen. Lacht. Aber es schützt auch ein wenig – gerade bei persönlicheren Texten.
Meine Dissertation und alles Wissenschaftliche schreibe ich aber auf Deutsch, vor allem wegen der grösseren Reichweite. Aber ich habe ja eigentlich auch Deutsch studiert, weswegen ich mich auch in dieser Sprache sehr wohl fühle.

Autorin Viola Cadruvi.

Über die Dissertation will ich gleich noch sprechen, aber vielleicht gehen wir zuerst auf Double ein. Wieso machst du das und wie bist du angenommen worden? Ich wollte mich bereits letztes Jahr bewerben, als Romana Ganzoni Mentorin war. Sie hat allerdings nur die beiden Engadiner Idiome angeboten, während ich in Rumantsch Grischun schreibe. Man sieht, das ist bei den Rätoromanen alles ein bisschen tricky.
Als ich dann gesehen habe, dass dieses Jahr Bettina Vital auch in Rumantsch Grischun betreuen würde, habe ich mich beworben. Ich wollte die Deadlines und Absprachen, die mit einem solchen Mentoratsprogramm einhergehen, nutzen, um meine Arbeiten vorwärtszubringen.
Eingereicht habe ich ein erstes längeres Buchprojekt, welches zu dem Zeitpunkt schon grösstenteils geschrieben war. Ich wusste, wenn ich das mit Bettina machen will, dann will ich das auch als Lektorat angehen.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Mentor*innen? Zu Beginn haben wir uns einfach getroffen und sie hat mir in Gesprächen Feedback gegeben. Mir ging es vor allem darum, am Text zu arbeiten und darüber zu reden, ob dieser als Ganzes überhaupt funktioniert, ob meine Idee verwertbar ist.
Von Migros-Kulturprozent selbst gibt es keine Vorgaben, jedes Double kann sich also selbst organisieren und wählen, über was man reden will. Das ist ein grosser Vorteil, weil jedes Double anders ist. Wenn sowohl Mentor*innen als auch Mentees einverstanden sind, lässt sich das alles ziemlich flexibel gestalten.
Hast Du Kontakt mit den anderen Mentees? Nein, leider nicht. Die schreiben anderen in Deutsch oder Französisch und ich bin in dieser Literaturszene nicht wirklich aktiv. Es gibt die Möglichkeit einer intensiven Zusammenarbeit im Rahmen einer Residenz im Haus Parli, wo man bestimmt auch gut Kontakte knüpfen kann. Bettina und ich hatten uns überlegt, das im Frühling zu machen, doch dann ist leider Corona dazwischengekommen.
Ansonsten war die ganze Virussituation für die Zusammenarbeit zwischen mir und Bettina aber kein Problem. Wir konnten den Text relativ gut via Zoom besprechen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass in einer anderen Kunstform wie Theater oder Musik das reale Sehen und Erleben wesentlich wichtiger ist.
Im Sommer bist du ja praktisch fertig mit Double. Geht es danach weiter? Gibt es Angebote für hinterher? Die zehn Treffen, die von Double finanziert werden, haben wir noch nicht alle geführt. Es geht also sicher noch ein bisschen länger als bis im Sommer. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass nach den zehn Treffen alles privat und selbstorganisiert ist.
Allerdings haben wir bereits darüber gesprochen, danach eventuell zusammen weiterzuarbeiten. Gerade bei der Vermarktung und Publizierung des Romans kann ich Hilfe brauchen und da hoffe ich natürlich auf Bettinas Erfahrung und Hilfe. Ich würde mich freuen, wenn es mit einer Publikation nächstes Jahr klappen würde, aber das ist natürlich momentan noch schwer zu sagen.
Sieht so also deine Zukunft aus? Du veröffentlichst Texte und lebst vom Schreiben? Lacht. Nun das wäre sicher schön, aber ich mache mir keine Illusionen: Als rätoromanische Schriftstellerin vom Schreiben zu Leben ist praktisch nicht möglich. Da bräuchte es schon eine ganze Menge Glück und wahrscheinlich auch viel mehr Engagement meinerseits.
Ich konzentriere ich mich darum zunächst auf meine Dissertation, was sicher auch noch zwei Jahre dauern wird. Die Diss ist für mich eine echte Herzensangelegenheit, weil mich das Thema wirklich sehr interessiert. Danach könnte mir gut vorstellen, teilzeit als Lehrerin zu arbeiten und teilzeit zu Schreiben.
Im Herbst erscheint allerdings eine Sammlung von Kurzgeschichten von mir, mein Erstling der unabhängig von Double läuft. Ich bin also auf gutem Weg.
Du hast vorhin angesprochen, dass du deine Dissertation zur Rolle der Frau in der rätoromanischen Literatur schreibst. Was hat es damit auf sich? Gibt es da grosse Unterschiede zur deutschen Literatur? Der Unterschied besteht darin, dass es im Deutschen und im Englischen viel mehr Forschung zu dem Thema gibt. Es gab die feministische Literaturwissenschaft und jetzt Gender Studies, die sich damit auseinandersetzen. Die rätoromanische Literaturwissenschaft hatte lange Zeit einen anderen Fokus. Es gab andere Interessen und das wenige, was über Frauen geschrieben worden ist, wurde eher nebensächlich behandelt. Es ist also in dem Sinne neu, weil sich noch nicht jemand intensiv damit befasst hat.

«Die Konservierung der Sprache könnte dazu geführt haben, dass gewisse gesellschaftliche Veränderung ignoriert wurden.»

Ich untersuche nicht ausschliesslich Literatur von weiblichen Autorinnen, sondern konzentriere mich auf die Repräsentation der Frau in der Literatur allgemein, zum Beispiel wie in Werken von männlichen Autoren die Weiblichkeit dargestellt wird. Weil ich dabei den Wandel, den es im sozialen Bereich gegeben hat und dessen Einfluss auf die Literatur analysieren möchte, konzentriere ich mich auf die neuere Literatur ab 1945. Wie in anderen ländlichen Gebieten der Schweiz hat es auch in Graubünden etwas gedauert bis zum Beispiel die Frauenbewegung dort ankam.
Interessant wäre auch ein möglicher Zusammenhang mit der rätoromanischen Sprachbewegung, die möglicherweise konservierend gewirkt hat, gerade auch was die Inhalte betrifft. Die Konservierung der Sprache könnte dazu geführt haben, dass auch gewisse gesellschaftliche Veränderungen lieber ignoriert, beziehungsweise eine ältere, idealisierte Welt reproduziert wurde. Inwiefern das für weibliche Perspektiven gelten könnte, muss ich aber erst noch untersuchen.
Du siehst also keinen so grossen Unterschied in der Literatur selbst mit anderen Sprachen? In der Forschung ja, aber in der Literatur selbst im Vergleich mit anderer ruraler Literatur nicht so sehr. Es ist falsch zu sagen, dass die rätoromanische Literatur rückständig sei. Es gab viele moderne Strömungen der Literatur, die sich bereits früh etabliert haben. Gerade beispielsweise im Engadin wanderten viele Menschen aus, bildeten sich in Städten oder im Ausland weiter, kamen zurück und brachten neue Impulse mit. Solche Zusammenhänge sind sehr spannend. Wenn beispielsweise jemand in Paris studiert und anschliessend mit seinen Gedichten ins Bündnerland zurückkehrt, lösen diese eine Reaktion aus, die für ihn selbst vielleicht nicht so angenehm ist, aber langfristig gesellschaftlich einen Einfluss hat. Für viele Themenfelder ist das untersucht, aber für die Rolle der Frau bisher nicht.
Was ist dein Rat an andere angehende Autor*innen? Keine Angst zu haben. Das ist, glaube ich, das wichtigste und das schwierigste gleichzeitig. Viele trauen sich nicht, ihre Texte zu zeigen oder vorzulesen. Dabei hilft es so sehr, sich früh Rückmeldung zu holen. Das unterstützt und spornt zum Weitermachen an.
Und ausserdem: Schreiben, schreiben, schreiben. Auch wenn man gerade eine Blockade hat. Ich setze mich ja jeden Mittwochvormittag hin und schreibe, egal was dabei rauskommt. Das ist wahrscheinlich nicht für jeden das Richtige, aber wenn ich auf den berühmten «Kuss der Muse» warten würde, hätte ich wohl in zwanzig Jahren noch keinen Text geschrieben.

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