Am Montag, 30. September, habe ich meinen Interview-Termin mit Suna Gürler. Pünktlich um 14.00 Uhr holt sie mich beim Bühneneingang des Pfauens ab und wir setzen uns zusammen auf die Terrasse in der Kantine. Ich stelle zehn Fragen an sie als Person, das Theater und vieles mehr. Das sind ihre Antworten.

Suna Gürler, © Lupi Spuma

Über Zimmerpflanzen

1) Was gibt es privat zu dir zu sagen? Wo und wie lebst du? Ich finde es gar nicht so spannend über mich! als Person zu sprechen. Dementsprechend mache ich das immer in Zusammenhang mit meiner Arbeit, denn mein Privatleben und wie ich aufgewachsen bin, fliessen natürlich sehr stark in meine Arbeit ein.
Die letzten Jahre habe ich am Gorki Theater Berlin mit Shermin Langhoff gearbeitet – erst seit ein paar Monaten lebe ich in Zürich. Alle acht Hausregisseur*innen des Schauspielhauses leben auch hier, das ist eine Verabredung mit der Intendanz, eigentlich ist das sehr witzig und schön. Einige meiner Nachbarn gehen regelmässig ins Schauspielhaus und so kommt man automatisch ins Gespräch.
Als junge Frau habe ich bereits in Zürich gelebt und am Schauspielhaus ein Praxisjahr gemacht. Der Pfauen und vor allem der Schiffbau sind mir also sehr vertraut - für mich ist es jetzt wie ein Zurückkommen.
Einmal im Jahr habe ich jeweils noch eine Inszenierung am jungen theater basel gemacht, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin da sehr verbandelt und sehe es als ein zweites, wenn nicht sogar als erstes Zuhause.
Mir liegt so viel an jungen Leuten und an Theater für junge Menschen, weil ich selbst mit dem Theater gross geworden bin. Ich habe die Möglichkeit bekommen anzudocken, ich wurde ernst genommen und mir wurden Chancen gegeben.
2) Wie kamst du zum Theater? Meine Mutter hat mich an einen Kurs des jungen theater basel geschleppt. lacht Ich war zwar ein Kind mit sehr vielen unterschiedlichen Interessen, trotzdem war ich sehr schüchtern und in meinem Alltag vor allem beobachtend unterwegs. Ich habe mich also nicht getraut, allein dahin zu gehen. Ich habe zum Beispiel auch Schlagzeug gespielt. Hauptsächlich habe ich mir das selbst beigebracht, weil ich mich nicht getraut habe, in die Schlagzeugschulen zu gehen. Da waren eigentlich nur Jungs, die mich komisch angeschaut haben. Meine Mutter hat immer gesagt, dass man mich zum Glück zwingen muss. Tja, aber wenn ich mir dann einmal einen Ruck gebe, dann klappt es auch.
3) War das Theater schon immer dein Wunsch, dein Traumberuf? Sobald die Berufswahl überhaupt ein Thema wurde, war Theater immer irgendwie mit drin. Ich habe zuerst einen Moment gebraucht, bis ich gecheckt habe, dass das überhaupt ein Beruf ist und man das ausüben kann. Es hat daher immer Sinn gemacht, das weiter zu verfolgen. Ich habe nie keine Lust mehr auf Theater gehabt oder so. Es war immer ganz selbstverständlich. Durch das, dass ich als Jugendliche die Möglichkeit gehabt habe zu spielen, auch in professionellen Produktionen, zu hospitieren, zu assistieren und auch Praktika zu machen, bin ich organisch da hineingewachsen. Irgendwann war es dann gar keine Frage mehr.
4) Was gibt dir das Theater? Es ist ein non-stop Lernprozess und es ist einfach nicht gemütlich. Ich kann mich immer wieder mit neuen Themen auseinandersetzen, treffe neue Leute. Nicht nur Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sondern auch über das Publikum. Durch das viele Umziehen – was halt auch zum Beruf gehört - lernt man auch immer wieder neue Orte und Städte kennen. Ich muss sagen, dass ich es sehr schön finde und es auch geniesse, dass ich vorerst an einem Ort lebe und nicht in sechs, sieben Wochen wieder woanders hinmuss. Dadurch entsteht plötzlich die Möglichkeit eine Zimmerpflanze zu haben und zu giessen!
Die Zimmerpflanze ist gerade sehr sinnbildlich für mich. Ich bin hier an einem Ort und kann mir die Zeit nehmen sie auch zu pflegen. Daher kann auch was wachsen, hat Zeit zu wachsen. Das bringt auch eine gewisse Ruhe mit sich. In den letzten zwei, drei Jahren war das dauernd so, dass ich all paar Wochen wieder umgezogen bin. Ich lebte eigentlich aus dem Koffer und wohnte in den Gastwohnungen der Häuser. Ich habe das sehr gerne gemacht aber es ist natürlich auch anstrengend und stressig. Auch das Sozialleben leidet darunter. Trotzdem ist es auch super, weil man eben genau so viele neue Orte und Menschen kennen lernt.
5) Hast du eigentlich eine Ausbildung im Bereich Theater gemacht? Nein, gar nicht. Ich habe nebenbei mal Germanistik und Soziologie studiert und hätte gerne Regie studiert, habe mich mit 19/20/21 auch an drei Schulen beworben. Auf der einen Seite war das sehr lehrreich, aber auch ganz schlimm. Ich habe mich selten so unwohl gefühlt. Ich wollte das nicht machen. Also zu fremden Leuten hingehen, wildfremde Menschen, wo man nicht genau weiss, wer sie sind. Man geht in eine fremde Stadt und steht vor erwachsenen Menschen, gestandene Theaterschaffende, Dozent*innen und weiss gar nicht, mit wem man da eigentlich genau redet. Und man muss sich im Studium auch mit Klassikern auseinandersetzten. Zu dieser Zeit hat mich das wirklich gar nicht interessiert. lacht
Dadurch, dass ich aber bereits selbst gespielt und assistiert habe, sowie mit Schulklassen gearbeitet habe und so mein Geld verdient habe – zwar wenig, aber es hat immer gereicht – war es für mich auch nicht so essenziell. Ich hatte einen Boden und habe darauf aufgebaut und einfach weitergemacht.
Für mich war es schon sehr hart und stressig als junge Frau, auch ein gewisser Druck. Ich wollte ja studieren, man will ja nur lernen. Zu sehen, dass das so schwierig ist da überhaupt rein zu kommen, war für mich nicht einfach. Ich war natürlich sehr jung, vielleicht zu jung. Ich wusste gar nicht so genau, was ich genau möchte und daher konnte ich mich auch nicht mit dieser Vehemenz bewerben, die es gebraucht hätte.
Viele junge Leute sind erleichtert, wenn sie erfahren, dass man auch ohne Ausbildung Fuss fassen kann. Ich empfehle aber wirklich eine Ausbildung zu machen, sich auszuprobieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Es ist geil, tut gut, man kann lernen und sich vernetzen, was enorm wichtig ist im Theater.
6) Was kann Theater? Theater kann Menschen zusammenbringen. Ich finde das wahnsinnig rührend, dass Menschen heutzutage ihre Schuhe anziehen, aus dem Haus gehen, sich ein Ticket kaufen und zusammen mit anderen Leuten sich in einen Raum begeben und sich bespielen lassen. Bespielen lassen von anderen Leuten, die auch am Morgen ihre Schuhe angezogen haben, aus dem Haus gegangen sind, geprobt haben und nun auf der Bühne stehen. Man kommt gemeinsam in einen Raum und es ist etwas Hochrituelles. Man weiss, man geht durch diese Tür und es passiert gleich etwas (vorbereitetes). Und das mit echten Menschen, echten Körpern. Das ist für mich so wichtig beim Theater als Kunstform. Man hat das vielleicht noch bei Musik, wenn man an ein Konzert geht. Sonst ist das im künstlerischen Bereich nicht so. Beim Theater ist es notwendig, es geht nicht anders - es braucht die Begegnung. Und diese Begegnung ist für mich das Zentrale.
7) Du arbeitest als Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin. Wie kriegst du alles unter einen Hut? Das Coole ist, dass das eine ohne das andere für mich gar nicht denkbar ist, weil ich es auch gar nicht anders kenne. Für mich persönlich, mit meinem Charakter und meinen Fähigkeiten würde es gar keinen Sinn machen, die drei Bereiche komplett voneinander zu trennen. Allerdings liegt der Fokus bei mir klar auf der Regie und der Theaterpädagogik, als Schauspielerin verstehe ich mich nicht wirklich.
Das Inszenieren als Regisseurin und das Arbeiten als Theaterpädagogin faszinieren mich. Die Grenze zwischen Pädagogik und «richtiger» Regie, die sich auch stark vermengt. Was heisst denn Regie? Was Theaterpädagogik? Worin unterscheiden sie sich? Und worin unterscheiden sie sich eben eigentlich nicht?
Auch als Regisseurin arbeite ich pädagogisch mit den Leuten im Raum. Es gibt auch Regisseur*innen, denen es scheissegal ist, wie es den Leuten geht und ob sie etwas lernen oder nicht. Aber das ist kontraproduktiv. Finde ich.
Ich selber setze für mich aber klare Produktionsbedingungen: Wenn ich als "Theaterpädagogin" arbeite, möchte ich unter keinem Produktionszwang stehen. Ich möchte keine Verkaufszahlen erfüllen und Budgets rechtfertigen müssen. Wenn ich zum Beispiel mit einem Jugendclub probe, dann möchte ich die Freiheit haben, mich auf den Lernprozess der jungen Leute zu konzentrieren: Ich will in erster Linie sie coachen, ihre Ideen fördern, ihre Themen aufgreifen. Meine Inszenierungsideen, Ästhetiken oder Messages treten dann ein bisschen mehr in den Hintergrund. Und trotzdem: Wir haben jetzt mit den Jugendclubs gestartet und meine Gruppe besteht aus 20 Leuten. Wenn dann die Endproben kommen mit Licht und Sound und Testpublikum und Aufregung dann leisten Theaterpädgagog*innen krasse Regiearbeit. Da gibts wieder kaum einen Unterschied.
Der Unterschied für mich liegt im Ziel. Was ist das Ziel dieser Arbeit? Bei einer professionellen Produktion sind die Spielenden, egal ob professionell oder jugendlich, angestellt und es ist klar, dass wir arbeiten und ein Produkt für ein Theaterhaus machen. Im Pädagogischen, wo vieles auf Freiwilligkeit basiert, arbeite ich anders. Da geht es um den Prozess. Es ist zweitrangig, was als Ergebnis herauskommt.
Die Frage ist also, ob der Fokus auf dem Prozess, dem Lernen, dem Gemeinsamen liegt, oder auf einem Endprodukt, wo die Erwartung von aussen (Haus, Stadt, Publikum, etc.) gegeben ist. Das muss nichts mit der Qualität zu tun haben. Ich habe schon fantastische Jugendclubs gesehen, die alles andere in den Schatten gestellt haben. Der Ansatz ist dennoch grundsätzlich unterschiedlich.

Suna Gürler mit Lucien Haug, Co-Autor von GRETA und I´M WIDE AWAKE, IT´S SPRING

Über die Zukunft

8) Mit der neuen Intendanz bricht eine ganz neue Zeit am Schauspielhaus Zürich an, wovon du ja auch ein wichtiger Teil bist. Auf was freust du dich am meisten? Ich freue mich mega auf all die Begegnungen. Und darauf, dass junge Leute ein wichtiger Teil davon sind. Dass 80 bis 90 Jugendliche hier ein und ausgehen werden, im Foyer oder in der Kantine sitzen, proben... Auf all diesen verschiedenen Ebenen, die ein so grosses Haus bietet, kann ganz viel entstehen. Es hat 70 unterschiedliche Berufe am Schauspielhaus Zürich. Und so kommt man immer wieder in Kontakt mit interessanten Menschen, die ganz was anderes machen, als du selbst.
9) Wo siehst du dich in Zukunft und was wünschst du dir für deine persönliche Zukunft? Auf einem Schaukelstuhl mit einer Katze auf dem Schoss. Sie lacht herzhaft Nein, Spass bei Seite. Ich denke, ich werde immer verschiedene Sachen machen. Aber frag mich in 10 Jahren nochmals, vielleicht hat sich dann was geändert. Für meine Zukunft wünsche ich mir Frieden und Wohlwollen. Das klingt und ist jetzt vielleicht kitschig. Es ist aber wirklich das, was ich mir von Herzen wünsche. Dass die Menschen miteinander, ich mit ihnen und sie mit mir, wohlwollend sind. Dass man sich gegenseitig bestärkt. Gerade in dieser Zeit, wo sich abgrenzen leider wichtig geworden ist, wo man sich erhöht, indem man andere erniedrigt.
10) Und was wünschst du dir für die Zukunft von jungen Menschen? Puh! Man kann diese Fragen auf so verschiedenen Ebenen beantworten. Ich wünsche mir für sie Möglichkeiten und Vertrauen. Dass Leute ihnen vertrauen, sie sich aber auch selbst. Dass sie sich gegenseitig unterstützen, und unterstützt werden von aussen. Dass sie wachsen und lernen können. Und auch, dass sie in einer gesunden und gerechten Welt leben können.

AKTUELLE PRODUKTIONEN VON SUNA GÜRLER AM SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

  • FLEX ist noch im Oktober und November im Schiffbau zu sehen.
  • GRETA läuft ab dem 05. November
  • Im Frühjahr 2020: I’M WIDE AWAKE, IT’S SPRING.
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