Danke Olymp GmbH, dass ich teilnehmen darf, ich struggle schon so lang. Endlich steckt man uns völlig ungefragt in ebendie Opferrolle, die wir sonst ja so gerne von selbst annehmen. Ich hoffe so ihr könnt mir helfen und es geht mir bald wirklich besser. Danke für die Einladung, danke für die Möglichkeit. Möge meine geschundene Seele sich nun also zum Besseren wenden. Amen. Hallelujah. Hipp Hipp Hurrah!
Das Deutsche Theater kann sich freuen als erstes Berliner Theater wieder etwas Anderes als aufgezeichnete Aufführungen vorführen zu dürfen: Der Jugendclub 2 hat uns, unter Leitung von Lasse Scheiba und Zoe Karina Lohmann, für 100 Minuten ein Labyrinth aufgebaut: In der immersiven Streaming-Performance „Metamorphos*in“ sollen uns ein fabelhaft gekleidet und geschminkter Haufen Figuren der griechischen Mythologie wieder auf den rechten Pfad bringen; Dafür haben sie uns also zur Teilnahme an den vielfältigen Möglichkeiten der Selbstoptimierung, die uns die „Olymp GmbH“ bietet, eingeladen. One in a Million Chance!

„Bei der Olymp GmbH glauben wir jede Krise, ob national, global oder individuell, hat das Potenzial, eine versteckte Chance zu sein. So wie ein Flächenbrand den Boden für das Wachstum der neuen Flora freimacht, stellt eine Rezession für eine Gemeinschaft die Gelegenheit dar, sich von unnötigem Unterholz zu reinigen und neu zu beginnen.“

Der Spaß funktioniert so: Die Performer*innen streamen aus acht verschiedenen Räumen live über die Plattform Twitch. Das Beste am Ganzen: Als Zuschauer kann man nicht nur jederzeit wählen, welchen Stream man schaltet, sondern auch per Anruf oder Chat Kontakt aufnehmen und direkt in die Handlung eingreifen. Man braucht nur drei Dinge (damit ist diese Performance sogar Einsame Insel tauglich):

  1. Gutes WLAN: Check
  2. Laptop: Mhm
  3. Mobiltelefon: Eh!

Es ist ein optisches Fest: Von den Leiter*innen über die Spieler*innen in ihren Kostüm*innen bis hin zum Make-up und dem Bühnenbild werden sich beide eure Augen kaum satt sehen. Die Gesellschaftsführer Zeus und Heera servieren uns feinsten Drag und laden uns in die artifizielle Wärme des Labyrinths ein. Überwältigt von der Fülle der Möglichkeiten, klicken wir uns dankbar durch die strangen Seminare und sehen:

Eine verstörte Seherin (Pauline Georgieva), die sehnsüchtig auf deinen Anruf wartet, um dir ein paar Karten zu legen, einen ebenso verstörenden wie unterhaltsamen König Minos (Tillmann Drews), der uns mit seiner unerhörten Putzmittelaffinität, dem hysterischen Lachen und seiner blauen Haut heftige Hunger Game Vibes durch das Interweb schickt. Seine extravagante Frau Pasiphaë (Zari Eder) räkelt sich ganz in rot auf nem Canapé und schält dir frivol deine sexuellen Gelüste aus einer Obstschale. Ihren neuen Dildo hat die reizend aufgedrehte Pandora (Emilia Zey) in ihr bunt schillerndes Kämmerchen verschleppt. Athene per du (Maria Leonie Berten) macht inzwischen Pamela Reif Konkurrenz in ihrem sportlichen Ehrgeiz und der holde Narcissus (Kajetan Popanda) nennt dich seinen little Angle, um dein zerstörtes Selbstbild aufzubauen.

Und dann plötzlich: VERRAT! VERZWEIFLUNG! ZWIST! TÄUSCHUNG! BETROGENE LIEBE! VERLETZTE GEFÜHLE! HAVARIE! ALLES IST ANDERS, ALS WIR GEDACHT HATTEN!

Die Handlung verdichtet sich, proportional dazu wächst deine FOMO, erste Störungen bringen die wohlgeölten Zahnrädchen der Olymp GmbH zum Schleifen und für irgendetwas musst du dich entscheiden, wenn du in den nächsten Stream springst, wird dir klar, wie viel du verpasst hast und während du noch über dümmliche Objektivierungen von horny Teenagern, aus ihrer Anonymität mit einer Hand in den Chat getippt, („Kannst du an der Banane mal zeigen, wie man einen Schwanz lutscht?“- „Ich werde das einfach mal nicht machen“) staunst, merkst du nur, DASS gerade wieder etwas an dir vorbeigeht, nächster Stream, warum hat sie ein anderes Kostüm an?  Next: Warum singt sie jetzt griechische Verse und was ist das für ein Quiz und wieso hat sie eine Maske auf?: Pallas heult. Sibylle singt. Narcissus lacht. Minos lacht. Der Minotaurus (Dorian Stanoschefsky) creept. Mi.Mi (Clara Walla) und Midas feucht wie Tücher, Ikarus (Richard Gräger) trippt, gefangen in seiner dunklen Welt aus offenen Mündern und entrüstetem Staunen. Jemand ruft jemand an. Jemand geht nicht ran.
(=> Expertentrick, den ich erst 20’ vor Schluss entdeckt hab: Ihr könnt, wenn ihr euch nicht auf die sonst lückenhafte Version der Erzählung einlassen könnt, alle Streams als Pop-Up nebeneinander laufen lassen.)
Es wird mit Klischees gespielt und sanfte Gesellschaftskritik erhoben. Es geht insbesondere, um den steigenden Leistungsdruck im Wachstum des Kapitalismus, sozial bedenkliche Selbstoptimierungstendenzen und die Perversion des Gemeinsinnes.

„Fragen Sie nicht, was die Gesellschaft für Sie tun kann. Fragen Sie, was Sie für die Gesellschaft tun können!“

In den neuen Grenzen, gesetzt von C’rona, lotet der Jugendclub 2 Theatergrenzen neu aus, dehnt sie und seufz erforscht sie, ganz recht Zeus: „Verzweiflung und Krise kann und sollte zu Inspiration führen“.
Durch den anspruchsvollen Impro-Marathon, den die Spieler*innen hinlegen, blitzt oft einiges von ihrer Persönlichkeit charmant durch ihren Charakter. Wie gesagt: Sie können die Performer*innen durchgängig anrufen und anschreiben. Wer sich dem Publikum derart ausliefert verdient einigen Respekt. Umso komischer danach nicht klatschend sondern still vor seinem Laptop da zu sitzen. Ikarus Vater kann stolz sein, am Ende der Vorstellung fühle ich mich tatsächlich ein klein wenig verloren (Aaah! Labyrinth! AAAAHHH! AHAA!). Trotzdem: Das Wichtigste ist, dass da etwas hängen bleibt. Dass was noch an mir hängt von der Performance. Für ihre die Dauer taucht man von einer Mini-Welt in die nächste, jede anders und memorable. Da ist es nicht schlimm, wenn sich in meinem Kopf nicht alles zu einer Einzigen fügt.
Seien Sie kein Ikarus und geben Sie’s sich. Endlich wieder Theater!
Wer teilhaben möchte, schreibt eine Mail an jungesdt@deutschestheater.de mit Angabe des Wunschtermins (am 22. und 23.05 wird jeweils um 20:00 nochmal gespielt) und bekommt dann eine Stunde vor Beginn den Link zur Homepage der Olymp GmbH zugeschickt.

Kommentare unterstützt von Disqus.