Ich sitze an meinen Laptop, öffne Word und denke über den Probenbesuch von letzter Woche beim Stuthe (Studierendentheater Zürich) nach. Zum Schreiben höre ich gerne Musik. Doch sie muss passen. Was passt also zu dieser Frühlingsproduktion?

Abstraktion – der neue Weg des Stuthes

Das Stuthe geht in diesem Jahr mit ihrem Stück «Nathan der * * * » ganz neue Wege. Sie wollen nicht mehr nur «Guckkastenbühne», sondern die Form aufbrechen. Dies gilt nicht nur für die Bühne an sich, sondern für die gesamte Inszenierung. Sie wollen neue Herangehensweisen ausprobieren, klassische Spielformen über Bord werfen und sich in ganz neue Gefilde wagen.
Für diese Herausforderung setzt sich die Truppe mit dem Werk von Gotthold Ephraim Lessing «Nathan der Weise» auseinander und kombiniert es mit dem Sekundärdrama «Abraumhalde» von Elfriede Jelinek. Unterstützt werden sie dabei von Alexander Stutz und Federico Emanuel Pfaffen, die das junge Ensemble beim Erarbeitungsprozess begleiten.
Alexander Stutz studiert derzeit Regie im Master an der ZhdK und wirkt beim Dramenprozessor mit. Federico Emanuel Pfaffen ist Regiesseur und langjähriger Theaterschaffender. Er ist Gründer der Herzbaracke und Mitgründer des Theaterhauses Gessnerallee.
Als ich zur Probe komme, stehen die meisten noch draussen. Die einen rauchen, andere gehen schon mal rein und ziehen sich um. Etwas später versammeln sich alle auf der Spielfläche. Es gibt ein kurzes Einwärmen, welches von Regisseurin Friederike Karpf geleitet wird. Eine gute Energie ist in der Gruppe spürbar, ebenso eine ruhige und gelassene Atmosphäre. Anschliessend machen sich alle bereit für den Durchlauf. Es ist der erste und nicht nur deshalb wichtig, sondern auch weil die zweite Werkschau kurz vor der Tür steht.

Ein Spiel unter Treppen

Kurz vor Beginn: «Händ all es Buech?», «Am David ä Maske». Der Techniker sitzt an seinem Laptop an einem Tisch auf der Bühne. Der Übergang zum Anfang des Stücks ist fliessend. Sie beginnen zu sprechen unter der Treppe. Per Videoübertragung sehe ich die Gesichter der Spieler*innen, die sich in den engen Raum gezwängt haben. Die Kamera wird herumgegeben. Ein Bild das wirkt.
© Studierenden Theater Zürich

Immer wieder vermischen sich verschiedene Ebenen miteinander. Mal sind wir im Stück «Nathan der Weise», dann bricht ein Jelinek-Text durch, der von einem «Schnauze Jelinek!» zum Schweigen gebracht wird oder die Spielform wird ganz aufgelöst und die Spieler*innen reden direkt zum Publikum auf einer Kommentarebene.
Ich sitze da und lasse mich berieseln. Wie das bei einem ersten Durchlauf so ist, hapert es noch an einigen Stellen, Textunsicherheiten sind spürbar, der Ablauf ist holprig. Doch ist es spannend zu sehen, was bis jetzt entstanden ist und mit welchen Mitteln das Stuthe arbeitet. – An dieser Stelle möchte ich jedoch nicht zu viel verraten, die Premiere steht ja noch vor der Tür Anfang April.

Work in progress

In der Hälfte des Stückes machen sie eine Pause und ich habe Zeit mit Friederike und David Schwegler (Dramaturgie) zu sprechen.
Es ist recht neu, dass es eine Frühlingsproduktion im Stuthe gibt, so ist ihr Stück «Nathan der * * * » erst das zweite. Die beiden wollen was Neues machen. Die Normen aufbrechen und etwas wagen. Als erstes haben sie sich zusammengesetzt und das klassische Werk auf 17 Seiten runtergekürzt. Dann haben sie das Stück in einigen Workshops und viel Improvisation Stück für Stück erarbeitet, Szene für Szene durchgestellt.
Für sie ist es ein Materialtheater: Zu Beginn sei der ganze Spielraum mit verschiedensten Utensilien voll gewesen, die die Spieler*innen für die Improvisationen nutzen konnten. Das wurde dann in einem nächsten Schritt wieder reduziert. Erst später kamen dann die Texte aus «Abraumhalde» dazu. Jelinek habe das Stück sozusagen übernommen.
Für Friederike und David ist das Feedback enorm wichtig. Gerade in dieser speziellen und für sie neuen Form. Sie haben sich daher zwei Coaches (Alexander Stuck und Federico Emanuel Pfaffen) dazu geholt, haben ihnen das Stück in einer Werkschau gezeigt, ihr Feedback eingeholt und sich dann ans Überarbeiten gemacht. In der Werkschau geht es darum das bisher an den Proben erwarbeitete zu zeigen, zu schauen, was funktionier, was noch überarbeitet oder neu angedacht werden muss und natürlich auch darum ob die Idee, die die jungen Künstler haben, auch ankommt.

© Studierenden Theater Zürich

Friederike und David haben sich bewusst auf die Suche nach etwas gemacht, das sie zwingt etwas anderes zu machen. Jelinek eigne sich dafür sehr gut. Jedoch stellen ihre Texte auch eine Herausforderung dar. Immer wieder haben sie sich am Text gerieben, hatten interpretatorische Auseinandersetzungen und mussten diese auf einen Nenner bringen. Ebenfalls war es natürlich wichtig das Ensemble in den Prozess miteinzubeziehen und diesen offenzulegen. Für dieses Unterfangen haben sie mit Vlogs gearbeitet. Vor der Probe hat sich David mit den Textpassagen auseinandergesetzt und in einem Video die wichtigsten Infos dazu den anderen übermittelt. Ziel war es, das Team zu «jelinekisieren».
Sie sehen diese neue Arbeitsweise für sich und das Stuthe als grosse Chance. Dies in Bezug auf neue Spielformen und das Kennenlernen neuer Herangehensweisen, aber auch die Verwebung der Werke von Lessing und Jelinek und die damit einhergehende Auseinandersetzung.
Man kann also durchaus gespannt sein auf die Premiere am 09. April und die darauffolgenden Vorstellungen (10. / 20. / 21. / 23. / 24. April). Denn: Es wird sicherlich kein «klassischer» Theaterabend, dass haben die Offenheit gegenüber Neuem und ihr Mut sich künstlerisch und auch theatral aus dem Fenster zu lehnen gezeigt.
Ich schalte die Schönbergmusik aus und lade meinen Text hoch.

© Studierenden Theater Zürich

Kommentare unterstützt von Disqus.