Corona hat ja so ziemlich allen einen Strich durch die Jahresrechnung 2020 gemacht… So auch mir. Zwei Theaterprojekte sind mir von einem Tag auf den anderen weggebrochen.

Umso schöner war es, nach drei Monaten Pause, viel Ungewissheit und wirklich genügend Zeit für mich, eine spontane Anfrage für die Unterstützung in der Endphase von ZORA zu bekommen.

Mäuschen an einem heiligen Ort

ZORA – die Geschichte der roten Zora und ihrer Bande, erzählt von fünf Schauspieler*innen des kollektiv thunfisch. Mitte Juni durfte ich während fünf Tagen die Truppe unterstützen, da und dort zur Hand gehen, ihnen beim Proben zuschauen und die Tontechnik fahren.

Wie war ich glücklich, als ich den Probeort, das Theater am Gleis in Winterthur, betreten durfte. Diese heilige Halle, wo grosses passiert (und manchmal ganz kleines) auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten... Hörst du die Stille? Das Knarzen des Bühnenbodens, das Gieren der Tür, das Rascheln der Vorhänge? Riechst du den speziellen Geruch, den nur ein Theatersaal in sich trägt?

Ich öffnete leise die Tür zum Theatersaal und traf auf die Truppe, die gerade eine Szene probte. Ich setzte mich hin und war in diesem Moment wohl der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Einfach nur schon hier sitzen und zuschauen war einfach der Hammer.
Als die Szene abgespielt und ein kurzes Feedback gegeben wurde, lernte ich dann das Team kennen: Raphael Vuilleumier hat bei ZORA die Regie geführt und ebenfalls die künstlerische Gesamtleitung. Laura Sophia Becker ist Co-Regisseurin und hat Kurt Helds Jugendroman für die Bühne adaptiert. Beide spielen zusammen mit Marzella Ruegge, Martin Kaufmann und Rasmus Max Wirth. Ich wurde von allen herzlich aufgenommen. Und als erste Arbeit durfte ich einen Vorhang zusammennähen. Meine Nähkünste halten sich zwar in Grenzen, aber hey! ich hab’s hingekriegt… ;)

© Annd World - v.l.n.r: Martin Kaufmann, Marzella Ruegge, Rasmus Max Wirth, Laura Sophia Becker, Raphael Vuilleumier

In schwindelerregende Höhe

Mit der Zeit erfuhr ich, dass es ein neu gegründetes Kollektiv ist und sich die meisten gar nicht kennen. Sie kommen auch aus verschiedenen Sparten. So sind Marzella, Raphael und Martin aus dem Physical Theatre und Laura und Rasmus aus dem Sprechtheater. Wobei das auf der Bühne keiner merkt. Denn: Das Bühnenbild (ebenfalls von Raphael konzipiert) ist ein Gerüst, also ein Baugerüst! Die kraxeln da rum, als wäre das nichts… Aber spätestens, als ich einige Scheinwerfer ganz oben montieren musste, habe ich gemerkt, dass das von unten viel einfacher aussieht… (Ich könnt ja jetzt sagen, dass es an meinen nicht ganz so rutschfesten Schuhen gelegen hat, aber das wäre nur die halbe Wahrheit). Ganz allgemein sind alle sehr körperlich unterwegs, aber das müssen sie bei diesem Bühnenbild auch wirklich sein. Ein falscher Tritt und es geht ca. fünf Meter runter.

© davidschweizer.ch

Was mich wahnsinnig fasziniert hat, ist, auf welche wundervolle Weise sie das Bühnenbild bespielt haben. Es ist zwar ein Gerüst, aber es braucht nur ganz kleine Veränderungen - oder eben Anspielungen - und schon bist du auf dem Marktplatz, wo Branko vor lauter Hunger einen Fisch stielt und erwischt wird. Siehst die Zelle in die er hineingesteckt wird, bist auf einem der Fischerboote von Gorian, mitten auf dem Meer oder in der Burg von Zora und ihrer Bande. Sie brauchen nichts. Und trotzdem ist alles da. Diese Welt eröffnet sich dir, die Geschichte wird haptisch, einfach so. Es ist unglaublich bewundernswert, was sie mit diesem Gerüst machen. Und es zeigt wieder einmal ganz deutlich: Weniger ist so viel mehr.

© davidschweizer.ch

Theater ist für mich Heimat und eine zweite Familie. Während dieser fünf Tage durfte ich eine neue Heimat gewinnen und obendrein eine neue Familie. Ich habe mich unglaublich wohl gefühlt und nach dem ganzen Tohuwabohu rund um Corona und was das alles mit sich gebracht hat, hat es mir einfach unglaublich gut getan ein Teil von ZORA zu werden.

Am 03. September war es dann soweit und ZORA kam auf die Bühne. Ich ging zur Premiere in den Seilpark nach Bern. Jawohl, das Stück wird mehrheitlich im Freien aufgeführt. Und besser als Mitten im Wald hätte der Aufführungsort gar nicht sein können. Das Publikum - und mittendrin ich - konnte eintauchen in die Welt von Zora. Und sie haben brilliert! Sie alle! Sie haben fantastisch gespielt! Vor allem die feinen Momente waren wunderschön. Und an dieser Stelle nicht zu vergessen: Die Musik! Patrik Zeller hat mit seiner, eigens für das Stück komponierten Musik, echt ein Kunstwerk geschaffen. Sie ist wunderbar harmonisch auf das Stück zugeschnitten und verleiht ihm noch mehr Pfeffer, Tiefgang und Zug, als es ohnehin schon hat.

Ich sag’s dir: Wer sich nach Freiheit, Solidarität, Rebellion, Gerechtigkeit und Freundschaft sehnt, verpackt in ein pfiffiges, schnelles, aber zwischendurch auch ganz ruhiges und sanftes Stück, der ist bei ZORA absolut richtig. Also geh! Geh dahin, unterstütze diese Truppe, die mit so viel Herzblut, so viel Liebe zum Detail und noch mehr Spielfreude dieses Stück geschaffen hat. Im Kleinen liegt das ganz Grosse! Lass dich überraschen.

Weitere Infos und Tickets gibt unter: www.verlorenegegenstaende.com

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