Julius E. O. Fintelmann: Luis. Du bist Videokünstler und machst viel 3D-Animation fur Theaterproduktionen. Was ist deine Arbeitsweise? Luis August Krawen: Das ist ein Prozess, der viel von Intuition geleitet wird. Konzepte spielen natürlich eine Rolle, ich tausche mich mit Regisseur*innen und Dramaturg*innen aus, lese Texte, schaue mir viel an, aber am liebsten stürze ich mich direkt hinein. Bei Theaterstücken sitze ich in den Proben, um auf mich wirken zu lassen, was auf der Bühne passiert. Ab einem gewissen Zeitpunkt versuche ich, etwas zurückzugeben und beobachte, was das mit dem Bühnengeschehen macht. Oft sitze ich mit meinem Computer im Theatersaal fang dort an, zu probieren. Das könnte man manchmal vielleicht auch zuhause machen, aber ich glaube, dass das reine Miterleben der Probe immer schon Spuren in der Arbeit hinterlässt. Außerdem will ich mit meinen Kolleg*innen, die oft auch Freunde sind, abhängen!
Wie siehst du Video im Theater? Ist es wahrgenommen als eigenständiges Medium oder wird es mehr als special effects gebraucht? Video als Special Effects ist natürlich genau das, was nicht passieren sollte, auch wenn man es öfters sieht. Aber es ist auch ein schmaler Grad, jede Produktion muss für sich neu aushandeln, was das Video für sie bedeutet, wie sie es probt, dafür gibt es kein Formular und manchmal scheitert es an anderen Dingen als mangelndem Bewusstsein. Auch technische Vorraussetzungen spielen eine Rolle. Nicht alle Theater sind gleich gut ausgestattet und gerade auf Probenbühnen, wo ein wesentlicher Teil der Arbeit stattfindet, fehlt oft das entsprechende Equipment.
Im Idealfall ist Video natürlich mehr als Effekt, sondern ein eigenständiger Akteur, der einen zusätzlichen Möglichkeitsraum aufmacht, das Stück inhaltlich und ästhetisch erweitert und unter Umständen Funktionen von Bühnenbild, Beleuchtung oder Performer*innen übernimmt.
In den letzten Jahren wurden in vielen Produktionen recht viel Video eingesetzt. Wie siehst du diesen Trend? Uff, das weiss ich gar nicht so genau. Was stimmt ist, dass viel Live-Kamera oder Filmaterial verwendet wird, wobei 3D-Animation (also das, was ich mache) im Theater eher noch am Anfang steht. Ich finde erstmal jeden Versuch legitim, natürlich muss man seine eigene Form finden und wissen, warum man Video einsetzt. Wahrscheinlich gehe ich gar nicht genug ins Theater, um den Trend beurteilen zu können. Lacht.
Wie bist du überhaupt zum Theater gekommen? Seit ungefähr zehn Jahren bin ich im Theater, ich war zuerst im Jungen DT und dann lange bei P14 an der Volksbühne Berlin. Da habe ich hauptsächlich gespielt, aber auch viel ausprobiert; inszeniert, selbst geschrieben, Plakate gestaltet. Danach habe ich in Giessen angewandte Theaterwissenschaft studiert und 3D-Animation zum Hauptmedium meiner künstlerischen Praxis gemacht. Erste kleine Arbeiten, experimentelle Kurzfilme, waren auf verschiedenen Festivals zu sehen, was wiederum Leute im Theater aufmerksam gemacht hat. Jetzt mache ich oft Video und Animation für Stücke und arbeite parallel an eigenen Projekten.
Wie siehst du erstens den aktuellen Diskurs um digitales Theater und zweitens die Ergebnisse, die jetzt entstanden sind? Erstmal finde ich es gut, dass der Diskurs jetzt stattfindet, wenn auch verspätet. Viele Theater merken, dass sie die Auseinandersetzung mit digitaler Kunst vernachlässigt haben, und wir merken es den Theatern an.
Vieles, was man bisher gesehen hat, finde ich schwierig, weil es zu kurz gedacht ist. Es übertragt Theater formal ins Internet, aber dabei geht viel verloren. Es ist wichtig zu sagen, dass Theater, wie wir es gewohnt sind, nicht 1 zu 1 übertragbar ist. Eine bestimmte Qualität finden wir nur im Theatersaal, sei es der besondere Moment der Gegenwart, eine Art magische Verbindung zwischen Publikum und Spieler*innen oder etwas Drittes. Sonst könnte man die Läden ja auch gleich zu lassen. Das kann man nicht simulieren bzw. die Simulation hinterlässt immer ein unbefriedigtes Gefühl. Deswegen finde ich es auch gut, dass Alexander Giesche, sich dagegen entschieden hat, seine Inszenierung (Der Mensch erscheint im Holozän, 2020 Schauspielhaus Zürich, Anm.) für das Theatertreffen 2020 als Stream bereitzustellen.
Stattdessen braucht es andere Formen, die Qualitäten bieten wie Theater, aber vielleicht erstmal nicht nach Theater aussehen. Der Livestream und die Aufzeichnung sehen erstmal nach Theater aus, aber teilen ansonsten wenig Eigenschaften mit dem Theater. Was für mich dabei wichtig ist, aber oft fehlt: Theater ist eine Unterbrechung meines Alltags. Es ist ein Ritual, ich begebe mich an einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und dort gelten bestimmte Regeln und bestimmte Regeln lassen sich außer Kraft setzen. Im Moment läuft alles über den Computer: Ich arbeite, ich entspanne, ich organisiere mein berufliches und mein privates Leben auf den 27 Zoll meines Desktops. Streams fügen sich nahtlos in das kontinuierliche Rauschen zehn Stunden am Tag ein. Ich habe den Theaterstream offen, schaue nach, was ich später auf Netflix gucke und bestelle zeitgleich was auf Amazon. So funktioniert es nicht, selbst wenn ich mich bemühe.
Ich würde nach einer Form suchen, die meine volle Aufmerksamkeit fordert, die ich mir im Kalender notieren kann. Ein Beispiel: Ich treffe mich regelmässig mit Freunden zu einem «Spieleabend». Wir treffen uns auf einer Seite, wo man Dinge nachzeichnen und dann erraten muss. Zeitgleich zoomen wir. Wir haben so zwei Ebenen, die Spiel- und die Zoomebene. Auf der Zoomebene können wir über das reden, was auf der anderen Ebene passiert, zusammen lachen, aufeinander reagieren. Das empfinde ich als wesentlich intensivere soziale Erfahrung als nur zu Zoomen, nur zu Spielen oder nur zu Chatten.
Also siehst du die Stärke darin, dass es zeitlich beschränkt ist und interaktiv funktioniert? Ja. Im Prinzip ist es ein Happening. Wir fangen um 10 Uhr an, spielen drei Stunden und dann ist es vorbei. Danach fiebere ich wirklich bis zum nächsten Termin hin. Wir zoomen sicherlich drei bis vier Stunden lang – ich denke, niemand verbringt normalerweise freiwillig so viel Zeit auf Zoom. Natürlich kann die Lösung nicht sein, dass wir alle triviale Online-Games spielen, aber davon lässt sich viel lernen. Denn da passieren ganz banale Sachen wie zusammen zu lachen. Diese Verbundenheit braucht es in digitalen Theaterformen.
Die Antwort kann auch nicht sein, dass alle Theatermachende jetzt Game-Developer werden. Das sollen sie auch nicht. Aber wenn man die Frage, wie Theater online aussehen kann, stellt, ist die konsequente Antwort meiner Meinung nach eher ein Multiplayer-Spiel als der hundertste Stream.
Was soll das Theater postpandemisch davon mitnehmen? Erstmal hoffe ich, dass möglichst bald wieder normal gespielt werden kann, aber auch, dass die momentane Technologieoffenheit erhalten bleibt. Die Auseinandersetzung mit solchen Formaten dient ja nicht dazu, traditionelles Theater zu ersetzen. Ich glaube manche Theaterschaffende haben Angst, dass das, was sie gelernt haben, in diesen Zusammenhängen nicht mehr wichtig ist. Aber wenn ich an Spiele oder virtuelle Räume denke, werden da Bühnenbilder*innen, Dramaturg*innen, Autor*innen etc. genauso gebraucht. Ich würde mir auch einen kritischeren Umgang mit dem Begriff Digitalität wünschen, denn so richtig sagen, was damit gemeint ist, kann eigentlich niemand. Und so wie ich das verstehe, umfasst er ein ziemlich weites Spektrum an Themen und Disziplinen, die vielleicht untereinander nicht immer etwas miteinander zu tun haben.
Was ist deine Perspektive auf die Zukunft? Für dich persönlich ebenso wie für die Welt? Uff. Ich habe mir einen 3D-Drucker bestellt und hoffe, viel zu drucken. Lacht.
Es ist unglaublich cool, in Theaterproduktionen zu arbeiten. Aber ich arbeite dann doch manchmal an der Schwelle zur Dienstleistung, womit ich erstmal kein Problem habe, denn man muss ja irgendwie Geld verdienen. Manchmal schränkt es aber ein bisschen die künstlerische Freiheit ein. Ich würde mir wünschen, mehr an meinen eigenen Projekten zu arbeiten und meine zwei Hintergründe – 3D-Animation und Sprechtheater – in einer digital erweiterten Performance zu vereinen.
Für die Zukunft der Welt: Ich hoffe, dass die ganzen repressiven Maßnahmen, die jetzt in Kraft getreten sind, vollständig verschwinden, sobald das Virus unter Kontrolle ist.
Das Neue an dieser Situation ist ja, dass viele die Fragilität unseres System zum ersten Mal unmittelbar körperlich erfahren und auf gewohnte Privilegien verzichten müssen. Überspitzt gesagt, ging es 70 Jahre lang gut, aber man merkt jetzt, dass das System immer nur zwei Monate Stillstand vom Zusammenbruch getrennt haben. Das stimmt vielleicht nicht ganz, aber es ist trotzdem kein gutes Modell. Wenn das irgendwie ins kollektive Bewusstsein dringt und was bewirkt, würde ich mich freuen.
Und in Bezug auf Kunst und Kultur: Es wird oft gesagt, dass das Bereiche sind, die wir uns «erlauben» oder «leisten können». Ich glaube, man merkt jetzt, dass das einfach nicht stimmt. Dass Kunst und Theater extrem wichtig sind als Orte, wo man regelmässig zusammenkommt und merkt, dass man noch da ist und die anderen um einen herum auch noch existieren und sich mit dieser Welt auseinandersetzen müssen. Auch wenn das auf der Bühne mir vielleicht nicht gefällt – was bei mir oft der Fall ist. Kultur ist eben nicht nice-to-have, sondern ein Essential.
Luis August Krawen, geboren in Bremen, wuchs in Berlin auf und war langjähriges Mitglied bei P14 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Neben zahlreichen Jugendtheaterstücken, u.a. «Lena & Leonce», das zum Theatertreffen der Jugend eingeladen wurde, war er dort auch an Produktionen von René Pollesch und Silvia Rieger beteiligt. 2016 begann er sein Studium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, wo er ein starkes Interesse an der Arbeit mit Computeranimation entwickelte. Seine Videoinstallation «La Tetralogie d’Eau Thermale» war in Paris im Palais de la Porte Dorée, beim Festival der jungen Talente im Frankfurter Kunstverein, sowie im Online-Magazin des Favoriten-Festival 2018 zu sehen. Als freier Videokünstler entwickelt er Projektionen & digitale Bildwelten für die Bühne, u.a. für Lola Arias’ «Futureland» am Maxim-Gorki-Theater, René Polleschs «Black Maria» am DT. Mit «Der Mensch erscheint im Holozän», inszeniert von Alexander Giesche am Schauspielhaus Zürich, ist er 2020 zum Theatertreffen eingeladen.

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