Die Öffnung von Theaterhäusern ist nicht in Sicht; trotzdem, ich widersetze mich und sehe keinen Grund, nicht auch während einer Pandemie weiterhin Aufführungen zu konsumieren. Damit meine ich nicht diese seelenlosen Mediatheken, die nur als stummer Konsum dienen.
Zahlreiche Theaterstücke stehen zur Verfügung, warten darauf, aufgeführt zu werden. Ich bin der Regisseur von meinem Kopftheater, in dem ich Theaterstücke, die ich schon immer sehen wollte, lese und hier meine vorgestellte, etwas vom Originaltext distanzierte Inszenierung mitteile und eine Rezension über ein Stück, das lediglich in meinem Kopf stattgefunden hat, schreibe; ein Experiment: Ich lade euch ein, das Publikum der Aufführung in meinem Kopf zu sein. Willkommen im Kopftheater, setzt euch und trinkt danach im Salon eurer dekadentes Glas Rotwein.

Heute: Warten auf Godot

Der Vorhang geht auf, wir sehen Vladimir und Estragon auf einer eingesessenen Couch sitzen, Estragon mit Dosenbier, Vladimir mit Rotwein. Sie schauen umher in der Leere; es läuft der Fernseher und sie reden nicht darüber, was im Fernseher läuft; das Publikum und sie lassen sich berieseln mit Videomaterial von Kriegen. Es gibt ein offenes Fenster, sie befinden sich viele Etagen über dem Erdgeschoss, hoch genug, um einen direkten Tod beim Springen aus dem Fenster versichern zu können, ist es aber nicht.
Heiter, glatt schon plump startet das Stück. Mit zwei Bier intus lacht man anfangs über die Geschichte und ihre Absurdität. Zu Beginn erinnert es an Dürrenmatts Die Physiker. Es werden Witze gerissen, doch wohin sich die Geschichte der zwei Landstreicher Estragon und Wladimir, die auf Godot warten, entwickeln wird, weiß man noch nicht.
Dieses Godot, etwas, das ich viel zu ungern personifizieren will, dafür erscheint es mir am Ende der Geschichte doch viel zu wichtig, viel zu tief, um einfach nur ein Mann zu sein. Warten auf Godot entwickelt sich mit schlichtem Bühnenbild unscheinbar rasant, es nimmt Form an und wie sehr es weiter und weiter mit Absurdität und Humor um sich wirft und Interaktionen geschehen lässt, die an Slapstick Sequenzen bei schwarzweiß Filmhelden wie Stan und Olli erinnern, die Geschichte besitzt einen sehr ernsten Kern. Das Stück ist nicht absurd, es verwendet Absurdität und Humor lediglich als Gleitmittel.
Beim späteren Auftauchen von Pozzo und Lucky wird mit dem extremen Darstellen der Inhalt des Stückes klarer. Pozzo, ein dürrer männlicher weißer Intendant, der sich sonst bestimmt bei 3sat Kulturzeit, über sein überarbeitetes, diverses von ihm ausgebeutetes Ensemble profiliert, erscheint mit die, auf vier Beine laufende, Lucky. Sie wird von allen dreien zum Tanzen und Denken gezwungen. Sie röchelt, während sie laut denkt, stammelt über sich und ihre Generation, über Greta und Klima, Krieg und Ertrinken. Alles unverständlich wie im Originaltext von Beckett: Ein Kauderwelsch von inhaltsvollen Fetzen, die gesellschaftlich missachtet werden. Estragon und Vladimir teils schockiert, aber größtenteils amüsiert, wie verwirrtes trockenes Publikum im Theater, wenn etwas Revolutionäres auf der Bühne angeregt wird, doch der Theatergänger im Parkett nur schwitzend an seine Riester-Rente denkt.

Samuel Beckett beim irgendwas abfackeln.

Warten auf Godot ist ein Klassiker. 1953 uraufgeführt, führte es zu viel Verwirrung und Euphorie, 1969 gewann Samuel Beckett dafür den Literaturnobelpreis. Beckett attackiert die Nachkriegsgesellschaft in seinem Stück mit der Inkonsequenz der Protagonisten, während sie über Grausames reden, Schlägereien und Misshandlungen mitansehen und eine Aura von allem Bösen der Menschheit umherschwirrt. „Nichts zu machen“, ein repetitiver Satz von Estragon und Vladimir fasst, die moralische Verweigerung einer Welt, sich rückblickend mit ihren Traumata zu beschäftigen und an der Verhinderung der nächsten zu arbeiten, gut zusammen.
„Wir müssen doch Aufstehen, weg von hier!“, „Nein wir warten doch auf Godot“, „Ach ja stimmt, lass uns trotzdem los!“ Sie rühren sich nicht von der Stelle. Die Passivität in Zeiten der Grausamkeit, die Dummheit der Menschen widerstandslos hinzunehmen, ihre Sneaker zu wechseln, sich über das Essen zu beklagen, sich gegenseitig statt den Unterdrücker zu stören. Leid der Welt? Nichts dagegen zu machen. 

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