Ein Satyrspiel


2020 hätte das dritte Jahr in Folge sein sollen, in dem ich die vermeintlich so weit entfernten Welten von Festspiel und Festival begehe. Noch vor einigen Monaten wäre undenkbar gewesen, dass sich Besucher*innen des Fusion Festivals und Publikum der Bayreuther Festspiele in der gleichen Lage wiederfinden, auf ihr lebenserfüllendes und unentbehrliches alljährliches Sommererlebnis verzichten zu müssen. Ein Grund mehr, einen Schritt zurück zu treten und die unvereinbar scheinenden Ereignisse aus sicherem Abstand gemeinsam zu betrachten.

»Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn Derer, die es vollbringen und der große Sinn Derer, die es erleben.« – Friedrich Nietzsche: Richard Wagner in Bayreuth

Nicht zu leugnen, dass sich Wagnerianer und solche, die es werden wollen, in jenen Worten wiederfinden. Ja, selbst diejenigen, die auf ewig nur an der Oberfläche der wagnerschen Kunst verweilen, sind überzeugt, bei etwas ganz besonderem dabei zu sein und als Folge daraus selbst etwas ganz besonderes sein zu müssen. Jahrelang lassen sie die mehrstündige Tortur über sich ergehen um dazuzugehören, um nicht nur Andere, sondern auch sich selbst zu vergewissern: Sie haben es verstanden! Sie können an dieser Größe teilhaben. Doch wie verhält es sich mit den Gästen der Fusion? Sicherlich läge ihnen der Sprech des 19. Jahrhunderts fern. Nicht hipp genug. Und es schwingt etwas unangenehm Ernstes, ja geradezu verbindliches darin mit. Stattdessen berichten sie wie Eingeweihte von einem »magischen Erlebnis«, das ihr »Mindset« geprägt habe, von einer »Stimmung«, die »mit nichts zu vergleichen« sei. Zufällige Begegnungen werden mystifiziert, banale Erlebnisse stilisiert.

Früher war alles (noch) exklusiver

Doch freilich denken nicht alle so. Denn die Veteraninnen und Vielfachgänger wissen: Früher einmal war die Festivität noch eine andere, eine bessere. In Bayreuth echauffiert man sich spätestens seit der letzten Wiedereröffnung 1951 wieder und wieder über die viel zu »radikalen« und »neuartigen« Inszenierungen, die – einmal abgespielt – zum neuen gefeierten Standard werden, zu dem man sich wiederum zurücksehnen kann. Auf der Fusion indes distanziert man sich fortwährend vom Mainstream-Line-Up, den großen Floors und überhaupt dem Hauptanteil der heutigen Acts. Vergangenheit verklären und dabei allzu gern übersehen, dass die eigene Wahrnehmung womöglich eine größere Rolle spielt, als die tatsächlichen Umstände – das eint. Das Zelebrieren der Nostalgie ist schlichtweg elementar. Diese bezieht sich nicht nur auf das Dargebotene, sondern auch auf die Gäste. Also jene, die erst ihr erstes oder zweites Mal dabei sind. Denn es ist freilich kein eingeschworener Kreis, der sich hier versammelt, nein nein, die Tickets werden schließlich verlost. In beiden Fällen! Gut, wenn man jemanden kennt, ist es natürlich überall einfacher. Auf der Fusion zeichnet sich der Grad der Connection am Bändchen um den Arm ab, das darüber entscheidet, wo man überall Zutritt bekommt. In Bayreuth sind die exklusiven Kontingente der weltweit vernetzten Wagner-Verbände legendär. Eine Beschneidung dieser Kontingente wie vor wenigen Jahren führt zum Aufschrei.

Jenseits des Paradieses

Elitarismus und Distinktionsbedürfnis ist eine größere Parallele als man es auf den ersten Blick glauben möchte, auch wenn sich diese grundlegend unterschiedlich abzeichnen. Aber seien wir ehrlich: Natürlich besuchen viele den Grünen Hügel (wie man den Ort des Bayreuther Festspielhauses nennt) um ein »Event« zu erleben und noch wichtiger: selbst Teil davon zu sein. Es ist das alte Spiel vom Sehen und Gesehenwerden, in dem die eigentliche Sache heimlich still und leise im B-, C- und D-Promi Selbstabgefeier untergeht. Dazwischen sind dann noch solche, die den Besuch aus abstoßender Deutschtümelei und Kulturfetischismus begehen. Die Selbstbezeichnung der Fusion als »Ferienkommunismus« ist nicht minder irreführend, denn obwohl man hier Freiheiten genießt, die auf einem regulär kommerziellen Festival nicht möglich wären und die Preise für dortige Verpflegung sich im Rahmen halten, braucht man neben Geld vor allem eines: Beziehungen. Vom Ort der Unterkunft über die Zutrittsberechtigung bis zur Möglichkeit mitzuarbeiten ist es wichtig, wenn nicht gar notwendig, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt. Womöglich steht die Fusion in diesem Punkt ungewollt dem Real-Sozialismus näher, als der erträumten Utopie.

Rückkehr und Katharsis

Fusion und Bayreuther Festspiele sind nicht immer das, wozu sie oft gemacht werden. Viel wird in sie hineinprojiziert, viel wird sich mit ihnen geschmückt. Doch es sind Ereignisse, die als solche genommen drüber stehen. Weil dort Großes möglich ist. Denn inmitten des Publikums sitzen und streifen auch solche, die an erster Stelle für die Musik gekommen sind, die das Drumherum als heiteres Spiel schmunzelnd genießen, aber sich in erster Linie nach der klanglichen Erfahrung sehnen, die oft nur noch wie ein Vorwand fürs Zusammenkommens wirkt. Ob die einzigartige Akustik des Festspielhauses oder die uferlose Vielfalt an Bühnen auf dem Festivalgelände – darin steckt das Potenzial zur Erkenntnis, Potenzial am Erfahrenen zu wachsen. Ich kann es kaum erwarten, hoffentlich schon im nächsten Jahr, zurückzukehren.

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