Diese Krise bringt uns alle dazu Dingen, denen wir einen „Nein, danke!“-Stempel verpasst haben, eine zweite Chance zu geben. Und die möchte ich der ehemalige Pflichtlektüre meines Deutschunterrichts geben, denn mir wurde als Schülerin das Interesse an spannenden Themen, durch fertiggekaute Analysen und Diskussionen meiner Lehrkräfte genommen; Das lasse ich nun nicht mehr zu.

HALLO SCHILLER, KELLER, LESSING und co.

Sind wir mal ganz ehrlich: Wir hatten noch nie so viel Zeit zur Verfügung wie jetzt. Warum nicht dann es mit Klassikern wie Die Räuber, Woyzeck, die Leiden des jungen Werthers neu versuchen? Dabei möchte ich mich nicht nur in den Seiten der Werke verlieren, sondern auch in meiner Vorstellung einer Theaterinszenierung. Ich möchte mir wieder vorstellen, wie das Gefühl ist, ein Theater von Weitem zu erblicken, die aufkommende Vorfreude zu spüren, den Rollen gespannt dabei zu beobachten, aufkommende Konflikte zu bewältigen. Und ich möchte mir vorstellen, welches Gefühl mich auf den Weg nach Hause begleitet.

HEUTIGES PROGRAMM: „KABALE UND LIEBE"

Viele wissen, worum es in dem Drama von Schiller geht. Die bürgerliche Luise Miller und der adlige Ferdinand von Walter sind ein Liebespaar, zur Zeit der Ständegesellschaft ein Tabu. Sowohl Luises als auch Ferdinands Elternteile sind gegen die romantische Beziehung. Es kommt zur Intrige mit dem Ziel, beide Liebenden auseinander zu treiben - mit tödlichem Ende. Aber was wäre, wenn man den Kern des bürgerlichen Trauerspiels herauskristallisiert und ins 21. Jahrhundert schmeißt?

DER DEUTSCHE UND DIE MIGRANTIN

Der Vorhang geht auf und wir sehen Luise allein auf der Bühne, sitzend in einem Schlauchboot. Hinter ihr wird eine einschneidend Videoinstallation abgespielt: Das Publikum wird mit sterbenden, flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer konfrontiert, während Luise in dem Schlauchboot zum verzerrten Spiegelbild wird. Es ist fast so, als hätte Luise ihre Erinnerungen radiert und einfach neu geschrieben. So wird das Sterben plötzlich zum Planschen. Ein absurdes Bild für das Publikum. Es wird still, die Bühne verdunkelt sich und Ferdinand steht hinter Luise. Er beginnt auf Arabisch zu singen, zusammen mit seiner Geliebten. Man hört ihm, im Vergleich zu Luise, an, dass es nicht seine Muttersprache ist. Und trotzdem wird die tiefe Verbundenheit der Beiden deutlich.
Diese Verbundenheit, die „Liebe“, trifft jedoch auf das Unvermögen der Menschen um sie herum, die „Kabale". In allen Szenen wird immer wieder deutlich, sei es von ihren Elternteilen, Beamten oder Freunden, dass schlichtweg das Einfühlungsvermögen und die Offenheit gegenüber Unvertrautem fehlt. Die unterschiedliche Herkunft der Liebenden wird zum präsentesten Thema für alle, außer für die Beiden. Denn für Luise und Ferdinand ist Herkunft nie eine Barriere gewesen, für die Anderen aber schon. Es kommt im Laufe der Inszenierung zu keiner geplanten Intrige wie im Original. Keiner setzt sich an seinen Schreibtisch und plant bewusst Luise und Ferdinand auseinander zu bringen. Und trotzdem passiert es.

DAS ENDE

Die Bühne ist leer außer einem Berg Ziegelsteinen. Luise und Ferdinand betreten zeitgleich die Bühne, Ferdinand vom linken und Luise vom rechten Bühneneingang. Zwischen ihnen ist der Berg voller Ziegelsteine. Abwechselnd wiederholen Beide Sätze, die im Verlauf der Inszenierung gefallen sind und bauen allmählich aus dem Haufen eine Mauer zwischen sich - ein Sinnbild für die Distanz, die durch einen Kampf entstand, der nicht mehr tragbar wurde. Einen Kampf um Akzeptanz, der weit über Luise und Ferdinand geht.

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