Exploration Of The Everchanging

Wie sieht Theater in Zeiten von Covid-19 in New York aus?

Die Theaterszene in New York war sehr lebendig, ich arbeitete in der Zeit vor Covid-19 mit vielen tollen Künstler*innen und Theaterhäusern an verschiedenen interessanten Projekten. Mit einem Schlag war nichts davon mehr möglich. Als die Geschäfte, Kinos, Theater, Übungsräume geschlossen wurden, bekamen wir Theaterkünstler*innen zittrige Knie. Aber in Zeiten der Not entwickeln sich Alternativen. Durch digitale Performances kann die Bühne in jedes Wohnzimmer kommen, man kann sogar vom Sofa oder Bett aus zusehen. Für einige Theaterschaffende und -häuser hat das funktioniert, aber viele Künstler*innen werden diese Zeit finanziell nicht überleben können. Theater ist eine Kunstform, die auf ein Publikum angewiesen ist. Ein Teil kann durch digitale Medien ersetzt werden. Aber nicht alles. Ich bin dabei, mich mit der digitalen Art, Theater zu machen, auseinanderzusetzen und wie es sich herausstellt, ist das eine grosse Umstellung.

Wie ist es für uns Künstler*innen, unsere Arbeit auf Zoom zu erledigen und zu zeigen?

Für mich war der Shutdown und die Konsequenzen für meine Berufswelt ein Schlag in die Magengrube. Vorerst kamen die endlosen Absagen aller Produktionen, aller Planungen in naher und schließlich auch ferner Zukunft. Vollkommener Stillstand unserer Arbeit. Das heisst nicht nur keine Arbeit, sondern auch kein Geld, keine Kompensation, keine Unterstützung der Künste vom Staat. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Schwebe begann peu à peu die Verbreitung digitaler Theaterstücke. Mehrere Anfragen fielen mir direkt in den Schoß. Nachdem ich mir manche von diesen digitalen Stücken angesehen habe, merkte ich schnell, dass eine riesige Herausforderung vor uns Theatermacher*innen und vorallem Regisseur*innen steht. Nicht nur die Schwierigkeiten der Organisation unserer Proben, aber insbesondere der Exekution und Adaption dieser Theaterstücke für den Bildschirm. Alles was ich am Theater liebe, das Publikum, die Interaktion, die geteilte Freude mit Fremden in einem Raum zu sitzen, ist so nicht mehr umzusetzen. Die Theatererfahrung ist zwar noch am Leben, jedoch nicht mehr als Gemeinschaftserfahrung, sondern eher als individuelles Ereignis. Eine grosse Frage, die ich mir jetzt stelle, ist, wie wir aus diesem sehr individuellen Medium (online, social media, die digitale Welt) ein Gemeinschaftsereignis schaffen können - denn die Wurzeln des Theaters liegen in der Gemeinschaft.
Glücklicherweise ist es heute möglich, ein breiteres Publikum mittels digitalen Medien zu erreichen. Ich denke an Instagram-Livestreams, Videoaufnahmen, etc. Das Medium Zoom beginnt sich zu etablieren, aber der Umgang damit in Verbindung mit Theater muss erlernt werden. Viele Stücke müssen umgeschrieben werden, damit die Kernbotschaft noch, wenn überhaupt möglich, vermittelt werden kann.
Letztes Jahr habe ich das Stück EXPLORATION OF THE EVERCHANGING entwickelt und Regie geführt. Es ist ein experimentelles Theaterstück, bei dem sich das Publikum mit seiner eigenen Rolle als passive*r Zuschauer* auseinandersetzen muss. Die lineare Beziehung Schauspieler*in / Zuschauer*in im klassischen Theater wird hinterfragt. Die Grenzen, wer die Kontrolle hat im Stück, verschwimmen. Ein Live-Theater Experiment.
EXPLORATION OF THE EVERCHANGING hatte Premiere in New York Anfang April 2019. Das Stück wurde bei mehreren Festivals akzeptiert und soll am Denver Fringe Festival im Juni 2020 aufgeführt werden. Wie soll das nun stattfinden? Es bietet sich Zoom an.

Wie verändern der Lockdown bzw. die Quarantäne momentan meine Arbeit?

Gerade bin ich mit einem Ensemble dabei, Proben für diese digitale Aufführung abzuhalten. Ich versuche mir ständig vor Augen zuhalten, dass dies keine Adaptation unserer Live-Arbeit sein kann, sondern etwas Neues, das aus dem Skelett des Live-Theaters erwächst. Wie können wir das Publikum involvieren, wie die Verbindung herstellen? Wie bekommen wir die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums, wenn diese von zuhause aus zuschauen? Das ist alles eine grosse Herausforderung.
Die Proben sind jetzt unter meiner Regie viel kürzer geworden, da ich merke, dass die Konzentrationsspanne der Schauspieler*innen ebenso wie meine eigene weniger lang ist, seitdem wir auf einen Bildschirm starren. Ich führe die Proben in vollem Bewusstsein der veränderten Situation und dass dies nicht die beste Umgebung und Art des Probens ist. Ich fordere die Schauspieler*innen aktiv auf, die Ablenkungen, die veränderte Situation willkommen zu heissen und damit zu arbeiten, statt sich dagegen zu wehren. Ich bin der Meinung, es ist besser, die derzeitigen Schwierigkeiten anzunehmen, als sie auszublenden. Und so proben wir, kreieren etwas Neues, etwas Unerforschtes. Als Regisseurin experimenteller Arbeit bin ich es gewohnt, nicht genau zu wissen, wohin wir im Probenprozess gehen. Aber diese Gefühl gerät nun an eine neue Grenze. Wir kennen Zoom allgemein nicht so gut, vor allem nicht in Bezug auf Theater. Nun müssen wir unsere Arbeit leisten in der Hoffnung, auf eine grandiose Idee und dadurch auch Umsetzung zu stossen. Und somit tappen wir im Dunkeln für die ersten paar Wochen der Probezeit. Bis wir so langsam das Gefühl haben, dass wir uns mit Zoom auskennen und ein passendes Erlebnis für das Publikum basierend auf Zoom entwickeln können.
Meine Arbeit ist sehr körperorientiert und energetisch. Ich versuche immer, die Atmosphäre des Raumes aufzunehmen und in die Bewegungen, Verbindungen der Schauspieler*innen zu integrieren. Das ist natürlich viel schwieriger über einen Bildschirm. Bei unserer Arbeit über Zoom fällt plötzlich die Wichtigkeit des Körpers der Schauspieler*innen weg. Echter Energie-Austausch zwischen Schauspieler*innen geht verloren und auch die Energie auf der Bühne wird nicht mehr vom ganzen Körper ins Publikum gesendet, sondern nur noch über ein kleines Viereck auf dem Bildschirm. Der körperlich-basierte Prozess verändert sich und der Intellekt und das Medium selbst, hier Zoom, nimmt Vorrang. Der Unterschied vom digitalen Theater zum Film ist, dass der Film eine lange Postproduktion durchläuft, in der Musik, special effects, etc. bearbeitet werden. Beim live gespielten digitalen Theater ist das nicht so. Die Schauspieler*innen und das Medium stehen im Mittelpunkt. Und nun muss dies ohne Körperbewusstsein digital durchgeführt werden. Das ist alles sehr herausfordernd. Ein Vorteil ist jedoch, dass unsere Arbeit von einem größeren Publikum gesehen werden kann. Ohne reisen zu müssen.
Ich persönlich bin nicht sicher, ob sich diese digitale Form des Theaters durchsetzen wird. Und ehrlich gesagt wünsche ich mir das auch nicht. Ich wünsche mir die Interaktion mit dem Publikum zurück. Die Vorhänge, Pausen, das Gemurmel und die Energie, die vom Publikum ausgeht.
Nun da wir die Proben für das Fringe Festival begonnen haben, versuchen wir, Zoom auf die beste Art anzunehmen und ein interaktives Online-On-Screen-Theaterstück zu erschaffen, das vom 25.-28. Juni online zu sehen sein wird.

Clara Wiest

Wie viele andere auch, wuchs ich in einer Gesellschaft auf, in der man klare Entscheidungen treffen musste, was unsere spätere Berufskarriere betrifft. Ich wusste immer, dass das für mich nicht zutrifft, denn so einseitig konnte ich mir mein Leben nie vorstellen. Ich mache gerne viele verschiedene Sachen und hatte nie das Gefühl mich entscheiden zu müssen. Auch heute nicht.
Nach meinem Studium arbeite ich nun als Theatermacherin in New York. Einerseits bin ich Regisseurin, arbeite aber im Theater auch als Movement Director und Performerin. Ich bin Mitglied der Tanz-und Akrobatik-Company «LAVA», unterrichte Klassen mit Kindern in Akrobatik. Als zertifizierte «Movement MapperIn» halte ich Workshops und trainiere mit Schauspieler*innen, auf einer sehr körperlich energetischen Ebene; d.h. wir arbeiten nicht nur mit klassischen Theater- und Performance Methoden, sondern auch mit Chakras und östlichen Energietechniken. Ich bin im Prozess meine eigene Theatermethode zu entwickeln. Nebenbei leite ich auch individuelle Energy-Healing Sessions, in denen ich meinen Klienten helfe, ihren energetischen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Workshops und Sessions habe ich vor Covid-19 noch in natura gemacht habe, jetzt führe ich diese online durch.
Als Regisseurin interessiert mich hauptsächlich die kollaborative und experimentelle Arbeit. Die performative Kunstform Theater fordert mich heraus, neue Wege zu finden, wie innovatives Theater in die Welt gebracht werden kann. Der ganze Prozess Theater zu machen ist von großer künstlerischer Wichtigkeit für mich und ich versuche «Menschlichkeit-Menschsein» in einen gemeinschaftlichen Prozess einzubauen.
Wenn Interesse vorhanden ist, das Resultat dieses Prozess anzuschauen, dann verfolgt @clarawiest, @explorationoftheeverchanging, @denfringe auf Instagram oder auch clarawiest.com und denverfringe.org.
Clara Wiest lebt seit 2015 in Brooklyn, NY. Sie hat an der New School of Performing Arts Theater Regie und Schauspiel studiert (BFA in the Dramatics Arts). Davor lebte sie sieben Jahre mit ihrer Familie in China, fünf davon in Peking, zwei in Hongkong, wo sie ihr Abitur an der German-Swiss-International School 2015 absolvierte. Vor dem Umzug nach China lebte die Familie in Zürich.

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