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«Was, wenn jemand keine Vergangenheit hat?» fragt Jaha Koo den Reiskocher neben sich. Es entspinnt sich ein berührender Dialog zwischen dem Theatermacher und dem sprechenden und blinkenden Elektrogerät namens Cuckoo, das in Korea eine wahre Berühmtheit ist und hier manchen vielleicht schon aus Jaha Koos gleichnamiger Soloperformance bekannt ist. Der Reismaschine vertraut er seine frühesten Erinnerungen an: ein Sommerabend in der südkoreanischen Provinz alleine bei seiner Grossmutter, die ihm im Schlamm eine Kröte zeigt oder ihn nach einem grossen Geschäft nur noch «Kleiner Kacker» nennt. Sie war es, die ihn beschützte und ihn singend in den Schlaf wiegte. Und dann erzählt er Cuckoo vom Abschied von ihr, als er im Alter von zehn Jahren die Provinz verlässt, wo er aufwuchs, um nach Seoul zu ziehen.
Jaha Koo versteht es in THE HSTORY OF KOREAN THEATRE, seine persönliche Geschichte auf berührende Weise eng mit der kulturellen Geschichte seines Landes zu verbinden. Denn im dritten Teil seiner Hamartia-Trilogie, die um das Aufeinandertreffen von westlicher und östlicher Kultur kreist, hinterfragt Jaha Koo die Verwerfung der eigenen koreanischen Theaterkultur zugunsten westlicher Interpretationen. Warum muss die eigene Geschichte des Theaters, die weit zurückreicht, vor Shakespeare und Molière zurücktreten? Warum feiert das Land das hundertjährige Jubiläum koreanischen Theaters, als sei Theater eine Erfindung der jüngeren Geschichte unter dem Einfluss des Westens? Cuckoo, die sich als Schauspielerin versteht und im Theater ihren Rückzugsort sieht, antwortet und spannt in einem historischen Exkurs einen Bogen von der Orientierung des Landes am britischen Imperium mit seinem noblen Theater bis zur Kulturkolonisierung zu Zeiten der japanischen Annexion.
Doch Jaha Koo gibt in seiner Soloperformance keine klare Antwort im Streit zwischen Modernisierungsbejahung und Globalisierungskritik. Er will es auch gar nicht, denn seine Performance handelt in erster Linie vom Umgang mit der eigenen Vergangenheit, der persönlichen wie auch kulturellen. Er hinterfragt die Selbstverleugnung der Tradition und die Absolutheit des westlichen Kanons und stellt die Frage, wie das koreanische Theater ohne westliche Einflussnahme und Selbstzensur aussehen würde. Anhand des traditionellen koreanischen Theaters, dem Jaha Koo wieder zur Legitimierung verhelfen will, stellt der Theatermacher grosse menschliche Fragen: Wieso können wir unsere Vergangenheit nicht ignorieren? Wie leben wir mit unseren Erinnerungen und wie gehen wir mit dem Vergessen um? Jaha Koo knüpft solche Fragen an ganz persönliche Erlebnisse. So erzählt er der überlebensgrossen Kröte, die sich auf der Bühne plötzlich zu bewegen beginnt, die Geschichte, wie er sich als Kind an kochendem Wasser Verbrennungsnarben zuzog. Ohne diese Narben könne er nicht leben, denn sie erinnern ihn daran, dass die Vergangenheit real ist.
Jaha Koos Performance, die dank seinen Videos, seinen Texten und seiner Musik eine starke Wirkung ausübt, hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn nach der Vorstellung im Roxy Birsfelden liess mich der Gedanke nicht los, wie sehr wir es uns doch hier im Westen gemütlich gemacht haben auf dem Selbstverständnis der abendländischen Kultur, dem sogenannten Gipfelpunkt menschlicher Entwicklung. Die Vorstellung von westlicher Kultur als Nonplusultra einmal abzulegen und einen Blick ins Theater jenseits von Shakespeare und Sophokles zu werfen lohnt sich auf jeden Fall. Denn Theater ist so viel mehr.

© Jaha Koo

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