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Eine nackte Frau baumelt an einem Seil über der Bühne des Schauspielhaus Basel. Sie ist befestigt an vier gebogenen Metallstangen, die davor auf Leinwandübertragung in ihren Rücken gebohrt wurden. Das ist: TANZ von Florentina Holzinger.
Doch von vorn. Die Bühne ist weiss, es stehen vier Eimer und ein Schaukelstuhl darauf, zwei weisse Laken hängen von oben runter (darunter kommen später Motorräder zum Vorschein). Sieben Frauen stehen um einen zusammengerollten nackten Körper in der Mitte. Der Körper entpuppt sich als eine Grand Dame des Balletts, Beatrice Cordua nämlich, die hier zur Ballettlehrerin wird. Es beginnt völlig harmlos mit der Disziplinierung der Körper von vier Ballerinen. Die zunächst gewöhnliche Ballettlektion mitsamt Plié, Battement und klassischem Klavier wendet sich aber schnell zur Schau des weiblichen Körpers und wird rasanter. Nach jeder Übung werden die Schülerinnen von ihrer Lehrerin aufgefordert, sich eines Kleidungsstücks zu entledigen, bis sie bald darauf alle nackt sind. Es solle ihnen ja nicht zu heiss werden, oder sie gar in Ohnmacht fallen. “Yes, this looks better”, findet die Lehrerin. Der Schönheitswahn der Tanzindustrie wird Stück für Stück dekonstruiert. Nach einer Yoga-Masturbationsstunde der Sisters in Crime und dem Ausruf einer Performerin, die “Let me have it from behind!” sagt (ein Besenstiel fliegt von hinten auf sie zu), kommt der erste Bruch und es geht weiter mit Akrobatik.
Die insgesamt zehn Performerinnen sind nicht nur zeitgenössische oder Ballett-Tänzerinnen, sondern auch Akrobatinnen. Die haben sich ins Haar metallene Ringe geflochten. Daran befestigen sie Seile und zwei ziehen sich langsam hoch. Oben dreht sich eine kopfüber, sodass die andere sich an ihrem Ring befestigen kann. Fünf Minuten hängt sie da dran.
Daneben gibt es so einiges zu lachen: Zum Beispiel murmelt die böse Hexe ihren Zauberspruch und lässt eine Tänzerin in ihrem Braukessel zum Embryo schrumpfen. Doch der erste Akt sei dazu da, das Publikum zu beobachten, wie Florentina Holzinger in einem kurzen Intermezzo zur Tanzgeschichte selbst erklärt. Im zweiten Akt gings früher auf in ferne Welten, auf andere Planeten. Hier wird das überzeichnet und alles Krasse vom ersten Teil noch einmal gesteigert und getoppt.

© Nada Žgank

Willkommen also in Akt II. Ab jetzt ist 100% Oper, ab jetzt ist Splatter-Movie. Es wäre falsch, hier die sonst im zeitgenössischen Tanz üblichen Interpretationen zu suchen, denn es geht um Ästhetik und Unterhaltung, Schock und Show (wie Holzinger in diesem Interview selbst ausführt). Ästhetisch ist alles, aber auch alles perfekt stimmig. Das wagnerianische Gesamtkunstwerk ist gebrochen und übersetzt ins Jetzt. Ein gefährlich scheinender Herr der Ringe-Wald wird an die hintere Wand gebeamt, es geistern der Wolf und Menschen in KKK-artigen Gewändern umher.
Die Ballettmeisterin gebärt eine Ratte. Musik spielt schon im ganzen Stück eine wichtige Rolle, hier jetzt auch und zwar läuft während der Geburtsoperation INSIDE von Jacquees ft. Trey Songz. Das geht so: “Let me massage the pussy, we gon’ ménage the pussy I’ma reward the pussy, I’ma reward the pussy”
Nun beginnts. Having Thick Skin. Auf Grossaufnahme werden einer Tänzerin (achtung, Trigger Warning!) eben jene Metallstäbe in den Rücken gebohrt. BDSM, for real now. Das Blut, das den Rücken herunterläuft ist hier kein Kunstblut, es ist echt. Genauso wie die vor Schmerz zuckenden Beine. Was passiert mit ihr? Sie wird an Seilen festgemacht, langsam hochgezogen und erhält einen Besen gereicht, auf dem sie reitet.
Und jetzt gehts ab. Strobo, Bass und vollendete ästhetische Überforderung. Passend heisst der letzte Teil vor dem Schluss: To Gain Knowledge One Needs to Penetrate Something. In diesem Fall das Publikum? Vielleicht ein bisschen. Es schiesst Blut aus Pistolen und Gewehren, die Motorräder, die jetzt von oben auf der Bühne hängen, werden geritten, es wird mit Holzstäben rumgefuchtelt und der böse Wolf wird schliesslich mit dem Höhepunkt von Schwanensee brutal gepfählt (das ist nicht echt, keine Sorge). Kurz vor Schluss verabschiedet sich die Hexe auf Pucksche Art: Es täte ihr Leid, sie werde ab jetzt anders sein, ansonsten werde sie den Tanz des Todes tanzen. Und dann ist wieder Ballettschule, ganz wie zu Beginn der zwei Stunden, auf dem mittlerweile von Blut, Rotze, Kotze und sonstwas verschmierten Boden. Doch jetzt ist Fin, Ende, aus.
So wie in TANZ haben sich die Menschen vermutlich vor einem Jahrhundert in der Premiere von Sacre du Printemps gefühlt. Skandal, aber notwendig und gut. Es ist ein Rausch. Die durchgehend nackten Körper werden zu einem blutigen Spektakel, welches fasziniert, ekelt, überfordert und begeistert. Wir holen uns erstmal Bier.

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