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Impressionen aus dem Outdoor Parcours

1. Yasmine Hugonnet, Extensions

Oberhalb des Staudamms fliesst der Rhein langsam, ein zähes Grau, das dahinzieht. Die elf Tänzer*innen fügen sich in seinen Rhythmus ein. Es ist ein Wogen, Verharren, Fliessen, Verschmelzen, Vergehen. Sie sind der Gegenwart entrückt, losgelöst. Sie haben zum Ursprung zurückgefunden, dort, wo alles anfing. Dort, wo aus der Stille des Nichts das Leben seinen Anfang nahm. Sie sind eins mit einer anderen Welt ohne Zeit, die wir wie von fern betrachten und zu der wir nicht gehören. Denn den Puls der Erde hören wir schon lange nicht mehr.
Der Körper ist ihre Sprache. Ihre Bewegungen sind Hingabe, Anbetung, Ritus. Aus der Einsamkeit treten sie hinaus in das hingebungsvolle Ertasten des Anderen. Ihre Körper verschmelzen zu Bildern nicht von dieser Welt.
Aus dem Erdenschlummer gerissen Zum Leben erwacht Zu lieben gelernt Zum Fossil erstarrt Aus der Erde ins Wasser: Die umgekehrte Evolutionsgeschichte.

2. Khouloud Yassine, Heroes – Surface of a Revolution

Ich bin Hitler, den Arm zum Gruss erhoben
Ich bin ein Held, gefeiert, verehrt, vergöttert
Ich bin ein Star. Mein Körper ist eine Offenbarung, ein Heiligtum
Ich bin Beyoncé, ich bin Stolz und singe: If you liked it then you should’ve put a ring on it
Ich bin die Siegerin, die mit erhobener Faust die Menschen zum Weinen bringt
Ich bin der Diktator, die Masse liebt mich. Mein Körper tanzt im Rhythmus der Macht und macht dich mir fügig
Ich bin die Schönheit, ich räkle meinen Körper und sehe das Begehren in deinen Augen
Ich bin die Athletin. Der Sieg beherrscht meinen Körper, in seinem Rausch finde ich Erlösung von allem Schmerz
Ich bin der Tod, dein Körper erliegt mir und das Zappeln nimmt ein Ende

3. Volmir Cordeiro & Washington Timbó, Rua

Ein grosser, bleicher Mann mit Sonnenbrille sitzt dem Publikum gegenüber an der Wand. Das Gesicht dem Trommler zugerichtet, der auf der Treppe zwischen den Sitzreihen wartet. Beide regungslos. Dann folgt Schlag auf Schlag. Mit wildem Blick beginnt Volmir Cordeiro zu tanzen. Die Trommel beherrscht ihn, stürzt ihn in Raserei, durchbrochen von Momenten der Erschöpfung und des Widerwillens. Und doch tanzt er weiter, denn er will Chaos. «I want chaos».
Ich muss an die Tanzwutausbrüche des 14. Und 15. Jahrhunderts denken. Bei jedem Trommelschlag blinzle ich. Ein Kind flüstert: «Mama, ich habe Angst».
Trommler und Tänzer sind in ein seltsames Gespräch vertieft, dessen verborgenen Inhalt ich nur erahnen kann. Die Schläge künden von Krieg. Der Tänzer leidet, gibt seine Wunden preis und lacht in wahnwitziger Euphorie über die Absurdität des Lebens. «If anyone here hears that they have just destroyed our great empire.»
Es herrscht Anarchie, Verzweiflung, Gewalt im Tanz von Volmir Cordeiro. Und doch lehnt der Tänzer nach dem Stück vor dem Jungen Theater lässig auf einer Rutschbahn und lächelt dem herausströmenden Publikum schelmisch zu. Es ist vielleicht der Schalk, den man sich in einer Welt voller Zerstörung bewahren muss, um überleben zu können.

© Marc Domage

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