+
×

Noch bevor das Stück beginnt, werden im Publikum Bekanntschaften geschlossen, man möchte schliesslich nicht einfach alleine in einem Raum voller Menschen warten. Man tauscht sich aus und füllt so die Zeit bis zum Start eines der ersten Stücke des Grätsche Festival.
Als das erste Mitglied der Gruppe Jungthaeter die Bühne betritt, bemerkt man das noch gar nicht. Erst als die dunklen Klamotten komplett weissen Outfits weichen, wird es wirklich ruhig im Publikum. Dieses beobachtet gespannt, wie die ganze Gruppe, eine*r nach der*dem anderen, auf die Bühne treten und den Wechsel von dunkel und unscheinbar zu hell und auffallend vollziehen.
Noch bevor alle Schauspieler*innen auf der Bühne sind, beginnt ein Ticken. Jede Sekunde klackklackklack. Dieses wird uns durch das ganze Stück begleiten.
Pro Schauspieler*in steht ein weisser Stuhl auf der Bühne und auf diese setzen sie sich. Erst aufrecht und ruhig. Dann immer seltsamer, Stühle werden gedreht oder hingelegt, man lehnt sich an der Nebenperson an, man gähnt, hustet. Das alles passiert, ohne das ein Wort gesagt wird. 20 Minuten lang.
Die ersten Sätze fallen. Gespräche und Diskussionen brechen aus, ohne das wirklich etwas gesagt wird. Der Sprache wird immer wieder ein Rhythmus verliehen. Rhythmus und Melodie — im Hintergrund noch immer das Klicken im Sekundentakt.
Ab und zu wird gesummt.
Gegen Ende kommen dann doch noch ausformulierte Fragen auf. Ist Schönes wichtig? Muss man alles verstehen oder reicht es, wenn es schön ist? Und worauf warten sie denn überhaupt und weshalb? Lohnt es sich? Sollte man überhaupt warten oder einfach selber aktiv werden?
Dann die Aussage, dass man das Warten auch einfach geniessen kann. Du kannst das nicht? Lerne es. Das der Rat von einer Figur zur anderen.
Alle Schauspieler*innen sitzen inzwischen wieder in einer Reihe auf ihren Stühlen. Aufrecht und ruhig. Das Ticken endet in einem Telefonklingeln. Die Schauspieler*innen ziehen sich wieder ihre dunklen Klamotten über und verlassen eine*r nach der*dem anderen den Raum.
Am Tag nach dem Stück habe ich noch zwei der Schauspieler*innen im Gang getroffen und konnte ihnen kurz ein paar Fragen stellen. Was sich daraus ergeben hat, erzähle ich hier frei.
Meine erste Frage ging darum, wieviel denn improvisiert sei. Wieviel an dem Stück ist geplant und wieviel entsteht jedes Mal neu.
Das Stück sei eigentlich komplett improvisiert, doch haben sie natürlich auch ein paar Grundsätze und Regeln, an die sie sich halten. Ausserdem wiederholen sie ein paar ihnen bekannte Elemente, wenn es sich während der Aufführung ergibt. Doch die Inszenierung am Freitag war wirklich komplett neu und bewusst ohne bekannte Elemente.
Auch das Gesprochene ist ungeplant und untersteht lediglich ein paar Grundregeln. So darf zum Beispiel nichts konkretes gesagt werden, der Text soll immer möglichst abstrakt bleiben.
Dadurch entstehen neue Ausdrücke wie «deuses meuses», das auch ich nicht genauer erklären kann, obwohl ich bei der Entstehung des Wortes selbst dabei war.
Oder Szenen, in denen sie durch das Abhören der Herzschläge der anderen Schauspieler*innen einen Beat kreieren.
Tatsächlich sah die Erarbeitung des Stückes ganz anders aus, als es das Endprodukt vielleicht vermuten lässt. Jede*r des Ensembles schrieb einen Text über ihre persönlichen Erwartungen. Ganz allgemein an die Welt oder an sich selbst und an die Zukunft.
Doch anstatt diese Erwartungen eben konkret und persönlich vorzutragen, wurde daraus eben dieses abstrakte Theaterstück über das Warten (auf Besserung? Aufund den Sinn dahinter.

Kommentare unterstützt von Disqus.