Heute Thema im Kopftheater: Mein Kopf. Er ist ein bisschen überstrapaziert zurzeit, deswegen möchte ich ihn entleeren.

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Land, in dem alles eines war: relevant. Es gab rein gar nichts, das nicht relevant war, es richtete sich alles nach diesem Prinzip. Die Arbeit der Bauer*innen war relevant, genauso wie die der Maler*innen, sogar das Schokofondue der Königin, das Werbegeschenk der örtlichen Versicherung und der Frosch im Brunnen: alles relevant. Die Leute redeten nur über das, was sie für wichtig erachteten und verloren keinen Gedanken darüber, was irrelevant war. Das klingt zunächst etwas erschreckend: was ist schon relevant, sagen die einen. Und die anderen neigen gerade zum glorreich Irrelevanten, weil es doch der kalten Effizienz des Alltags so schön trotzt. Ja, Relevanz klingt nach Zwang, nach dem Irrglauben des Fortschritts, nach Kalkulation und Kosten-Nutzen-Prinzip. Aber sie verstehen das Prinzip ja gar nicht. Im Land der Relevanz gab es schlicht und ergreifend nie das Irrelevante. Nein, das Irrelevante war sogar äußerst relevant! Ich glaube, es war ein sehr schönes Land. Und vielleicht sollten wir dies zum Anlass nehmen, mal schleunigst den Ballast aus den Kellern und Abstellkammern der Seele auszusortieren – aber Ballaststoffe sind doch gut? Jaja, aber zu viele belasten auch die Verdauung. Gerade in den Ecken, wo die Furcht vor Veränderung alle Einsicht verdrängt, dass es hier doch wirklich unerträglich staubig ist, muss der Staubsauger besonders laut ans Werk. Einen Schlussstrich ziehen, wenn es am schönsten ist, damit es noch schöner wird. Denn schön ist nichts für immer, das hat ja Gryphius schon gesagt.

Da ist sehr viel, worauf wir verzichten könnten, schauen wir uns doch einmal die Spielpläne großer Theaterhäuser an: Brauchen wir wirklich Inszenierungen, in denen Schauspieler*innen in bunten Latexkostümen herumturnen und Philosoph*innen zitieren, um daraufhin zu erklären, das sei ja alles sehr schwer zu verstehen? Und überhaupt: Wie war denn das nochmal mit den Regisseurinnen, wie viele gibt es im Verhältnis zu ihrem männlichen Pendant und wie viel Geld bekommen sie? Mir drängt sich die leise Vermutung auf, dass so manches Theaterstück vielleicht gar nicht inszeniert wurde, weil es die Menschen interessierte, sondern weil man das so macht und das sei doch irgendwo auch sehr innovativ oder wenigstens spektakulär. Aber das ist dann bei weitem nicht progressiv, sondern hinkt dann sogar diesem unangenehmen und miefigen Herrn Status Quo hinterher. Umsturz! Stürzt die irrelevanten Strukturen des Theaters um, bevor Ihr eure Keller zum dritten Mal, aber diesmal nach Farbe, sortiert! Ich will gar nicht Namen nennen. Mein leiser Unmut ist da ganz hypothetisch und unparteiisch. Vielmehr geht es mir um ein abstraktes Gefühl der Starre, das mich nach dem ein oder anderen Theaterbesuch beschlich. Und da zähle ich mich genauso hinzu. Wie schön ist es doch, mit einer Erwartung ins Theater zu gehen, die ganz toll zu dem passt, was ich dann auch wirklich auf der Bühne erlebe. Wie oft bin ich bei der Entscheidung, ein Theaterstück zu besuchen der kuscheligen Wärme des Gewohnten verfallen. Setzt der Herrschaft der Gewohnheit ein Ende!

Und natürlich ist es nicht zwangsläufig schlecht, das Alte zu konservieren. In jeder Speisekammer haben Konserven ihren Platz verdient. Aber es bedarf doch einer Erklärung, warum gerade dieses aufbewahrt und jenes weggeschmissen werden soll. Ansonsten sieht's in der Theaterlandschaft gar nicht mehr nach Landschaft aus, sondern wie bei Hempels unterm Sofa oder wie mein Schreibtisch kurz vor der nächsten Deadline. Der Platz ist rar! Füllt ihn mit dem, was uns als relevant erscheint und zögert nicht, dieses Glas mit Silberzwiebeln auszusortieren, dessen Haltbarkeitsdatum noch blasser geworden ist als sein Inhalt! Es mag manchmal anstrengen oder unangebracht sein, wenn an das Gute einer Krise plädiert wird, aber ich glaube, die Stunde der Relevanz hat geschlagen. Jetzt, wo wir uns alle auf das fokussieren müssen, was uns in schweren Zeiten durchs Leben trägt.

Wir werden wohl nie in einem Land der vollkommenen Relevanz leben. Aber wir müssen es uns doch wenigstens vorstellen können.

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