© Kalena Leo

Am Donnerstagabend nehmen mich die Schauspieler*innen mit zu ihrem Improvisations-Workshop. Ich freue mich darüber, denn ich mag Improvisationstheater. Meiner Meinung nach spricht richtiges Talent aus einer Person, wenn sie in eine unbekannte Situation gesteckt wird. Talent spricht daraus, dass sich jemand in einer völlig arbiträren Situation sofort anpassen kann und die Zuschauer*innen glauben lassen kann, dass sie sich dabei völlig wohl fühlt, obwohl das vielleicht gar nicht der Fall ist. Es werden verschiedene Spiele gespielt und alle sind begeistert. Am Anfang etwas scheuer trauen sich noch nicht viele auf die Bühne. Dies ändert sich jedoch schnell und nach ein paar Spielen, vielen Lachern und gespielten Tränen, melden sich immer mehr Freiwillige. Mit einem erfüllten Gefühl geht es für mich nach dem Abend wieder zurück nach Basel, während die anderen in ihre Jugendherberge kehren.

Über das nicht-Sein – LUEGED NED OME

Am Freitagnachmittag bemerke ich die Müdigkeit, die im Verlauf dieser Woche nun endlich zu mir gefunden hat. Doch ich finde mich damit ab, schliesslich ist nicht jede Woche fanfaluca und ich will jede einzelne Sekunde geniessen können. Meine Gedanken wandern zur heutigen Aufführung als ich mich vom Bahnhof in Richtung Tuchlaube bewege. Die Aarauer Gruppe steht in einigen Minuten mit ihrem Stück LUEGED NED OME auf der Bühne und ich habe keinen Schimmer was mich erwarten wird. Ich weiss einzig und allein, dass es um einen Aussenseiter gehen wird. Als ich endlich auf meinem Platz sitze, sauge ich die ersten Eindrücke so gut ich kann in mir auf. Die Bühne ist mehr oder weniger leer, ein bisschen abseits hängen Neonröhren herunter, daneben steht ein Junge mit dunklem, lockigem Haar. Alle anderen Schauspieler*innen stehen nah beieinander und putzen jeweils ihre Schuhe. Die Geschichte entfaltet sich und ich begreife, dass sich alle auf ein Dorffest vorbereiten zu scheinen. Auch Ruben, der Aussenseiter. Die anderen sind jedoch nicht gerade davon begeistert, dass er dabei ist, und lassen ihn das heftig spüren. Es fallen immer wieder Bemerkungen über ihn, seine Mutter, seine Lebensweise und vor allem über die Vergangenheit. Ruben scheint immer der Aussenseiter gewesen zu sein, jedoch haben ihn nicht alle freiwillig ausgeschlossen. Die meisten unterlegen dem Gruppenzwang, sie wollen lieber zu der Mehrheit gehören statt zu der Minderheit und tun darum Sachen, die sie innerlich wahrscheinlich gar nicht wollen. Sophie, die Anführerin der Gruppe ist die einzige, die bei ihrer Meinung bleibt. Sie mag Ruben nicht, und das wird sich so schnell nicht ändern.

© Kalena Leo
Die Geschichte läuft nicht immer linear ab, sondern springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, immer wieder unterbrochen von Choreografien. Die Schauspieler*innen tanzen mit weissen Leinwänden, die fast doppelt so hoch sind, wie sie selbst und die Atmosphäre, die dabei entsteht, fesselt mich. Mit der Zeit aber finde ich die Leinwände bisschen überflüssig, denn sie kommen zu häufig vor und machen in vielen Kontexten nicht wirklich Sinn. Mir hätte es besser gefallen, wenn die Leinwände weniger, dafür bewusster zum Einsatz gekommen wären. Das Stück endet nach fünfzig Minuten damit, dass sich alle an den Tisch setzen, bereit für das grosse Essen, während Rubens Platz leer bleibt. Leer wie immer, leer als wäre er nie da gewesen. Leer als würde es ihn gar nicht geben.

tanzen, tanzen, tanzen – APROPOS ÜBERECHO

Es fällt mir schwer über das Stück APROPOS ÜBERECHO des alten Jungen Schauspielhaus Zürich zu schreiben. Das war Teil der sozusagen letzten Arbeit des Jungen Schauspielhaus, worin in drei Teilen Texte und Inhalte von jungen Menschen künstlerisch verarbeitet wurden. Wahrscheinlich liegen meine Schreibhemmungen daran, dass ich mich nicht sehr mit Tanzstücken auskenne; ich gehe definitiv nicht oft genug in Tanzaufführungen. Jedoch hauen mich die jungen Tänzer*innen vollkommen aus den Socken. Die Tänzer*innen bewegen sich zwischen Boxen voller Plastikflaschen, die sie immer wieder herumschieben und neu anordne. Sie sitzen darauf, springen darüber, oder balancieren auf ihnen wie auf einem Schwebebalken. Die Performance beginnt ohne Musik, junge Frauen und Männer tanzen zu ihrem eigenen Beat, bewegen ihre Körper in ihrem eigenen Rhythmus. Irgendwann beginnt dann eine sanfte, doch stete Musik zu spielen und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Es ist schwierig, sich an den genauen Ablauf zu erinnern, wenn man sich nicht an Texten orientieren kann. Jedoch kann ich an meinen Gefühlen, die sich im Laufe des Stückes immer wieder änderten, ungefähr sagen, was wann passierte. Mir war, als ob verschiedene Facetten des Lebens aufgezeigt wurden. Einmal tanzen ein Mädchen und ein Junge zusammen, was mich daran erinnert, wie ich zum ersten Mal verliebt war. Dann tanzen wieder alle zusammen, und ich denke über Freundschaft nach. Es finden sowohl positive als auch negative Ereignisse auf der Bühne statt, woran das Stück ein bisschen an Dynamik gewinnt. Immer wieder versuche ich, eine Verbindung zum Recycling darzustellen, das ziemlich wichtig für das Stück zu sein scheint. Jedoch drifte ich immer wieder nach und verbinde die Szenen auf der Bühne mit Szenen aus meinem eigenen Leben. Natürlich bin ich mir nicht sicher, ob ich das Stück so verstanden habe, wie es gemeint gewesen wäre, aber dafür gibt’s ja Interpretationsfreiraum. Und genau das ist ja auch das Schöne daran, habe ich recht? Eine gelungene Aufführung, die mich realisieren lässt, dass ich mich mehr mit Tanz befassen sollte.

Wer ist Barbara? – GANZ NAH

Und nun – endlich: Die Banda Agita aus dem GRIPS Theater Berlin. Die ganze Woche schon warte ich nun auf die Aufführung der deutschen Gastgruppe, die vom Theatertreffen der Jugend (dem Partnerfestival und sozusagen die grössere Schwester des fanfaluca) ausgewählt wurde. Ich stehe draussen, mehr als ready für den Beginn, denn ich kann fast nicht mehr warten. Die Bühne erinnert mich auf den ersten Blick an ein Klassenzimmer. Schnell wird aber klar, dass die Linien am Boden einen Grundriss einer Wohnung oder eines Hauses darstellen. Hinten stehen mehrere Stühle in einer Reihe und auf der linken Seite der Bühne steht ein Regal, das mit Frottiertüchern und Kleidern vollgestopft ist. Es treten zwei junge Männer in roten Overalls auf. Sie erklären dem Publikum, dass das Haus, in welchem sie sich befinden, Barbara gehört. Niemand weiss genau, wer Barbara ist, was sie tut oder wie sie aussieht. Niemand kennt ihre Eltern oder ihre Freunde. Barbara ist und bleibt ein Fantasiegeschöpf, das durch die ganze Vorstellung hindurch immer mal wiederaufkommt. Dann treten auch die anderen Schauspieler*innen auf, sie setzen sich in eine Reihe und einer der jungen Männer mit den roten Overalls beginnt, ihre Gesichter zu filmen. Sie singen Creep von Radiohead und ich bekomme eine Gänsehaut. Verschiedene Themen über Freundschaft und Liebe bis zu Selbstdefinition und Lebenssinn werden durch das Stück hindurch angeschnitten und ich habe das Gefühl, dass ich direkt in die Köpfe der Schauspieler*innen hineinsehen kann. Als Zuschauer*innen ist man den Jugendlichen, die auf der Bühne stehen, so nah, man kann fast ihren Atem spüren. Aber genau das ist auch der erwünschte Effekt, schliesslich sind die Texte alle autobiografisch von den Spielenden selbst verfasst.
Die Dynamik und das Zusammenspiel lässt nie nach, sondern steigert sich immer wie mehr und ich bemerke plötzlich das Dauergrinsen auf meinem Gesicht. Die beiden Männer in den roten Overalls überraschen mit einem Rap, den sie vollkommen selbstbewusst durchziehen und dadurch den Raum mit noch mehr Energie füllen. Während ich diesen Text tippe wird mir bewusst, dass ich mehr und mehr von GANZ NAH schwärmen könnte und alle, die das Stück nicht gesehen haben tun mir leid, denn die Aufführung, die ich miterleben durfte, war leider die letzte.

© David Baltzer
Und schon ist die Woche vorbei. Die Zeit geht doppelt so schnell vorbei, wenn man sich amüsiert. Zwei Wochen später denke ich immer noch oft an die Woche, und erzähle vielen Leuten davon, wie gut und erfrischend es war. Ich durfte viel lernen in den paar Tagen und bin dafür sehr dankbar. Danke fanfaluca, danke an alle Theatergruppen, ihr ward grossartig. Und damit tschüss – bis nächstes Jahr.

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