© Kalena Leo

So schnell es gekommen ist, ist es auch schon wieder vorbei. Das sechste fanfaluca vibrierte, tanzte, lachte und weinte – und ich war mittendrin. Bereits an der Eröffnungsfeier wird mir klar: Diese Woche wird verrückt und laut, energiegeladen und spannend. Und nun sitze ich in meinem Garten, umgeben von nächtlicher Dunkelheit. Die einzigen Lichtquellen sind die Kerzen, welche meine drei Notizbücher bescheinen und natürlich der fluoreszierende Bildschirm meines Laptops. So ganz verarbeiten konnte ich all die Eindrücke noch nicht, und ich merke, wie es mir schwerfällt die passenden Worte zu finden. Am besten gehe ich das Ganze wahrscheinlich chronologisch an. Also: von vorne. Das junge theater basel macht mit ihrem Stück POOL POSITION den Anfang. Ich kenne das Stück bereits und denke mir, dass es schwierig wird für die anderen Gruppen mitzuhalten, denn POOL POSITION ist ein kleines Meisterwerk. Ich bin gespannt, denn ich frage mich, wie das Stück in einer anderen Stadt funktionieren wird. Wird das Publikum die Witze verstehen, über die man in Basel so herzlich lachen kann? Kennen die Leute das Bruderholz? Wissen sie, wo Bettingen liegt? Und können sie wissen, was es mit den ganzen Flamingos auf sich hat?
Schon wenige Sekunden nach Beginn der Aufführung merke ich, wie ich abgelenkt bin, von den Autos, die ausserhalb des Festivalzelts vorbeifahren, von den Pfiffen des naheliegenden Fussballfeldes, von Hustern und Niesern im Publikum. Vielleicht sind die Geräusche aber gar nicht der Auslöser für meine Unruhe. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Stück schon gesehen habe, noch genau weiss, wie es beginnt und wer den Anfang macht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mich die Festivaldynamik noch nicht in ihren Bann gezogen hat, schliesslich ist es der erste Abend, das erste Stück. Konzentration. Die beiden Geschwister Linus und Cora sind gerade dabei mit weissen Plastikstühlen ein Boot zu bauen. Ich schaue mich in der Menge um und blicke in gespannte Gesichter, kein Mensch scheint abgelenkt zu sein. Nur ich. Doch dies ändert sich ziemlich schnell. Sobald die Geschichte ihren Lauf nimmt und die beiden beginnen, den 18. Geburtstages von Linus zu rekapitulieren, pendeln sich meine Gedanken langsam, aber sicher ein und ich bin überrascht, als das Stück nach neunzig Minuten zu Ende ist. Die drei Schauspieler*innen schaffen es, die Zuschauer*innen so in ihr Spiel einzulullen, dass man jegliches Zeitgefühl vergisst. Sie lassen uns Teil des Stückes werden, ohne dass wir es merken, und wenn es vorbei ist, müssen wir zuerst ihre Köpfe schütteln und sich bewusstwerden, wo wir sind.

Rot, blau oder grün? - TANZ DER MÄNADEN

Den Anschluss an POOL POSITION macht das Jugendtheater Willisau mit TANZ DER MÄNADEN, welches das einzige Stück ist, das ich leider nicht schauen konnte. An dieser Stelle folgt ein kurzer Text von Julius:
Im Foyer der Tuchlaube. Auf einem Tisch liegen ungefähr 60 Headsets, die alle blau, grün oder rot leuchten. Wir werden aufgefordert, uns eines zu nehmen und aufzusetzen. Je nachdem welche Farbe ausgewählt wird, hören wir entweder Technosounds, Jazz oder Pop. Kurz: silent rave ist angesagt. Nach einer Viertelstunde Party werden wir von einer Stimme in das Theater gebeten.
Ausgangslage. Eine KI will den menschlichen Rausch verstehen. Zu diesem Zweck wird das Festival TANZ DER MÄNADEN organisiert. Sechs unterschiedliche Teilnehmende sind eingeladen und funktionieren als Versuchskaninchen. Wir im Publikum sind von der KI eingeweiht, den Verlauf dieses Experimentes mitzubeobachten und daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Damit wieder zurück an Michelle.

© Jugendtheater Willisau

Cosa farai per cambiare il mondo? - MORGEN

Dann am Mittwochabend das Young Lab Grande Giro aus dem Tessin. Mit dem Stück MORGEN gehen sie erst zum dritten Mal auf die Bühne. Die Bühne ist eingehüllt in Dunkelheit, Nebel und Stille. Obwohl noch nichts passiert ist, herrscht eine angespannte Stimmung im Raum, das Publikum ist von Anfang an gefesselt und es fühlt sich an, als würde jeder und jede einzelne in den ersten fünf Minuten vergessen zu atmen. Ich mag Stücke, die so beginnen. Ich mag es, die Konzentration des Publikums zu spüren, sodass sich alle Haare auf meinen Armen aufstellen. Ich mag Nebel und ich mag Stille. Ich mag MORGEN schon nach wenigen Sekunden. Auf der Bühne steht ein Baugestell, das aussieht, als wäre es mit lauter dreckigen Tüchern beladen. Langsam fängt der Haufen aber an sich zu bewegen und nachdem ich ein paar Mal blinzeln muss, sehe ich, dass sich alle Schauspieler*innen auf dem Baugestell zusammengekauert haben. Sie tragen mit weisser Farbe bekleckerte Kleidung und schlurfen langsam über die Bühne. Immer mehr Gegenstände werden aus dem Baugestell herausgenommen. Ich sehe einen kaputten Staubsaugerschlauch, einen Ventilator, der nicht mehr funktionieren zu scheint. Ein paar Bücher, einen verstaubten Puppenwagen und eine kleine Holzkiste. Immer wie schneller und bestimmter hantieren die Schauspieler*innen mit den Gegenständen und es entsteht eine Art Choreographie und jetzt erst wird mir bewusst, dass Musik spielt.
Dopo 10 minuti, l'umore cambia sul palco. I personaggi iniziano a parlare, frasi confuse che non sono realmente correlate. Alcuni parlano dei loro figli, altri dell'avidità e altri di estrema espressione di sé. Gesprochen wird auf Italienisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Englisch. Stille. Dann ein Schrei. Plötzlich liegt da ein Mann auf der Bühne, in Embryo-Stellung, nur mit einer Unterhose bekleidet. Betroffen fangen die anderen an, sich auszuziehen, schieben ihre Kleidung und ihre Schuhe dem Mann entgegen. Sie sprechen nun von Weltverbesserungsvorschlägen, von Zukunftsplänen. Sie wollen kein Fleisch mehr essen, wollen jeden Menschen liebhaben, der ihnen über den Weg läuft. Sie wollen Kriege stoppen und Meere säubern. «Cosa farai per cambiare il mondo?», «Was tust du um die Welt zu verändern?» fragen sie das Publikum. Der Rest des Stückes verwebt sich in ein Netz aus Choreographie, Text, Musik und Nebel. Die Stimmung hat sich verändert und zum Schluss bleiben mir die Fragen:

WANN IST MORGEN? WO IST MORGEN? GIBT ES EIN MORGEN - HAT ES BEREITS BEGONNEN?

Fuck das Patriarchat! - ANTIGONE

Weiter geht es am Donnerstag mit der Shakespeare Academy aus Zuoz mit dem Stück ANTIGONE. Ich bin gespannt auf den Abend, Antigone ist eines meiner ewigen Lieblingsstücke. Diesmal ist es nicht das Bühnenbild, das mir als erstes auffällt, sondern der Geruch. Es riecht anders, frischer irgendwie. Dann sehe ich auch sogleich warum: Statt des normalen schwarzen Bühnenbodens, haben sie Holzplanken ausgelegt, und darauf einen Haufen Erde gestreut. Überrascht bin ich aber auch aufgrund des kleinen Orchesters, das hinten in der Ecke sitzt. Ismene tritt auf, die Schwester von Antigone. Sobald sie sich hingesetzt hat, schreit jemand aus dem Off zu ihr, dass ihr Telefon klingeln würde. Es herrscht Verwirrung im Publikum, ist das jetzt echt oder gespielt? Gekonnt werden die Zuschauer das ganze Stück lang hinters Ohr geführt, denn die Schauspieler*innen schlüpfen immer mal wieder aus ihren Rollen, nennen sich bei ihren richtigen Namen und sprechen Schweizerdeutsch statt Bühnendeutsch.

© Lyceum Alpinum Zuoz

Ich bin die meiste Zeit auf das Stück konzentriert, schweife wenig ab, obwohl ich auf der Treppe sitzen muss, da die Aufführung masslos ausverkauft ist. Ich merke jedoch plötzlich, dass man das Stück nur versteht, wenn man Antigone schon, kennt, den Stoff schon mal in der Schule durchgenommen hat. Mir fällt auf, dass vieles nicht richtig erklärt wird, der Handelsstrang einfach seinen Lauf nimmt und wichtige Teile aus der Erzählung fehlen. Wahrscheinlich ist es mir nicht vorher aufgefallen, da für mich selbstverständlich ist, was als nächstes passiert. Es fängt an, mich zu stören und ich rege mich über mich selbst auf, denn ich will die Aufführung eigentlich in vollen Zügen geniessen können. Als sich Antigone in ihrer Verzweiflung erhängt, bin ich jedoch wieder völlig dabei. Gespannt warte ich darauf, was als nächstes passiert, werde vom Ende des Stückes zum Glück nicht enttäuscht. Das Ganze bringt mich zum Nachdenken als ich mich mit der Menge aus dem Zelt herausbewege. Eines ist auf jeden Fall klar, zumindest aus Sicht des Stückes: FUCK KREON! FUCK DAS PATRIARCHAT!

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