© Silivia Moser

Was passiert, wenn 19 auserwählte Menschen ein Spiel um Lüge oder Wahrheit spielen? Genau das zeigt sich in Christoph Hebings und Marcel Leemanns Stück BEDINGIGSLOSI EHRLECHKEIT mit der U16 Gruppe der Jungen Bühne Bern.

Es beginnt mit einem „ig bi cool, sie isch dumm, ig bi krass“-Geflüster. Ehrliche Aussagen und das zu sagen, was man denkt ist aber genau nicht das Ziel des Games. Die Spielleitung übernimmt Alektra, eine Siri-Stimme, die über den Lautsprecher zu den Teilnehmer*innen spricht und ihnen Aufgaben erteilt. In Slumville, Syrienstadt oder Bünzlitown (Miniaturinseln) müssen die Schauspieler*innen eine von Alektra vorgegebene Szene spielen – dies bedingungslos ehrlich. Doch mit dieser Ehrlichkeit kann die Stimme aus dem Lautsprecher nichts anfangen, sie bevorzugt die Variante der Lügen und dadurch zum Ziel zu kommen. Die Szenen werden wiederholt und wie Alektra verlangt mit mehr Liebe, mehr Schleimen oder mehr Verständnis gespielt. Durch gutes Lügen erspielen die Teilnehmer Punkte, die sie zum nächsten Level bringen, wenn die Szene aber immer noch zu ehrlich ist, verliert die Gruppe Punkte und sie sinken in der Skala. Alektra will „Scheinheiligkeit wie Eltern das machen sollten“. Obwohl die Handlung an sich nicht allzu spannend ist und die einzelnen Szenen wiederholt werden, wirkt das Stück nicht eintönig – das Publikum fiebert mit den Kandidaten mit, will, dass Sie zum Sieg kommen.

Es wird sozialisiert

Oberflächliche Kontakte werden geknüpft, Ausreden gesucht – Hauptsache man ist nicht ehrlich! Die Kandidat*innen werden nacheinander zu einer der Miniaturinseln geschickt, um eine alltägliche Szene zu spielen. Mit diversen Vorwänden versuchen die Teilnehmer des Spiels den Normen der Gesellschaft zu entsprechen: Eltern müssen ihre Kinder lieben, die Kinder müssen diese Liebe und Aufopferung ihrer Eltern schätzen und als Chef einer Firma verhält man sich grosszügig gegenüber seinen Mitarbeitern. Zur Auflockerung der Spielsituation gibt es zwischen den Szenen ein nettes Kennenlernen mit alkoholischen Getränken oder ein gemeinsames Tanzen des Macarenas. Die Tanzeinlagen bringen Abwechslung ins Spiel sorgen für den Unterhaltungscharakter, welcher die gesellschaftliche Norm verlangt. Die Darstellenden schaffen es, dass man sich selbst in den Situations-Szenen erkennt. Man würde gerne die Wahrheit sagen, aber dadurch kommt man weder im Spiel noch im realen Leben (ein Level) vorwärts. Nur durch gegenseitiges Anlügen funktioniert die Gesellschaft, Pärchen bleiben zusammen, weil sie nichts vom Betrug ihres Partners wissen und Freundschaften bleiben bestehen, weil man sich nicht über den hässlichen Pulli des anderen äussert. Sollte uns das nicht zu denken geben?

© Silivia Moser

„Endlich ist die Mistgruppe weg“

So verläuft das Spiel von einer Szene zur nächsten bis Alektra eine Raucherpause braucht und die Gruppe sich selbst organisieren soll. Ohne Spielleiterin sind die Teilnehmenden aber völlig orientierungslos und die Siri-Stimme muss ins chaotische Geschehen eingreifen. Die beiden Blondinen dürfen spielen, bevor es zur grossen Schlussszene und dem Aufstieg ins Paradies kommt. Ist die Gruppe in der Lage so zu lügen, dass es den Ansprüchen Alektras genügt? Für den höchsten Level des Spiels reichen die Lügen leider nicht und dazu kommen technische Probleme – die Schauspieler*innen bewegen sich wild im Strobo Licht und zucken hin- und her. Der Strom fährt runter und „endlich ist die Mistgruppe weg“. Nach wenigen Sekunden sitzen die Schauspieler*innen wieder wie zu Beginn auf ihren Stühlen und eine neue Gruppe versucht ihr Glück im Spiel um Lüge oder Wahrheit. Die Gesellschaft kann sich nicht von ihren Normen lösen, lügen scheint einfacher zu sein, als der Wahrheit ins Auge zu Blicken.

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