„Alles war nur fast. Fast krass, fast echt. Ich fühlte mich nie 100% richtig“ reklamiert Robin, der 15 Jahre alt ist und sich in einer Kleinstadt langweilt. Er sucht, was wohl die meisten Jugendlichen suchen: den Sinn des Lebens, Flucht aus dem Alltag und natürlich Abenteuer. Er ist – das Jugendwort des Jahres 2020 drückt es wohl am besten aus – lost. Bis er auf Leo trifft, der Robins Sehnsüchte verkörpert und ihm zeigt: „Die halben Sachen waren vorbei.“ Mit ihm raucht Robin das erste Mal, trinkt billigen Weißwein, nimmt Drogen, verliert sich immer mehr und stürzt ab. Erst kurz vor dem Aufprall findet er wieder zu sich. Leos Odyssee wird als Kooperation vom Jungen DT und LesArt auf die Bühne gebracht, also eigentlich vor die Bühne, oder gleich vor das ganze Haus. Denn als pandemiegerechtes Theater findet die szenische Lesung von Antje Herdens Roman „Keine halben Sachen“ auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters statt, was erstaunlich gut funktioniert. Die frische Luft gibt allen genug Platz sich zu bewegen und ermöglicht den 14 Schauspieler*innen gleichzeitig präsent zu sein und miteinander zu agieren. Deshalb gibt es auch keine Rollenzuteilung, der Prosatext wird im Original mal solo, mal im Chor gelesen, was Dynamik erzeugt und außerdem bewirkt, dass niemand in den Hintergrund rutscht. Gerade für Jugendtheater ein pädagogisch schönes Konzept. So verwandeln sich Treppen und ehemalige Sitzgelegenheiten in Chorpodeste auf denen Darsteller*innen ausgewählte Szenen aus Robins Geschichte lesen und sie schauspielerisch untermalen, wobei sie seine Drogenerfahrungen besonders unter die Lupe nehmen.

© Kristina Stang.

Wyld / Wild

„Du warst alles, was ich nicht war“ sagt Robin zu Leo. Der von Eltern auf der ganzen Welt gefürchtete „schlechte Einfluss“ kommt – natürlich – aus Berlin. Da trägt er – wie kann es anders sein – eine Bauchtasche, isst Gemüsedöner und trinkt ausschließlich Mate. Der Berlin-Bad-Boy Leo bietet Robin das erste Mal einen Joint an, der ihn mit einer Begründung annimmt, die auch von meinen 15-Jährigen Ich hätte stammen können: „Ich wollte cool und unbekümmert wirken. Nein. Sein.“ Der Mythos von Gras als Einstiegsdroge wird bis zum Ende ausgereizt. Anfangs ist kiffen im Park noch aufregend genug, aber schnell gerät Robin an die „Goajungs“, die ihm Speed verkaufen. Erstes Mal Pep ziehen. Die Darsteller*innen öffnen Ahoi-Brausepulver Tüten, lecken sich das Pulver von den Händen, schütten es sich ins Gesicht, während dazu ein House-Remix von Französischen Chansons aus den mächtigen Boxen im Rücken des Publikums dröhnt.
Robin und Leo glauben einen hedonistischen Kampf gegen das bürgerliche Spießerleben zu führen und der Kampf wird wild, oder auch wyld – der zweite Platz des diesjährigen Jugendwortes. In neonfarbenen Outfits zucken und stampfen die 14 zu hämmernden Bässen, als Robin auf einem Rave im Wald das erste Mal LSD nimmt. Das DT hat kein Geld bei der Beschallung gespart, Techno dröhnt durch meine Eingeweide wie seit Corona lange nicht mehr. Die anliegenden Häuser haben wohl auch ihren Spaß dabei. Es herrscht Chaos auf dem Platz, es gibt so viel zu sehen, ich weiß nicht, wo ich als erstes schauen soll. Zwei Schauspieler*innen werden intim mit der DT-Büste von Max Reinhardt, sie liebkosen ihn und flüstern ihm etwas ins Ohr, parallel dazu rollt eine Person in einem Zelt im Kreis um das Publikum herum, während Waldgeräusche den Techno untermalen. Die Darsteller*innen zappeln zum und gegen den Rhythmus der Musik, kuscheln miteinander und erleiden Krämpfe. Die Szene erinnert an Berliner Clubs um 7 Uhr morgens.

Lost

Aber auf die Ekstase folgt der Downer, das gefürchtete Runterkommen und so folgen auf chaotische Szenen auch immer wieder Ruhige. Dadurch schafft es die Lesung abwechslungsreich zu bleiben und nicht bloß von wildem Trip zu Trip zu hasten. Das erste Mal. In Teenie-Filmen ein romantisches Lebenshighlight, für Robin besoffen im Gebüsch am Ententeich. Das Kondom reißt und am nächsten Morgen hat er ihren Namen vergessen, bis seine Mutter die beiden danach fragt, weil sie Geld für die Pille danach brauchen: (Von Hinten wie von Vorne) Anna. Lieblicher wird Robins erstes Mal auf dem Vorplatz des DTs. Die 14 Darsteller*innen ziehen sich Schlafsäcke über den Körper, bis sie ganz darin verschwinden. Die Schlafsäcke umarmen sich in Zweierpärchen, während von der awkwardness nach dem Sex erzählt wird. Eine stille, fast schon intime Szene. Doch da zieht wieder ein Hämmern durch die Luft. Ich suche danach, doch diesmal kommt es nicht aus den Boxen. Im Wohnhaus neben dem DT steht ein Handwerker im geöffneten Fenster und repariert den Rahmen. Es ist Dienstag 13 Uhr, ein Arbeitstag. Outdoortheater bietet nicht den Schutzraum eines Theatersaals, das muss und soll es auch nicht. Eine ältere Dame im Publikum sieht das anders und droht dem Handwerker immer wieder mit erhobenem Zeigefinger, aber ohne Zweck, ein Fenster repariert sich nicht von allein. Keine Halben Sachen erzählt die Geschichte eines Drogenabsturzes, der in einem Sturz endet. Robin sucht immer neue Highs in immer neuen Drogen, bis er zu hoch fliegt. Anstatt runterzukommen, stürzt er wie Ikarus auf dem Weg zur Sonne ab. Robin kommt mit LSD und Alkohol im Blut zu seiner Mutter nach Hause, streitet sich mit ihr, steigt spontan durch ein Fenster aufs Dach und fällt herunter. Cut. Aufwachen im Krankenhaus, alles ist vergessen, ein Balkon bremste seinen Fall, er kommt mit einer schweren Gehirnerschütterung davon. Es ist nicht ganz wie in dem alten Horror-Märchen, dass Menschen auf psychedelischen Drogen vom Balkon springen, weil sie denken sie könnten fliegen, aber fast.
Doch der wahre Schock kommt erst noch, sein Idol und bester Freund Leo besucht ihn nicht im Krankenhaus. Also geht er ihn suchen, obwohl er seine genaue Adresse nicht kennt und Leo kein Smartphone besitzt. Er glaubt Leo in einem verlassenen Haus zu finden, aber dort stößt er nur auf ein Matratzenlager mit einer schimmeligen Flasche Mate, der Schullektüre Tschick und einem Collegeblock: „Weil du mich brauchtest war ich da. Jetzt brauchst du mich nicht mehr.“ Robin erkennt seine eigene Handschrift. Jetzt wird alles klar. Leo war nur ein imaginäres Alter Ego Robins, ein Ventil, um aus seinem Leben zu entkommen. Aber eigentlich wird nichts klar. Haben die Drogen bei Robin eine Psychose ausgelöst? Ist er schizophren geworden? Nichts trifft richtig zu und erklärt wird es auch nicht, es soll wohl metaphorisch verstanden werden. Kurzgesagt nutzt Keine Halben Sachen den gleichen Plot-Twist wie der legendäre Film Fightclub, bloß mit Drogen statt mit illegalen Kämpfen.

Cringe

Es ist schön, dass die Darsteller*innen sich mit Themen beschäftigen, die sie wahrscheinlich wirklich interessieren. Besser als nach dem Motto safety-first in den Schulkanon der Reclam-Bücher zu greifen. Allerdings ist der Text selbst voller Jugend-Klischees. Antje Herdens Roman wurde als authentisch gelobt und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert, aber muss der erste Joint immer zu chemischen Drogen führen? Muss man erst tatsächlich vom Dach stürzen, um zu merken, dass unkontrollierter Konsum nicht der Weg zum langfristigen Glück ist? Durch einige Stellen im Text muss ich mich kämpfen, oder sie als Mittel der drastischen Darstellung für den Schockeffekt abtun. Das Junge DT erzeugt noch weitere, allerdings schönere Klischees. Durch die muss ich mich zwar ebenfalls kämpfen, aber nur weil sie leider doch teilweise auf meine Zeit als 15-Jähriger zutreffen. Ein unangenehmes Gefühl steigt ihn mir auf, wenn der Chor „Willst Du“ von Alligatoah im Kanon anstimmt. Ich bemerke schockiert, dass ich immer noch mitsingen könnte. Mit Cringe könnte man mein Gefühl beschreiben – was es nur auf Platz drei der Jugendwörter 2020 geschafft hat. Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, wenn das Theater meiner Teenagerzeit mal einen Spiegel vorhält, auch wenn er etwas zu grell und groß ist.
Nach der Verbeugung gehen die Darsteller*innen durch die Türen des DT ab. Drinnen jubeln und klatschen sie, es ist ihre letzte Vorstellung und sie können sich getrost feiern. Für uns alle bleiben die Theater mindestens im November auch erstmal zu. Auch das Fenster ist mittlerweile geschlossen, es ist fertig repariert.

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