Moment mal! Können wir ganz kurz innehalten? Bei so vielen Kritiken und Einblicken ins Theater möchte ich einen grossen Schritt zurückgehen. Dieses «Ins Theater gehen» ist eine ziemlich tolle Freizeitbeschäftigung. Aber an keiner Stelle wird einem erklärt, wie das eigentlich geht. Es ist ja nicht so, dass es ein bewusster Lehrplanpunkt in der Schule wäre. Ihr wurdet sicher alle mal zusammen mit eurer Schulklasse in ein Theaterhaus gejagt, hingesetzt und um Ruhe gebeten. Bitte alle klatschen. Auf Wiedersehen. Tolle Erfahrung. So geht man also ins Theater. Nicht.
Es ist durchaus legitim, dass es befremdlich erscheint, ins Theater zu gehen. Von aussen wirkt das Theater oft wie ein abgeschlossener, traditionsreicher, elitärer Mikrokosmos, in dem eigene Regeln herrschen. Ist es auch. Umso wichtiger ist es, dass jede Anwandlungen von Exklusivität konsequent eingerissen werden. Theater ist für alle da. Und vor allem für euch! Deswegen gibt es hier jetzt einen Fünf-Schritte-Fahrplan, um jede mögliche Hemmschwelle, ins Theater zu gehen, auszumerzen und euch zu Profi-Theatergänger*innen zu machen.

Schritt 1: Woher weiss man, was läuft?

Natürlich auf intrige.ch! Das ist alles, was ihr braucht. Kleiner Witz. Fast jede Stadt bietet andere Möglichkeiten, sich über das Kulturangebot zu informieren. Es gibt Printmedien, es gibt Kulturapps und Websites wie Ron Orp oder Kultur Züri oder ihr klappert selbst online die Theaterspielpläne der Stadt ab. Ihr könnt dafür bei Google einfach «Theater [Stadt]» eingeben und sofort bekommt ihr eine Liste mit den erfassten Spielstätten der gesuchten Stadt. Sowohl die grossen Stadt- und Staatstheater, als auch die freien und kleineren Bühnen werden aufgeführt.
Wenn ihr generell einen Überblick gewinnen möchtet, was im deutschsprachigen Raum so abgeht, könnt ihr gut auf nachtkritik.de gehen und unter dem Reiter nachtkritiken – vorschau sehen, was die Redaktion so auf dem Schirm hat und vielleicht interessant sein kann. Für junges Theater gibt es den SPIELPLAN auf intrige.ch. Ausserdem gibt es auf Instagram den Account @dietheaterplattform, der wöchentlich postet, welche Theater welche Premieren feiern.
Tipp: Folgt euren Lieblingstheatern, -gruppen und -künstler*innen auf Instagram und Facebook, um up-to-date zu bleiben, was es bald zu sehen gibt!

Schritt 2: Woher weiss man, was gut ist?

Eine berechtigte, wenngleich leidige Frage. Das ist natürlich in erster Linie eine Sache des Geschmacks und den entwickelt ihr erst, wenn ihr häufiger ins Theater geht und eigene Erfahrungen mit den Stilen und Theaterformen gemacht habt. Wenn die Eventbeschreibung nicht reicht und ihr euch vor dem Theaterbesuch schon Meinungen einholen wollt, könnt ihr das, in dem ihr Kritiken lest. Die gibt es in lokalen Zeitungen oder online auf überregionalen Seiten wie nachtkritik.de oder intrige.ch. Wenn ihr nach dem Stück online sucht, werdet ihr sicher fündig.
Tipp: Macht aus diesem Auswahlprozess keine zu grosse Wissenschaft. Es kann ganz tolle kleine unbekanntere Inszenierungen geben und total langweilige, aber sehr empfohlene Shakespeare-Tragödien an den grossen Theatern. Probiert ein bisschen was aus und irgendwann wisst ihr, welche Stile, Stücke, Regisseur*innen oder Häuser gefallen und welche weniger.

Schritt 3: Wie bekommt man günstige Theatertickets?

Ihr seid hauptsächlich Schüler*innen und Studierende. Deswegen könnt ihr meistens reduzierte Tickets erhalten. Theatertickets können aber sonst echt verdammt teuer sein. Das ist ein offen diskutiertes Problem in der Theaterszene, weil man so hauptsächlich nur gut verdienende Menschen in die Säle bekommt und dadurch das Publikum recht homogen bleibt. Die Tickets haben aber meist den Preis, den sie haben, weil Theater zu produzieren teuer ist. Es ist ein ewiger Kampf für viele Theatermachende, von der Stadt oder dem Land so viel Unterstützung zu bekommen, dass die Preise klein bleiben können und trotzdem alle Gehälter, alles Material usw. gedeckt ist. Also bevor ihr euch wundert oder gar aufregt über «zu hohe» Preise, bedenkt, dass ihr damit die Menschen bezahlt, die über Jahre und Jahrzehnte ihre Körper trainieren, um auf der Bühne so zu performen, dass ihr Freude dran habt. Dass Menschen mehrere Nächte durchgemacht, sich Köpfe zerbrochen, viele Texte gelesen und gelernt, Millionen E-Mails geschrieben, geschwitzt, geschraubt und gehämmert haben, um dieses Theater zu produzieren, dass ihr euch an einem Abend ansehen könnt. Hier sind trotzdem ein paar Tipps, wie ihr vielleicht günstiger einen Theaterabend erleben könnt:

  • Checkt eure Altersgruppe. Viele Theater bieten günstigere Karten für bestimmte Altersgruppen (Kinder und Jugendliche, bis 30, ü65 etc.) an.
  • Checkt euren Status. Seid ihr Studierende oder Pensionist*innen/Renter*innen? Habt ihr entsprechende Ausweise? Oft bekommen solche und auch Menschen mit Schwerbehindertenausweisen Ermässigungen.
  • Restkarten. Informiert euch, ob das gewählte Theater Restkarten günstiger verkauft. Es gibt manchmal nicht sehr offen kommunizierte Abkommen wie: ab 30 Minuten vor der Vorstellung – Tickets für zehn Euro oder fünf Minuten vor der Vorstellung – Tickets für fünf Franken. Aber auch manchmal nur für bestimmte Gruppen, wie Studierende, nur Kunststudierende oder Menschen bis zu einem bestimmten Alter.
  • Kulturpass. Viele Städte haben mittlerweile Programme etabliert, die es Menschen mit besonderen Lebenssituationen oder geringem Einkommen ermöglichen, günstiger oder auch kostenlos Kulturangebote wahrzunehmen. Ihr müsst euch dafür entsprechend registrieren und bekommt dann einen Ausweis, wie z.B. die Kulturlegi in der Schweiz.
  • Checkt eure Mitgliedskarten. Seid ihr Mitglied einer Buchhandlung, einer grossen Supermarktkette oder habt ein Konto bei einer Bank, die Kultur fördert? Dann schaut mal auf den Websites. Manchmal haben Kunden und Kundinnen Rabatt auf ein städtisches Theater oder sie bieten Gewinnspiele an. (Zum Beispiel: Die Zürcher Kantonalbank… yeah, auch noch Werbung für eine Bank)
  • Schaut euch nach anderen Freikarten und Aktionen um. Folgt dafür den Theatern und Künstler*innen auf Social Media und checkt eure Kulturwebsites. Freikarten oder Aktionen werden meist nahe an den Veranstaltungstagen angeboten.
  • Fragt Theatermenschen. Falls ihr jemanden kennt, der/die am Theater arbeitet oder Teil der Produktion ist, dann fragt die Person einfach, ob sie noch Frei- oder sogenannte Steuerkarten hat, oder jemanden kennt.

Tipp: Solltet ihr bei eurer Suche nach günstigen Tickets auf das Konzept der Abonnements treffen, oder kurz Abos, dann lest euch die Bedingungen gut durch. Diese Abos sind selten wirklich günstiger, binden einen aber an ganz bestimmte Aufführungen an ganz bestimmten Tagen. Wenn ihr spontan Lust habt, was zu sehen, hilft es nicht unbedingt, günstiger reinzukommen. Es gibt allerdings auch neue Konzepte von Abos, wie dem U30-Abo des Zürcher Schauspielhauses. Solltet ihr ein Angebot finden, was genau zu euch passt, dann voilá!

Schritt 4: Get ready for the show!

  • Dresscode. Was soll man ins Theater anziehen? Sehr einfach zu beantworten: Es ist egal. Es gibt keinen Menschen, der es prüft und euch ggf. nicht rein lässt. Es ist eher eine Frage des Anpassens. Wenn ein Ticket im Parkett zwischen 100 und 200 Euro kostet, könnt ihr davon ausgehen, dass einige sich in richtige Abendgarderobe schmeissen. Das heisst aber nicht, dass ihr das auch müsst. Dress how you feel! Egal ob Wiener Staatsoper oder Keller-Performance, Hoodie oder High Heels. Solltet ihr unangenehme Blicke spüren, egal ob over- oder underdressed, geniesst es.
  • Muss man das Stück vorher gelesen haben? Nein. Ihr könnt. Und ihr erlebt die Inszenierung dann anders, weil ihr die Inszenierungsentscheidungen vielleicht besser entdeckt und die Interpretation der Künstler*innen nochmal auf einer anderen Ebene versteht. Aber idealerweise sollten die Abende so inszeniert sein, dass kein Selbststudium vorher von Nöten sein sollte. Meistens ist es sogar spannender, wenn man nichts darüber weiss und kennt.
  • Was gehört in die Tasche? Tickets oder Bargeld, für die Tickets. Ihr solltet nicht unbedingt davon ausgehen, dass es Kartenlesegeräte gibt. // Kleingeld für die Garderobe // Ermässigungsausweise // Einen Snack und Wasser für die Pause, damit ihr nicht für eine 3-Euro-Brezel 15 Minuten anstehen müsst. // Ich hab gern noch Zettel und Stift dabei.
  • Wann sollte man dort ankommen? Das kommt darauf an, inwiefern ihr im Besitz des Tickets seid. Ist das Ticket reserviert und noch nicht bezahlt? Dann ist es nicht blöd, das bis 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn an der Abendkasse erledigt zu haben, weil die Ticketreservierungen sonst oft verfallen und als Restkarten verkauft werden. Wenn ihr auf genau die aus seid oder ihr euer Ticket schon habt, dann reicht es zwischen 30 bis 5 Minuten vor Vorstellungsbeginn zu kommen.

Schritt 5: Dos & Don’ts während der Vorstellung

Do: Pünktlich sein! Die Türen werden gnadenlos geschlossen und ihr kommt entweder deutlich später, in der Pause oder gar nicht mehr rein.
Do: Garderobe abgeben. Ist schon gut.
Do: Wenn ihr beim Platznehmen euch in der Sitzreihe eng an schon Sitzenden vorbeibewegen müsst, wendet das Gesicht zur sitzenden Person. Nicht den Po. Do: Orientierungslosigkeit in Pausen ist was, was ich jetzt schon häufiger gehört habe. In den Pausen blüht die abendliche Theatergesellschaft erst richtig auf. Aber was, wenn man damit nicht so viel anfangen kann? Wenn der gespritzte Weisswein oder der eloquente Theater-Smalltalk keine Option sind? Pausen gehen meist nur 20 Minuten. Die gehen schnell rum. Wenn ihr keine Bedürfnisse zu stillen habt, könnt ihr einfach rausgehen an die frische Luft, im Shop stöbern nach Büchern oder Programmheften. Ihr könnt euch die Foyers ansehen, wenn sie mit Bildern von vergangenen Produktionen oder Fotos des Ensembles dekoriert sind. In alten, ehrwürdigen Theaterpalästen, wie dem Wiener Burgtheater, könnt ihr sogar auf richtige Entdeckungstour gehen und das Gebäude erkunden. Ihr könnt Menschen beobachten, im Saal herumlaufen und euch auf andere Plätze setzen in anderen Rängen oder den Bühnenarbeiter*innen beim Umbau zuschauen oder belauschen.
Do: Applaudieren! Yes! Ganz grosses DO! Theater ist so besonders, weil die Kunst in dem Moment liegt, wenn alle Beteiligten im gleichen Raum zur gleichen Zeit sind. Dieser Moment kommt nie wieder und wird nie genauso reproduziert werden können. Solltet ihr also das Bedürfnis haben, den Spielenden mitzuteilen, dass ihr beeindruckt oder bewegt seid, dann lasst es sie wissen in sogenanntem «Szenenapplaus». Wenn die Szene, in der brilliert wurde vorbei ist, könnt ihr kurz klatschen. Ausserdem gibt es den klassischen Schlussapplaus. Es gibt für die Spielenden eine sogenannte Applausordnung, also quasi eine inszenierte Choreographie, wer sich wann mit wem verbeugt und sich seinen Applaus abholt. Es gehört also zum Stück und zum Abend dazu. Es ist sogar aus meiner Sicht einer der wichtigsten Momente des Theaters überhaupt, weil es der Moment ist, in dem ein direkter Austausch stattfindet zwischen den Spielenden und dem Publikum, den es im Kino zum Beispiel nicht gibt. Also seid Teil davon und klatscht, bis euch die Hände abfallen!
Do: Husten. Ich weiss nicht, was der Bühnenraum für eine besondere Auswirkung auf die Atemwege hat, weshalb so viele husten müssen. Aber wenn ihr husten müsst, bitte hustet. Wartet nicht auf den viertelstündigen Hustenzug, auf den dann alle aufspringen.
Do/Don’t: Darf man abbrechen und früher gehen? Ich habs schon gemacht. Selten. Aber kam vor. Es waren dann immer sehr werktreu inszenierte Klassiker an grossen Bühnen, die mir wirklich nichts gegeben haben, weil ich dann mehr Freude daran hatte, das Stück einfach zu lesen. Aber es ist natürlich ein Statement, das nicht unbemerkt bleibt. Wenn ihr euch entscheidet zu gehen, aus was für Gründen auch immer, dann wäre es nur rücksichtsvoll, es so dezent wie möglich zu machen. Vielleicht in einer Pause. Ich ermutige aber eher, es durch zu ziehen! Ihr könnt nie darüber wirklich sprechen und urteilen, wenn ihr es nicht ganz genossen oder ertragen habt. Und ihr wisst nie, was das Werk im Gesamten bei einem im Nachhinein auslöst. Manchmal ist das Unerträgliche auch beabsichtigt. Don’t: Handy! Ihr könnt das Gerät bei der Garderobe abgeben. Man darf weder Fotos machen, noch das Display irgendwie zum Leuchten oder das Gerät gar zum Vibrieren oder Klingeln bringen. Don’t: Darf man im Theater Fotos machen? Eher nein. Das Thema Fotos ist eine heikle Angelegenheit. Ihr solltet euch bewusst sein, dass die Künstler*innen viel Energie und Zeit investiert haben, das Wahrzunehmende zu inszenieren. Es liegen Entscheidungen dahinter. Einfach so Fotos oder gar Videos zu posten, ohne dass ihr wisst, ob die Künstler*innen damit cool sind oder nicht, ist nicht sehr umsichtig. Zumal das Displaylicht im Theatersaal einfach hart nervt. Macht das Handy aus und geniesst die Show!
Tipp: Wenn ihr aber von eurem Theaterbesuch mit Bild berichten wollt, dann geht doch auf die Social Media Seiten der Theater und sucht euch ein schönes Bild der Inszenierung aus, das offiziell für die Bewerbung genutzt wird, und verlinkt es mit eurer Story oder Post. So schafft ihr einen gut getroffenen Eindruck und wahrscheinlich eine sinnvoller hergestellte Verbindung zur Inszenierung, als mit Handybildern.
Ich gratuliere! Ihr habt den Theorieteil erfolgreich abgeschlossen. Ich ernenne euch offiziell zu Profi-Theatergänger*innen! Nun geht hinaus und seid Teil von vielen tollen Aufführungen. Ihr habt alles, was es dafür braucht. Zum Schluss lade ich euch herzlich ein, diese Freizeitbeschäftigung, des Ins-Theater-gehen in ihrer Vielfältigkeit zu zelebrieren.
Erzählt: Was ist euer erzählenswertestes Erlebnis in einer Theatervorstellung?
Illustration: Arbnore Toska

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