Aufnahmeprüfungen. Wo fängt man da an? Aufnahmeprüfungen sind dieses unangenehme Nadelöhr, durch das man sich zu zwängen hat, um in das Theaterland voller unbegrenzter Möglichkeiten zu gelangen. Die Theaterschulen spielen dabei die Rolle eines strengen Torwächters. Sie entscheiden, ob du würdig bist, dieses Land mit Anerkennung zu betreten und in ihm zu wirken oder nicht. Wird dir der Zutritt verweigert, musst du dir deinen Weg zu Ruhm und Ehre über einen anderen Eingang bahnen. Das geht natürlich nur, wenn du es wirklich willst. Dann sollte das ja kein Problem sein, so wird einem gesagt. Man käme schon irgendwo irgendwann rein. Bestimmt. Nur nicht hier. Oder vielleicht im nächsten Jahr. Komm doch nochmal wieder.
Wie kafkaesk [1].
Man fragt sich, ob es einem so schwer gemacht wird, weil es tatsächlich ein sehr elitärer (aber schlecht bezahlter) Lebensweg ist, oder ob das durch dieses System einfach behauptet wird und wir es alle anerkennen.
Wie performativ [2].
Glauben wir es mal. Wir, die Jugendclub-Kids und Hospitant*innen, Statist*innen und Assistent*innen. Die, die sich «erstmal nur um reinzukommen» für Theaterwissenschaft eingeschrieben haben und die, die in der Schule eigentlich echt Spass hatten, Emilia Galotti zu lesen. Die, die ihre Motivationsschreiben beginnen mit «Schon seit ich ein kleines Kind war, liebte ich die Bühne.» Und die, bei denen es erst jenseits des 20. Geburtstags Klick gemacht hat. Die, die sich die Theater heute jeden Monat leisten und die Spielpläne auswendig kennen. Und die, die keine Ahnung haben, was läuft aber mit einer Zigarette tagsüber im Café Kafka ein Buch lesen. Die, die unermüdlich ihre Freunde zu ihren eigens produzierten Stücken einladen. Die, die es einfach mal ausprobieren wollen. Und die, von denen es erwartet wird. Die, die insgeheim träumen, dass Hollywood anruft. Und die, die das Theater reformieren wollen.
Willkommen im Spiel um alles oder nichts. Ich biete dir hier drei Tipps, um das Spiel vielleicht für dich zu entscheiden.
[1] Kafkaesk ist ein Begriff, der häufig im Theaterkontext verwendet wird und den man sich merken sollte für Gespräche, in denen man den Eindruck machen möchte, das Wort zu kennen. Hilfreich für Aufnahmeprüfungen. [2] Performativ ist ebenfalls ein Begriff, der sich gut in Theatergesprächen macht. Merken.

Hard Facts oder Die Spielregeln

Im deutschsprachigen Raum gibt es: 26 staatliche Schauspielhochschulen, 10 staatliche Hochschulen, an denen man Theaterregie studieren kann, Theaterhochschulen und Akademien für Bildende Künste, die Bühnenbild lehren, Theaterhochschulen und Universitäten, die Dramaturgie anbieten, Theaterhochschulen und Ausbildungsinstitute für Theaterpädagogik und es gibt die praktischen Studiengänge Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis in Hildesheim.
Jede Schule bestimmt selbst, wie viele Studierende sie pro Vertiefung im Jahr aufnehmen, wie oft Aufnahmeprüfungen im Jahr stattfinden und wie sie aufgebaut sind. Meistens ist es ein Stufen-Verfahren, bei dem die Prüflinge in der ersten Runde vorbereitetes Material zeigen, in folgenden Runden praktische Aufgaben bekommen und/oder zum Gespräch gebeten werden. Nur wenn alle Runden bestanden sind, hat man die Chance, einen Platz zu bekommen. Es ist aber keine Konsequenz. Man kann auch alle Runden bestehen und auf einem Warteplatz landen. Als grobe Orientierung für Schauspiel und Regie: Je nach Schule werden pro Jahr ungefähr 10 bis 16 Schauspielstudierende und 2 bis 5 Regiestudierende aufgenommen. Es gibt aber auch Schulen, wie die Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» in Berlin, mit einer anderen Pferdestärke. Die nehmen pro Jahr von den geschätzten Zahlen doppelt so viele auf. Das heisst nicht, dass es leichter wäre reinzukommen, da es eine der begehrtesten Schulen ist.

Tipp Nr. 1: Bevor sie dich prüfen, prüf dich selbst.

Die Situation einer Aufnahmeprüfung ist nur eine von vielen in diesem Berufsfeld, in denen du in deinem künstlerischen Sein geprüft und erschüttert wirst. Und da nicht etwa deine Arbeit kritisiert wird, sondern unmittelbar du selbst – dein Auftreten, deine Sprech- und Denkweise, dein Ausdruck, dein Geschmack, deine Kreativität, deine “künstlerische Begabung” – geht jede Form der Ablehnung direkt ins Mark. Man kann sich ein bisschen innere Ruhe bewahren, indem man sich nicht erst vor der Prüfungskommission die Frage stellt, warum man diesen Berufsweg eigentlich einschlagen möchte. Und vor allem sollte man sich nicht darauf einlassen, dass nur sie einem dann orakelhaft verkünden kann, ob man generell “das Zeug” dazu hat oder nicht – auch wenn einige Kommissionen von sich glauben, diese Rolle in der Welt zu spielen. Wenn der Herr Intendant nach seinem 15-minütigen Monolog meint, dich aus dem Raum zu schicken mit den Worten «Sie haben im Theater nichts verloren», heisst das gar nichts. Zumindest nichts über dich.
Mein Tipp, um dich selbst vor den Prüfungen zu prüfen: Lass dich kritisieren! Setz dich selbst ernsthaft, aktiv und ungeschönt damit auseinander, was verlangt wird und was für Stärken und Schwächen du hast. Das fokussiert und stellt eine gewisse Stabilität her. Indem du vor den Prüfungen spielst, inszenierst und produzierst, kannst du explizit um Kritik bitten. Zeige es anderen Bewerber*innen, Menschen, die Theater unterrichten, Absolvent*innen, Theaterstudierenden. Schreibe ihnen, frag sie. Frag auch die Menschen, mit denen du an diesen Projekten gearbeitet hast. Ich habe mal einen Theaterkritiker auf einen Kaffee eingeladen, nachdem er eine Kritik über eine Inszenierung von mir veröffentlicht hat. Er sollte mir ehrlich sagen, ob er Potential in meiner Regiearbeit sieht und was für Schwächen, um an Theaterschulen angenommen zu werden. Wir treffen uns heute noch für derartiges.
Kritik einzuholen bedeutet nicht nur, das eigene Theaterhandwerk zu verbessern und Fehler auszumerzen. Kritik einholen heisst vor allem auch, das eigene künstlerische Bewusstsein auszuprägen. Man wird es nie allen recht machen können. Aber man kann lernen, das eigene Werk zu hinterfragen und dabei auf Neues zu stossen oder zu den eigenen Entscheidungen zu stehen. Denn nur du kannst deine Art Theater machen. Was ist deine Art?

Tipp Nr. 2: Wer nicht gut organisiert, kann das Spiel nicht gewinnen.

Gehen wir davon aus, dass du dich nun ausreichend mit Selbst- und Fremdkritik übergossen hast und immer noch nicht von der Idee abzubringen bist, Theater zu studieren. Vor dir liegt nun das Kernstück des Aufnahmespiels: Die Organisation. Lehn dich vor an deinen Laptop und leg Zettel und Stift bereit. Löse deinen Bausparvertrag auf und informiere Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen. Aufnahmeprüfungen fordern Aufmerksamkeit, Zeit, Ausdauer, Flexibilität und Geld. Und weil an Orga wirklich nichts Blumiges ist, gibt es jetzt hier einfach eine eiskalte Liste:

  • An welchen Schulen willst du dich bewerben? Und warum? Lies die Ausbildungskonzepte und Erfahrungsberichte und entscheide, welche Schulen auf deine Long-List kommen und welche auf deine Short-List. Und welche du gar nicht ansteuern willst. Unterschätze diesen Punkt nicht. Wenn du dich wirklich mit den Schulen beschäftigst, kannst du schon vorher eine Ahnung bekommen, welche zu dir passen könnte und welche vielleicht weniger. Das heisst, bei welcher du wirklich hoffst angenommen zu werden und bei welcher es weniger aufregend wäre. Die Energie vermittelt sich auch gern vor der Prüfungskommission. Du kannst dir damit Reisekosten und berechenbare Ablehnungen ersparen. Versuch bei deiner Auswahl das etablierte Prestige zu ignorieren und hauptsächlich auf die Ausbildungskonzepte zu schauen. Die findest du auf den Websites als PDF und zusammengefasst im Beschrieb.
  • Schreibe alle Fristen raus und markiere sie so in deinem Orga-System, dass du sie stets vor Augen hast. Achtung! Einige Schulen haben bereits im Herbst Bewerbungsschluss. Markiere auch die Zeiträume, in denen weitere Runden stattfinden würden nach Angaben der Schulen.
  • Bewerbungsunterlagen per Post oder per Mail? Die meisten Schulen haben sich bereits digital umgestellt. Andere möchten ausgearbeitete Portfolios per Post zugeschickt bekommen. Lies genau, bis wann du abgeschickt haben musst. Und wenn du nicht unnötig Geld ausgeben möchtest, so wie ich, dann setz dir selbst eine eigene Frist, um ganz sicher Expressversandkosten zu vermeiden.
  • Reisen und Unterbringung kosten Geld. Es sei denn, du aktivierst Freund*innen, Bekannte, Verwandte, die App «Couchsurfing» und ein paar «Kennt ihr jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt…»-Facebook Posts. Da gibts auch Gruppen, in denen Bewerber*innen untereinander Schlafplätze ausmachen. Dann kommst du vielleicht in allen Städten kostenfrei unter. Bleib flexibel in der Reiseplanung.

Tipp Nr. 3: Sinnvolles Energiemanagement

Sagen wir, auch dieser Teil ist nicht in der Lage, dich von der Theaterspur abzuschütteln. Gewappnet mit Zuversicht und einer guten Organisation bist du nun bereit, Einladungen und Absagen zu empfangen. Herzlichen Glückwunsch! Nachdem du in deinem Masse auf die Absagen reagiert hast, behalte sie als Erinnerung für eine Zeit, wenn du drüber lachen kannst. Konzentrier dich auf die Einladungen und gib alles! Vollster Fokus, Konzentration, Manifesting, Meditation, Proben, Training – was auch immer du zu tun hast. Auch wenn es Wichtigeres auf der Welt gibt, es gibt in dem Moment nichts Wichtigeres! Ist so. In der Zeit war ich wohl die egozentrischste Version meiner Selbst. Es geht dir um was. Und das hat Gültigkeit. Auch wenn andere es weniger verstehen, oder es vollkommen verstehen. Und deswegen rate ich dir hier, diese Selbstfixierung bewusst anzuwenden, um Dinge abzuwenden, die dich negativ beeinflussen. Ich hatte es mit Neid zu tun, mit Überheblichkeit, mit Machtspielchen, mit zermürbenden Vergleichen. Menschen wollten es mir schlecht reden, ausreden, mir das Gefühl geben, ich sei nicht gut genug. Aufnahmeprüfungen an sich sind schon stressig. Aber das ganze Drumherum kann einem auch nahe gehen. Freund*innen, Familie, entfernte Bekannte, Menschen, die man nicht mag, und vor allem einige Mitbewerber*innen - alle schienen eine Meinung dazu zu haben, dass ich mich bewerbe. Manchmal direkt. Manchmal subtil. Aber es ist deine Chance. Nicht deren.
Und es ist deine Zeit. Es sind deine Erfahrungen und Geschichten, die du erlebst. Du wirst Menschen kennenlernen, mit denen du diese Aufnahmeprüfungszeit gemeinsam bestreitest und mit denen du weiter befreundet sein wirst. Und vielleicht sitzt du irgendwann in der Küche einer Theaterakademie und lachst mit anderen über diese Zeit. Oder vielleicht hat es auch nach 3 Jahren und 30 Versuchen nicht geklappt über diesen Weg. Es geht nicht darum, dem System zu entsprechen, sondern der systemreichen Welt geiles Theater entgegenzusetzen. Also: Los!

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