Die Kränkung des westlichen Theaters

Nach dem Lockdown gibt es endlich wieder Theaterdaten, die man sich in den Kalender eintragen kann. Bald kann man das Premierenoutfit aus dem Kleidersack hervorholen und die Weissweinschorle im Voraus kaltstellen. Das Postpandemische Theater steht vor lauter Vorfreude schon vor der Sommerpause in den Startlöchern. Ebenso wie die Shakespeare und Tschechow-Stücke, die wir alle doch am allermeisten vermisst haben. Bald können wir wieder die Vorzüge der leiblichen Ko-Präsenz geniessen und zwar live sowohl im Saal als auch im Foyer. Ein Traum.
Als Theatermensch hab ich mich zu freuen, so scheint mir. Doch das tu ich nicht. Mir fällt es schwer, nach den vergangenen Monaten den gewohnten Theaterbetrieb sich wieder in Gang setzen zu sehen. Der Lockdown und die Antirassismus-Bewegung haben meine Einstellung zu “Theater” zutiefst erschüttert. Ich habe das “Theater” plötzlich entblösst wahrgenommen. So starr, stur, unflexibel, realitätsfern, ignorant und methatesiophob [1]. Mir kommt “Theater” nicht länger wie eine lebendige Kunstform vor, die sich durch Neugierde und Aufgeschlossenheit auszeichnet, sondern wie ein eingeschworenes und registriertes Trademark-Unternehmen, das als Monopol den Weltmarkt der Darstellenden Künste beherrscht. Ein starres Konstrukt, das es vorzieht, Strukturen zu reproduzieren statt sie fortwährend radikal und tiefgründig zu hinterfragen, sie zu dekonstruieren und neu zu gestalten in Mitsprache aller. Ein starres Konstrukt, das die Tendenz nicht nur aufweist sondern regelrecht pflegt, die Erfahrungen und Verständnisse anderer zu dieser Kunst- und Ausdrucksform auf eine dominante Weise zu diskreditieren, was anmassend ist. Ein starres Konstrukt, das in ein anderes Jahrhundert gehört.
Die Frage, was Theater ist, ist keine, die durch einen Definitionseintrag in einem Lexikon ein für alle Mal geklärt ist und geklärt sein sollte. Ein pedantisches Rekurrieren auf irgendwann mal drauf geeinigte Parameter hemmt und hindert neue Auseinandersetzungen, neue Partizipationen und Kollaborationen und vor allem verfälschen sie den Blick. Mein Blick auf Theater wurde verfälscht, wie ich in einem Gespräch mit meiner guten Freundin und internationalen Theatermacherin Maxie Lankalingam erfahren musste. Maxie ist 24 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Indien. Sie hat in den USA, Zürich und London Theater studiert und hat eine ganz einzigartige Perspektive, die sie gern für diese Kolumne teilen wollte. Die folgenden Worte sind ihre aus unserem aufgezeichneten Gespräch, die ich aus dem Englischen übersetzt habe.
[1] methatesiophob: Angst vor Veränderung

Maxie Lankalingam
Momentan wird viel bemerkt, dass die Weissen zu einem sehr hohen Grad am Theater beteiligt sind und die Frage kommt auf, warum nicht mehr People of Color (PoC) am Theater teilnehmen. Ich denke, dass es sich darauf zurückführen lässt, wie wir Theater definieren: In den verschiedenen Kulturen der Welt wird Theater ganz unterschiedlich gefeiert. Aber innerhalb des verwestlichten Kontextes wird in der Theatergeschichte immer nur auf das Antike Griechenland zurückgeführt - das scheint der erste Kontaktpunkt zu sein, den die westliche Gesellschaft mit Theater hatte. Dabei gab es frühere Zivilisationen, die Theater auf viele verschiedene Arten praktiziert haben, an die wir aber nicht unmittelbar und unbedingt denken, wenn wir an Theater denken. Das liegt unter anderem daran, dass die Definition von Theater von Weissen erfunden wurde. Diese Vielfalt an kulturellen Theaterpraktiken kann aber nur schwerlich in den westlichen Kontext der darstellenden Kunst gepresst werden. Wenn Theater von Weissen definiert wird, dann werden natürlich Weisse immer die Besten darin sein. Sie werden immer die dominierenden Menschen sein, die am Theater teilnehmen dürfen, weil die Spielregeln vom Westen geschrieben werden. Deshalb wird es immer Weisse geben, die die dominanten Personen sind, die das Spiel spielen. Es wird immer Weisse geben, die das Spiel gewinnen.

Der Begriff Theater braucht Diversifizierung

Wenn wir mehr Vielfalt im Theater wollen, dann sollte sie durch eine Diversifizierung des Begriffes Theater bzw. des Verständnisses darüber erreicht werden und nicht allein durch eine Diversifizierung der Bühne, der Stücke und Strukturen, die wir bereits geschaffen haben. Wir müssen das, was wir unter Theater verstehen, um ein Vielfaches erweitern. Die Grenzen, die das westliche Theater setzt, müssen gesprengt werden, denn sie sind nicht annähernd repräsentativ. Das ist etwas, das von Anfang an hätte getan werden müssen. Es gibt all diese verschiedenen Akteur*innen, die der Westen diskreditiert, wenn es darum geht, wer ein*e Theatermacher*in sein darf, auch z.B. aktuell im Zusammenhang mit digitalen Praktiken. In Indien gibt es die Praxis, die Kathakali genannt wird. Aber im westlichen Kontext wird es nicht als Theater, sondern als Tanz gesehen. Dabei ist es ein riesiges theatrales Element Indiens. Der Westen kürzt also Kathakali einfach aus dem Kanon, der als “Theater” akzeptiert wird. Als Inderin, die in Indien aufgewachsen ist, habe ich immer das, was der Westen unter Theater versteht, wahrgenommen und akzeptiert. Es ist die dominierende Stimme. Ich wurde immer darüber aufgeklärt, was im Westen geschieht. Ich habe amerikanische Fernsehsendungen und Filme gesehen. Andersrum ist es in der Regel nicht der Fall. Oft ist der Westen nicht so gebildet, was in Indien passiert.
Es sollte daher bereits in der Schule begonnen werden, eine diversifizierte Bildung zu offerieren. Geschichte wird so geschrieben, dass vieles von dem, was in anderen Kulturen vor sich geht, entweder durch die Kolonisierung und die mit der Kolonisierung einhergehende Schuld betrachtet oder gar ausgelöscht wird. Ich erinnere mich, dass ein Lehrer (er war weiss) sagte: "Kolonisierung war, dass wir in ein anderes Land gingen und Ideen austauschten. Wir lernten von ihnen, und sie lernten von uns.” Ich glaube, es kommt von einem unreflektierten Schuldgefühl, nicht sagen zu wollen: "Wir haben Menschen in anderen Kulturen vergewaltigt und getötet."
Die Schul- und Universitätslehrpläne sollten so umgeschrieben werden, dass sie in allen Unterrichtsfächern viel mehr Perspektiven und Hintergründe einbeziehen. Sowohl die Lehrenden als auch die Schüler*innen, die ja selbst oft einen diversen Erfahrungshorizont haben, könnten sich mit viel mehr auseinandersetzen, als nur der westlich-normativen Sichtweise auf die Welt. So kann ein ganzheitliches Verständnis von der Welt entwickelt werden, das dann auch das Theater erfährt. Sonst wird es immer diese Tendenz der "Exotisierung" des kulturellen Theaters geben. (Mit “kulturellen Theater” meine ich global alle Praktiken der darstellenden Künste.) Wenn die Begegnung mit anderen Kultur- und Theaterformen eine einmalige Erfahrung bleibt, hält man die Distanz aufrecht. Wenn aber bereits im Lehrplan der Schule steht, dass man sich diese verschiedenen Arten von Theaterstücken und all diese verschiedenen Filmarten ansehen wird, und im Lehrplan der Universität steht, dass Theaterwissenschaft nicht nur verwestlichtes Theater ist, sondern Theater in all diesen verschiedenen Kontexten, dann fällt es leichter, sich dieser Perspektiven anzunehmen. Man kann lernen, wie unterschiedliche Gemeinschaften sich ausdrücken und agieren. Wenn man einen Theaterraum betritt und etwas in einer anderen Sprache erlebt, die Gesichter nicht erkennt, die Körpersprache nicht versteht, sich nicht zugehörig fühlt, dann ist das eine Konfrontation, die Menschen Angst machen kann. Ich glaube, einige Menschen haben Hemmungen, in eine Welt zu treten, von der sie nichts wissen und die ihre Perspektive in Frage stellen kann. Und genau das tun wir Theaterschaffende ja: wir schaffen Welten.
Interessant ist aber doch, dass es genau das ist, was PoC ständig tun müssen - sich ständig in Umgebungen begeben, wo die Menschen um sie herum nicht die gleichen Erfahrungen haben und machen. Wir als PoC sind mehr darauf konditioniert. Aber ich denke, es ist generell wichtig für alle zu erkennen, wie beängstigend das für jeden sein kann. Theater kann dabei eine Rolle spielen.
Wenn es darum geht, Theater "inklusiv" zu machen, wird darunter schnell verstanden, alle in die eine Definition von Theater einzubeziehen. PoC werden jetzt aktiv eingeladen, in diesen Strukturen Theater zu studieren und zu machen. Und genau das ist das Problem: Theater ist nicht der Raum einer bestimmten Person oder Gruppe, in den jemand eingeladen werden kann. Es ist keine Tür, die weiße Menschen öffnen, um die PoC hereinzulassen. Es sind viele verschiedene Räume, in denen unterschiedliches Theater praktiziert wird. Wir treffen uns nicht in einem dieser Räume, sondern im Flur, um gemeinsam ein großes Stück zu schaffen. Es ist eine Plattform, die von all diesen verschiedenen Menschen geteilt wird. Ich glaube nicht, dass es einer bestimmten Gemeinschaft obliegt, einer anderen Gemeinschaft eine Stimme zu geben. Ich kann niemals jemandem eine Stimme geben. Die Stimme ist nicht etwas, das ich jemand anderem geben kann. Mit dem Theater ist es dasselbe. Man kann das "Geschenk des Theaters" nicht an jemand anderen weitergeben. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Es gibt keinen Weg, den Weisse einrichten können, damit PoC ihn nun gehen. Die Leute sind auf ihrem eigenen Weg und erleben ihr eigenes Leben. Sie brauchen diese Hand nicht unbedingt, die ihnen ausgestreckt werden muss, um die Arbeit zu tun, die von ihnen gewünscht ist. Alle Menschen haben eine einzigartige und individuelle Perspektive auf die Dinge, und auch die Erfahrung von Theater ist eine ganz individuelle. Eine bestimmte Definition oder ein bestimmtes Verständnis von Theater ist nicht auf jemand anderen ohne weiteres anwendbar oder ausdehnbar.
Wenn jede einzelne Person, egal ob PoC oder nicht, auf der Plattform Theater gehört und gefragt wird, wie deren Realität und Erfahrung widergespiegelt werden kann, dann kann besseres und einzigartiges Theater geschaffen werden.

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