Wenn die leibliche Kopräsenz zur laiblichen Kopräsenz wird

Seien wir ehrlich. Die letzten Wochen waren nicht gerade leicht. Etwas, das uns so glücklich gemacht hat, ist einfach aus unserem Leben weggebrochen. Gestern noch haben wir tolle Abende miteinander verbracht. Wir haben gemeinsam gelacht, geweint, diskutiert und geliebt. Und von einem Tag auf den anderen war alles aus. Wir wurden versetzt mit unseren halbfertigen Produktionen und den gekauften Tickets. Es wurde zwar gemeint: «Wir sollten für einige Zeit erstmal getrennte Wege gehen.», «Ich brauche einfach meinen Freiraum.», «Es ist das Beste für uns beide», «Es ist nur vorübergehend.» und «Es liegt nicht an dir. Es liegt an mir.» Aber tief in unserem Herzen wussten wir, was das hiess. Wir wussten, dass wir durch eine schmerzliche Zeit gehen werden ohne konkrete Aussicht auf eine epische und romantische Wiedervereinigung. Das Theater hat sich vor uns verschlossen. Und wir trauern.

1. Phase der Trauer: Leugnen

Es ging alles ganz schnell. Anfang März war die Pandemie scheinbar plötzlich da. Innerhalb weniger Tage schlossen alle grossen Theater und Bühnen und direkt im Anschluss alle kleinen. Vorstellungen, auf die man sich lange im Voraus schon gefreut hat, fielen ins Wasser. Extrem enttäuschend. Die meisten Produktionen, an denen wir mit Herzblut gearbeitet haben, mussten abgebrochen werden. Herzzerreissend. Unterschiedliche Stimmungen verbreiteten sich. Neben desaströsen existentiellen Problemen für die, die hauptberuflich Theater machen und auf einmal vor finanziellen Abgründen standen, gab es auch die allseits verbreitete Urlaubsstimmung mit dem entschleunigten Praktizieren von Achtsamkeit und Selbstfindung. «Geniessen wir doch einfach mal diese Zeit. Sie wird sicher schnell vorbei sein. Halten wir es gemeinsam durch! Es ist eine Chance!»

2. Phase der Trauer: Zorn

Etwas orientierungslos trieben wir in die ersten Tage und Wochen der Quarantäne und verbrachten unsere Zeit mit Dingen, die wohl alle gemacht haben: Lesen, Filme und Serien schauen, einen neuen Haarschnitt bekommen, Brot backen. Doch unsere Ruhe war nur oberflächlich. Innerlich fing es an zu brodeln. Was heisst das, dass die Theater geschlossen sind? Was heisst es für uns persönlich? Was heisst es für die Gesellschaft? Das kann so nicht sein! Es musste was passieren. Ungeahnter Tatendrang erhebte sich. Kreative und politische Energien wurden frei. Wir lassen uns nicht unterkriegen! Theater passiert weiter! Wenn das analoge Theater uns die Tür vor der Nase zugeknallt hat, dann bandeln wir halt jetzt mit dem digitalen Theater an. Wir waren zwar vorher nie wirklich interessiert daran. Aber besser als nichts, oder?
Also. Wie geht das Internet? Digitaler Raum, öffne dich! Machen wir einfach mal was Simples. Kleine Videos auf Instagram. Vielleicht auch was Interaktives. Oder einen Stream! Shakespeare geht immer. Shakespeare im Wohnzimmer. Shakespeare beim Sport. Shakespeare auf dem Klo. Eben ausgedacht und schon produziert und hochgeladen. So schnell geht das mit dem Digitalen. “Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage”. Lieber nicht sein.

3. Phase der Trauer: Verhandeln

@laura.tontsch

People who are into digital theatre during Corona vs people who are not. ##theatre

♬ vibe for this year - josephiv_

Die vorher karge digitale Theaterlandschaft erblühte wie nie zuvor. Wo man auch hinsah, überall sprossen Livestreams, Videos und auch ganz neue interaktive Formate. Die Spielpläne kannten keine Grenzen! Keine Ländergrenzen und keine Preisgrenzen. Alles war zugänglich und nur mit einem Klick entfernt. Doch auch wenn die Zeit, die wir mit dem digitalen Theater verbrachten, interessant und abwechslungsreich war, so kann doch kein Stream der Welt jemals unser geliebtes analoges, «echtes» Theater ersetzen. Hauptsächlich wegen der leiblichen Kopräsenz, also dem zur-gleichen-Zeit-am-gleichen-Ort-Sein. Darüber schienen wir uns alle einig. Wir liessen es uns dennoch nicht nehmen, ausgiebig darüber sprechen in vielen Artikeln, Podcasts und - welch Ironie - in Streams. Wir wiederholten das Offensichtliche einfach so lange bis wir es alle verstanden haben und niemand mehr Panik schob, die eh nie geschoben wurde.
In der Zwischenzeit feierten die ersten wohlproduzierten Pandemie-Inszenierungen digitale Premieren. Einige von uns sind voll aufgeregter Neugier und sind Teil jeder Vorstellung, die nach gut durchdachten und spannenden neuen Ideen riecht. Andere hätten sich nicht weniger interessieren können. Einige schrieben in der Zeit, als diese neuen Formate liefen, noch weitere Artikel darüber, dass Streams nicht die einzige Form des Theaters bleiben können und sollen. Einfach um es nochmal gesagt zu haben. Hauptsächlich wegen des Ausbleibens der leiblichen Kopräsenz.
Der Stream ist nun offiziell nicht die Zukunft des Theaters. Hauptsächlich wegen des Ausbleibens der laiblichen Kopräsenz. Und anderen strukturellen Hindernissen. Ausserdem hat man erkannt, dass einige Theatermenschen digital-affiner sind als andere. Verhandlungsphase vorerst abgeschlossen.

4. Phase der Trauer: Depression

Doch irgendwann ist's genug. Bitte kein Zoom mehr. Kein Screen. Keine Diskussion und Debatte über #systemrelevantestheater, Liveness und laibliche Kopräsenz. Wir brauchen Distanz, um all das Neue zu verarbeiten. Vielleicht sollten wir nochmal ein Brot backen, bis drei Uhr morgens Netflix schauen oder in den TikTok Strudel versinken und Theater einfach mal Theater sein lassen. Resignation. Wir öffnen unsere digitalen Fotoalben und versinken in Nostalgie, erinnern und vermissen. Wann waren wir das erste Mal im Theater? Was war unser erster Bühnenauftritt? Was war das beste Stück, das wir gesehen haben? Was war die tollste Produktion, an der wir teilgenommen haben? Was waren die letzten Vorstellungen, die wir besucht haben und woran haben wir zuletzt gearbeitet? Was auch immer wir mit Theater verbinden, warum auch immer wir Theater brauchen und wodurch auch immer wir uns theatral ausdrücken wollen - Theater ist zumindest immer für unser persönliches System relevant.

5. Phase der Trauer: Akzeptanz

Eines Morgens wachen wir auf und essen zum Frühstück eine Scheibe unseres Laib Brot. Wir spazieren an unserem Theater vorbei. Einige Monate sind vergangen, seitdem wir hier waren. Viel ist in der Zeit passiert. Wir wünschen uns vieles für das postpandemische Theater. Was auch immer kommen mag, wir wissen jetzt wie man Brot backt.

@laura.tontsch

My life rn ##fyp ##quarantinelife

♬ original sound - moniquoi
Kommentare unterstützt von Disqus.